Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 40 DIE^ELT 1059 Und wenn wir in Zukunft einen ökonomischen Niederrangdadurch erleiden werden, dessen wir uns nicht mehr zu erwehren vermögen, oder ein Zusammenbruch erfolgen wird, aus dem es keine Rettung gibt? Nun, auch von diesem Gesichtspunkte aus muß man logisch und vernünftig die Frage studieren und nicht Instinkten und Begehrlichkeiten folgen/' — Soweit der interessante Artikel. Hier ist zwar noch keine Klärung, aber doch schon eine starke Einkehr. Wenn die Absichten des „Alemdar" ehrliche sind und er nicht nur darauf ausgeht, die Regierung auf das Glatteis zu locken, so haben wir uns wirklich der Aenderung der Anschauungen in der Türkei zu freuen. Russischer Brief Das dunkle Gewölk, welches über Kiew lagerte und ein wildes Pogrom-Gewitter zu verkünden schien, hat sich etwas aufgehellt und ein Stück blauen Himmels wird sichtbar. Wir wollen, durch manche bittere Enttäuschung mißtrauisch gemacht, noch nicht die Ruhe in diesem Reich für ganz gesichert erklären, aber daß eine Stimmung gegen die Inszenierung von Pogromen, eine leichte Wendung zum Bessern eingetreten ist, dünkt uns unbestreitbar. Ihren Ausgangspunkt bildet die Erklärung Kokowzews, „die Regierung werde keinerlei Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung dulden4', die durch verschiedene ähnlich lautende Aeußerungen der offiziösen Presse eine entsprechende Begleitung erhielt. Der ..Kiewlanin" verkündete, daß es der einmütige Wille der Behörden ist, die Ruhe aufrechtzuerhalten, und er forderte von den echtrussischen Agitatoren, daß sie ihren Aufhetzungen ein Ende setzen. Kurz darauf erschien in der gesamten Presse eine Mitteilung, der Zar wünsche dringlichst, daß die öffentliche Ruhe nicht gestört und daß die Sicherheit der jüdischen Bevölkerung nicht gefährdet werde. Zwar entbehrte diese Willensäußerung der offiziellen Form eines „Ukas", nichtsdestoweniger wagte es niemand, gegen die absolute Richtigkeit dieser Mitteilung irgendwelche Zweifei zu erheben. Sofort haben die echtrussischen Demagogen des ,J)\\ ugiawij Orjol", die reaktionären „Gouvernements-Nachrichten", die bereits eine förmliche und wohlorganisierte Lügen- und Verleumdungscampagne eingeleitet hatten, wie auch die Petersburger und Moskauer Federbanditen und Hetzapostel eine ganz andere Sprache zu führen begönnen. Erstens erklärten sie, daß sie nicht daran dächten, jetzt „den Behörden Verlegenheiten zu bereiten'*, zweitens bezeichneten sie das Gerücht, daß in Kiew ein Pogrom bevorstehe, als unwahr, drittens entwickelten sie plötzlich eine so außerordentliche Hochachtung vor den Gesetzen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, daß die „Semschtschina", das bekannte Organ der wildesten Rlut» märchenerzähler und der zügellosesten Hetzpropoganda, sich nicht entblödete feierlich zu versichern, daß es nie daran gedacht habe, für Judenmassakers Stimmung zu machen. Das sind ohne Frage gewichtige Symptome, die uns wohl berechtigen, von einer Anti-Pogromströmung zu sprechen. Daß die Reibungen fortdauern, daß unsere Lage infolge der unmenschlichen, rücksichtslosen, von einer tendenziösen Gesetzgebung ausgeklügelten und von einer herz- und sinnlosen Bureaukratie gehandhabten Beschränkungen, Austreibungen, Quälereien und Chikanen aller Art eine unerträgliche geworden ist, das dürfte aligemein bekannt sein. Das ist sozusagen „die normale Lage" geworden, an die sich die Leute gewöhnt haben; für viele entbehrt dieser Zustand schon der Pikanterie des Neuen und — was das Traurigste ist — draußen ist die Empfänglichkeit und die ethische Entrüstungsfähigkeit für die Nachrichten über diesen Zustand äußerst gering. Das Gespenst der neuen Progromgefahren hingegen hatte die Leute aufgerüttelt. Nun wurde dieses Gespenst vorläufig verscheucht: für den Augenblick ist die Gefahr verhütet. Die geängstigten und geflüchteten Kiewer Juden mögen zurückkehren. Eine Pogrompanik ärgster Art haben unsere Kiewer Brüder überstanden — und diese Hölle harrt noch der Beschreibung eines neuen Dante. Die Angst um Weib und Kind! Um des Kindes willen opfert der Jude jeden Anteil am Lebensglück und trägt klagelos die schweren Ketten, die ihn an