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Die Welt · 1911-10-06 · 40 (6.10.1911) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 40 DIE30KELT 1057 Weltgeschehens, aber auch mit Schaudern und mit Trauer erfüllen muß. Ja, uns packt ein Schaudern vor der rücksichtslosen Brutalität, mit der die Macht«erWeiterungen der Starken der Erde vor sich gehen, die inm Zeichen der Liebe die Welt erobern, vor dem Zynismus, rnat dem auf den Gipfeln der Menschheit historische Untaten mit Unschuld und Notwendigkeit bemäntelt werden. Menschliche Gesittung, Treu und Glauben und Völkerrecht gelten nicht gegenüber den Schwachen! Nie hat diese prophetische Verkündigmng uiaseres Nordau, die uns vor wenig Wochen erst noch, aiuf unserem Kongresse, in die Ohren gellte, eine so rapide und erschütternde Bestätigung erfahren als diesmal. Und wir denket! mit Schaudern daran, daß wir selber die Schwächsten aller Schwachen darstellen und daß wir infolgedessen die allerletzten sind, die Humanität und Gerechtigkeit von den Völkern der Erde zu erwarten haben. Eine tiefe Trauer durchwühlt uns, wenn wir mitansehen, wie ein im Grunde edles und starkes Volk, nur leider eines, das seine Zeit versäumt zu haben oder auf einen unglücklichen, ihm nicht gemäßen Boden gestellt zu sein scheint, wie dieses Osmanenvolk Hinter der kalten Berechnung und den unerbittlichen Schlägen der Uehermacht zugrunde gerichtet wird. Ein Volk,, das sich mem schlich groß gegenüber dem Judentume erwiesen hat, von dessen Aufstieg wir Schönes und Großes für uns selber erhofften und für dessen bessere Zukunft wir deshalb aus ehrlichein treuen Herzen heraus und mit allen Kräften mitzuwirken be-mi'iht sein wollten. Wollen wir hoffen, daß die Katastrophe, die uns. nun trifft, diesen Aufstieg, den es mit so edlem Ellan begonnen, noch nicht zuschanden mache, diese Hoffnungen noch nicht vernichte und diesen unseren Willen noch nicht zur Unfruchtbarkeit verdammen möge. Vielleicht, daß das Unheil diesmal noch seinen Lauf anhält. Vielleicht, daß der Türkei noch die Zeit verbleibt, aus 'der furchtbaren Lehre dieser Tage Profit zu ziehen, in fieberhafter Arbeit an ihrer Kräftigung zu arbeiten und vor allen Dingen durch entschiedene und weise Reformen endlich jenen Zustand von Zufriedenheit und Brüderlichkeit unter ihren Völkern, und jene Anhänglichkeit und Ergebenheit ihrer Provinzen herbeizuführen, die sie aus innerer Kraft nach außen hin unbesieglich und unangreifbar machen würden. Unsere herzlichste Sympathie wird; sie in diesem Streben, unsere aufrichtigste Freude bei seinem Gelingen begleiten. Das italienische Ultimatum Der Quirinal hat mit unfehlbarer Treffsicherheit den Moment erspäht, um einen alten Ehrgeiz der italienischen Nation zum Ziele zu führen umtd zugleich das zu erreichen, was er als absolute Notwendigkeit für die ökonomische und politische Lebenserhaltung des italienischen Königreiches erklärt. Wahrlich einen Moment, in dem Italien, das objektiv, im Vergleich zu anderen Großmächten schwache, tatsächlich das Zünglein an der Wage der Zeitereignisse spielen, wo die Wucht seines Schwertes über Leben und Tod gewaltiger Reiche entscheiden konnte. Es hat sich im dem Augenblick, da um die Marokkobeute Deutschland-Oeslerreich und die Mächte der Triple- Entente kriegsdrohend einander gegenüberstanden, mit seinen eigenen Forderungen «wischen beide Ländergruppen gestellt und von beiden für die Zusicherung seiner Neutralität die Ellbogenfreiheit für steine Eroberungspläne erkauft. Frankreich-England hatten «es nicht schwer, Italien gewähren zu lassen; sie haben ihrm schon ein Jahrzehnt fast in Geheimverträgen freie Hand in Tripolis garantiert, und es liegt in der Richtung ihrer Politik, die Türkei durch europäische Faktoren möglichst schwächen zu lassen. Aber Deutschland hat bitter an dieser Notwendigkeit zu kauen; es hat größtes Interesse an der Stärkung der Türkei, die es zu seinem Bundesgenossen hatte erziehen ^vollen, es stehen ihm hier auch große wirtschaftliche Werte auf dem Spiele, die es aber nur dann gewinnen kann, wenn es der Türkei Freundschaft und tätige Unterstützung bietet; alles das wird schwer gefährdet, wenn es Italien, das sein Bundesgenosse ist, auf die Türkei losgehen läßt. Und doch kann es nicht anders: vor der Drohung Roms, sich auf die französisch-englisch-russische Seite zu schlagen, mußte das; mächtige Deutschland weichen. Und so ist Italien überall der Nichteinmischung sicher. Der Coup war schlau vorherberechnet und mit einer Schnelligkeit und Rücksichtslosigkeit vorbereitet und geführt, die ihresgleichen in der Geschichte suchen. Nicht nur die von ihren Diplomaten unverantwortlich schlecht unterrichtete und von ihrer Regierung sträflich unvorbereitet gelassene Türkei war vollkommen überrascht worden, sondern auch Deutschland, das wohl kaum das ohnedies mißlungene Marokkospiel unternommen hätte, wem es die Verlegenheit vorausgeahnt hatte, in die es sein „Bundesgenosse" zu versetzen belietrte, EhVzur letztem Stunde glaubte man noch in weiten Kreisen, daß Italien vielleicht nur zur Durchsetzung gewisser wirtschaftlicher Privilegien in Tripolis eine Demonstration vorhabe; um so furchtbarer schlug das Ultimatum ein, das ganz übergangslos die Besetzung der türkischen Provinz ankmdligte und Zurückziehung der osmanischen Behörden un(H Truppen verlangte. Der Eindruck in der Türkei Die Osmanen siind durch die Ereignisse, die über säe hereinbrachen, geradezu niedergeschmettert. Sie wissen isetir wohl, daß sie dem Handstreiche ohnmächtig gegenüberstehen, Die türkische Flotte leatnn der italienischen gegenüber gar nicht in Frage kommen, Truppennachschübe nach Tripolis sind sonach ganz unmöglich. Die tripolitanischen Streitkräfte, etwa 24 000 Reguläre, d«as übrige Milizen, können wohl vielleicht der italienischen Okkupation Widerstand leisten, werden aber kaum den Erfolg beeinträchtigen, zumal durch Bilodderung der Häfen und bei der mehr feindseligals freundlich-neutralen Haltung der englisch-französischen Grenzen ihre Verproviantierung ebenfalls eim Ding der Unmöglichkeit werden ilünfte! Eine Grenze aber zwischen Italien und der Türkei, die einen Einmarsch der respektablen türkischen Landstreitkräfte auf feindliches Gebiet gestattet hätte, gibt es nicht. So ist denn das türkische Volk zu ohnmächtigem Zähneknirschen! verurteilt, und das giibt der Stimmung das furchtbar Niederdrückende und Vergiftete, das sich in der türkischem Presse dieser Tage bemerken läßt. Verzweiflung, apathische Niedergeschlagenheit, Haß., Abscheu und Rachegefühle wechseÜn einander ab. Es ist schwer zu sagen, was aus diesem Empfindungen am Ende alsfanatische Explosion der untercl melkten Volksleidenschaften ans Licht brechen mag. Oer mTanm<4 hat in furchtbarer W«eise dem osmanischen Rachegefiihl Ausdruck gegeben; andere Blätter lassen sich vom Rach-egefühl gegen die Angreifer zum fanatischen Hasse gegen alles Entropäertum hinübertreiiben. Hoffentlich läßt sich das Volk reicht durch solche Leidenscliaftsausbrüche zu Tätlichkeiten Sii nwHfllen. Daß diese Befürchtung nicht ganz auszuschließen \s% geht daraus hervor, dal 5 der Belagerungszustand in den Großstädten des Reiches verschärft wurde, wohl um Ruhestörumgten oder gar Gemetzel zu verhindern, die der Türkei nur noch neue Verlegenheiten bereiten würden. