Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1058 DIE3^ELT No. 40 lassen. Gelingt es ihnen aber doch, so soll ihnen ein hartnäckiger Guerillakrieg geliefert werden. Die Folgen des Verlustes von Tripolis Es ist ganz natürlich, daß die Türkei die Forderung- Italiens auf widerstandslose Abtretung des Gebietes von Tripolis und Benghasi nicht annehmen konnte, sondern bis aufs Aeußerste um die Erhaltung ihres Gebietes kämpfen muß. Die Ueberlassung oder der Verkauf der Provinz würde sofortige Begehrlichkeiten, zuerst auf dem Balkan, wachrufen, wo insbesondere Bulgarien nur auf günstige Gelegenheit wartet, um zuzugreifen. Aber auch der Verlust der Provinz durch den Krieg kann ähnliche Konsequenzen nach sich ziehen. Man erwartet als ersten Effekt desselben fast allgemein den endgültigen Anfall Kretas an Griechenland, dann die Erklärung der britischen Souveränität über Aegypten, von der schon in Pariser Telegrammen die Rede ist, vielleicht — wer weiß — neue Kompensationsforderungen von Seiten Rußlands, womöglich auch Oesterreichs. Im schlimmsten Falle ist eine große, bis zur Zerstückelung gehende Schwächung der Türkei nicht als außer dem Bereiche der Möglichkeit zu erachten. Alles liegt darum für die Türkei daran, daß die italienischen Eroberurigsversuche zum Scheitern gebracht werden können oder doch so lange und so erfolgreich aufgehalten werden, daß doch noch eine rettende Einmischung Europas möglich w ird. Allein diese Aussicht ist recht gering, und die Perspektiven für die Türkei recht düstere. Wandel in der Haltung der türkischen Opposition gegenüber dem Zionismus Wenn man sich erinnert, in welch leichtsinniger und fanatischer Weise die osmanische Parlamentsopposition den Zionismus vor einem halben Jahre in der Kammer und in der Presse angegriffen hat, so muß man höchlichst überrascht sein über die Wendung, die seitdem eingetreten zu sein scheint. Vor einer Woche publizierte der „AI e m da r", das Hauptorgan der Minorität, das unter Leitung von Lutfi Fikri Bey erscheint, einen großen Leitartikel über unsere Bewegung. „Sicherlich/4 beginnt der Autor, „ist noch in aller Er- * innerung, daß im vergangenen Jahre die zionistische Frage auf der Tagesordnung der Kammer stand und daß einige Deputierte bei der Kritik der Politik des gegenwärtigen Kabinetts mit aller Kraft behaupteten, daß die guten Beziehungen der Regierung zu den Zionisten ganz und gar nicht mit dem wahren Interesse des Reiches und Volkes zu vereinigen wärer«. Das alles kann schon darum nicht in Vergessenheit geraten, weil die Frage, nachdem sie in der Presse einige Zeit hindurch große Diskussion hervorgerufen, aus der Presse in den Volks m und übergegangen ist. Seither hat man nicht aufgehört, Richtiges und Unrichtiges über den Zionismus zu sprechen. Bereits im Parlamente isi das wahre Wesen des Zionismus eigentlich völlig unerforscht geblieben; die Reden, die gehalten worden waren, waren nicht in das Innere des Gegenstandes eingedrungen, wie es geziemt hätte, sondern im Gegenteil aus Skandal- und Oppositionslust um sein Wesen in weitem Bogen herumgegangen. Und wenn nun schon die Parlamentsdebatten über Zionismus und Zionisten, die Angriffe auf der gegnerischen Seite und die Verteidigung auf der anderen, nichts als den Austausch heißer Worte, nichts als Lärm und Getöse zutage gefördert haben, so wäre es sicherlich vergebens ,nun daran zu denken, daß die Sache klarer und wahrer, mit Logik und Vernunft ans Licht gezogen werden würde, nun da sie in den Volksmund übergegangen, so daß die Fällung eines geraden Urteils möglich würde. Die Volksmasse, die alles stets nach ihrem simplen Instinke zu beurteilen liebt, entscheidet gewöhnlich schnell und ohne tieferes Verständnis für die Dinge. Nun sind aber die Gerüchte, die über die zionistische Frage unter dem Volke umlaufen, ungefähr folgenden Inhalts: Seht, man verkauft den Juden einen Teil des Bodens des Reiches, seht, die Juden reißen die Herrschaft an sich, und Aehnliches .... Wir unterlassen es, hier über die Ideen und Ziele der Zionisten vom ersten Baseler Kongresse ab bis zum diesjährigen Kongresse zu reden. Nur eine rapide Betrachtung ihrer Tätigkeit seit der Konstitution sei uns hier verstattet und der Art, wie die ottomanische Regierung sich zu ihnen verhält. Da müssen wir denn sofort darauf aufmerksam machen, daß hier ein großer Widerspruch in die Augen springt. Damals, als der Zionismus auf der Tagesordnung des Parlamentes stand, und als man sich seiner zu bedienen suchte, um die Politik der Regierung in Grund und Boden zu kritisieren, da