den Pflock seiner Pflicht schmieden. Mit diesem Opfer will er das Glück seines Kindes erkaufen, das Recht, dem Kinde beizustehen in dem schweren Leidenskanipfe — und plötzlich erhebt sich das grinsende Ungeheuer, das Gespenst eines blutdürstigen Pöbelhaufens. „Nicht plündern, sondern schlachten werden wir" — so lautete die erste Parole der judenfresserischen Hörde. Und dann begannen die Gerücht c: in in herzuschwirren. Man hat es leicht, von der Ferne den itrjeerbihgeri Kritiker zu spielen und die leichtgläubige Nervosität zam verurteilen. Aber wenn man drinsteckt mit Frau und Kjn4bnt, mit Verwandten und all dem Hab und Out, und wenn um an weiß, daß sich die Gerüchte, trotz der beruhigenden Versicherungen, schon früher zu oft bestätigt haben, so emfjfimitbA man die Lage ganz anders. Eine Woche lang wurden socHmlle Warnungsrufe ausgestoßen, jeden Tag klangen die Drfmi n gen der echtrussischen Versammlungen und die Alarm na ch liidten durch die Stadt und die Umgegend — und da mußte dniin Panik entstehen. Die wildeste Flucht begann, die Bahinhöfe »raren wie belagert, die Züge überfüllt, zumeist mit Futmin,, Kindern, Greisen, der Verkehr stockte, Handel und Gerate gerieten in Stillstand, die Leute, die von Tag zu Tag ilnrr BB-rot verdienen, mochten am Hungertuch nagen! „Der scLre düiibfiste der Schrecken" — sagte mir eine bekannte Dame — Jfrslxlie demütigende Scham vor den nichtjüdischaen Dienstbote n; otss schien mir die ganze Zeit hindurch, daß sie mich in geibmler Ironie anlachen .. ." Es waren auch Fälle von Kündigung gsoci(»ens christlicher Dienstboten, sie wüßten es; ganz genau, sagten sie, daß ein Pogrom ausbrechen würde, und da möchte» ssk nicht dabei sein . . . Wieviel Geld, Gesundheit, vielleicht 5.11.11 ch Menschenleben eine solche Panik verschlingt — diese Äil len lassen sich durch keinerlei Statistik ermitteln. Und all das war wegen einer Sswlie, an der die Juden nichts helfen und nichts ändern kämmten. Dymitry Bagrow mochte als Jude in der Matrikel-K«iiiili:icü31e figurieren — seine Erziehung, seine Umgebung, seine Mlotive und seine Tat verlieren sich in das Dickicht, im iihw man zwischen den Desperados der sozialen Revolution.«: mnd den Spionen nebst Kontraspionen gar nicht mehr iittfierscheiden kann. Die „Ochrana"! Dieses Institut des monsanrothischen Schutzes, dieses Palladium des bestellenden Regie runigjsssfstems, vom Spinnweb raffiniertester Intriguen durchzogen, iiiiiuidurchdringbar, alle Luft und alles Licht abschließend, die feaAOoHution bekämpfend und von dieser umsponnen, steht jetat so ibrchtbar kompromittiert da, daß eine Untersuchung von iilleriln5ü«Ihster Stelle aus gegen die Kiewer Abteilung angeordnet wrcenlcn mußte. Hat dieser Umstand einerseits euiidi Dänischwung beigetragen, der in der strengen [Haltung der Bellwionlen der Pogromgefahr gegenüber seinen Ausdruck fand, s 00 \k t die nunmehr erfolgte Ernennung Kokowzews zum Ministenpuisidenten immerhin ein Symptom — wenn auch nicht des IFoortschrittes und der Entwicklung freierer Einrichtungen oikr der Anbahnung einer Gleichberechtigung, so doch wenigstens einer gewissen Mäßigung, einer Rücksichtnahme auF *Li:is; Ausland und auf die Finanzlage. Dieser fVlann mit dem KSechenstift in der Hand gehört nicht zu unseren Freundet^ uuuul es ist kaum zu erwarten, daß er mit der allmächtigen iieisl isemitischen Kamarilla einen Kampf für uns aufnehmest wird, aber daß er keine Pogrome dulden wind, das scheimt siüdiier. Es fragt sich nur, wer zum Minister des Innern craaiiniit werden wird. Hier ruht das Schwergewicht der inneren und der jüdischen Lage. N-m. Seit dem 1. Oktober befind ein sich das Zionistische ZenfuM.ü mreau, soeoie die Bihmimuk der Palestine Cond DeoelopiiMMh Company £td. der Immobilien gesellschaft „MSstina^ m. b. H. des Paläftina-lndufiriesynd ik^ifes; m. b. H. der Tiberia-£u«d- und Plcinttnog^e ngesellschöft m. b. ß. des Vereins Ölbaurnspende (G KT) des Pflanzungpereins „Paläsiira^** des Uerlages und der Redaktion „Die Welt" und des Jüdischen üerlages in Berlin W. 15, Sächsische Str. 8 Telephon Amt llhtail, Hr. 845 Alle für obige Bureaus besli irarten Sendungen rjoolle man non jeffi an ausschließlich am »(Biese Adresse ri<