wählte die Regierung das System der ausweichenden und ableugnenden Redensarten. Der Minister des Innern mühte sich zu beweisen, daß er die zionistischen Bestrebungen niemals unterstützt habe und niemals unterstützen werde. Und der Großwesir — nun, seine Verteidigung machte den Eindruck eines der seltsamsten Dinge in der Geschichte unseres Parlamentes; er zeigte sich geradezu töricht, als er den Zionismus als eine Utopie und die Zionisten als viereinhalb Charlatane bezeichnete. Zu gleicher Zeit hatte auch das Telegramm viel Streit hervorgerufen, das ein hoher Beamter des Ministeriums an den Kongreß in Hamburg gerichtet hatte. Und jetzt, auf dem diesjährigen Zionistenkongresse zu Basel, wurde — wenn die Mitteilung richtig ist — eine Depesche unseres Großwesirs stehend angehört und mit stürmischem Händeklatschen aufgenommen! Wenn wir uns nur auf diese Tatsache stützen wollten, so könnten wir feststellen, daß der Zionismus und die Zionisten, die im vergangenen Jahre in den Ideen des Großwesirs noch keinen Platz gefunden hatten, bereits dieses Jahr heimisch in ihnen geworden sind. Ja, es ist tatsächlich wahrscheinlich, daß die gegenwärtige Regierung, die zuerst das Ziel der Zionisten nicht richtig erfaßte — das Ziel, das durchaus nicht auf einen besonderen unabhängigen Staat gerichtet ist, sondern auf die soziale und ökonomische Hebung des gelobten Landes, an das die Juden mit Fühlen und Glauben gebunden sind — und die zuerst auf die Zionisten nicht hören wollte, anfänglich einfach nicht wußte, was sie auf die unerwartete Kritik antworten sollte;.daß aber die Regierung später, als sie das zionistische Ziel wohl erfaßte, von keinem Gesichtspunkte aus Böses daran zu entdecken vermochte, weder für das Reich, noch für seine Bewohner, und daß sie sich nun dem Entschlüsse einer Unterstützung der Zionisten näherte. Vielleicht findet nun der Großwesir, daß das Ziel der Zionisten mit dem Staatsinteresse übereinstimme und daß man die zionistische Arbeit fördern müßte, bis sie Früchte zu tragen vermöge .... Aber wenn die Regierung ihre Ansicht über diese Frage, die mehr oder weniger die öffentliche Meinung aufregt und zu den verschiedensten Gerüchten und Redereien Anlaß gibt, nicht endlich klar und deutlich kundtut, so wird sie schwere Schuld auf sich laden; auch wird dann das Volk nie das Vertrauen haben, daß der Weg, den sie geht, der rechte sei und den Staat der Ruhe und der Wohlfahrt entgegenführe. Wenn doch die Regierung oder die Männer, die das Schicksal des Staates in ihren Händen halten (das Komitee, Anm. d. Red.), also denken würden: Mögen die Augen der Zionisten selbst auf Palästina gerichtet sein, wenn nur ihre Arbeit auf der gleichen Basis beruht wie ihre Versuche zu einer jüdischen Siedelung in Uganda oder zu einer Emigration nach Südamerika, und sie nur in dem Sinne nach Palästina schauen, dort eine neue Heimat für einige Millionen in Europa verfolgter und leidender Juden zu finden —, so laßt uns, da unser Land geräumig und schätzereich, aber arm an Mitteln und Arbeitskräften zu seiner Entfaltung ist, lieber als Hauten von Fremden die Millionen dieser Juden aufnehmen, die ottomanische Staatsbürger werden wollen! So laßt uns doch ihnen Böden geben und materiell und moralisch die Juden unterstützen, in deren Mitte alle die Bankiers und Reichen sind, in deren Händen sich die Schätze einer ganzen Welt befinden! Dann werden wir auch nicht mehr vor Anleihen zu bangen haben; wir werden nicht nur solche von fünfzehn, sondern von fünfzig, ja von achtzig Millionen finden. Unser Land ist ja reich und gesegnet, nur noch nicht genügend bearbeitet; ist es da nicht das allergeeignetste Land für die Juden aus Ost und West, zumal da Palästina von ihm ein Teil ist? . . . Wenn die Häupter der Regierung also denken, wenn Gedanken dieser Art sie leiten, warum zögern sie, das offen und klar heraus zu verkünden! Sie mögen es ruhig sagen: die Nachrichten der Blätter über den Kauf von 13 000 Dunam, der der erste Schritt sein soll zur Verwirklichung der Beschlüsse des letzten Kongresses auf Bodenerwerb und Immigrationsförderung in Palästina *) — habe niemanden zu erschrecken. Mögen sie offen heraustreten mit diesem Gedanken, damit es möglich wird, die Frage wissenschaftlich zu behandeln, das heißt logisch, nach sozialen, ökonomischen und politischen Prinzipien. Denken sie wirklich daran, eine Linterstützung der Zionisten zu inaugurieren, so muß man ernstlich auch aus diesem Boden Profit zu schöpfen suchen... *) Eine Tartarennachricht der zionistenfeindlichen Blätter. Anm. d. Ber.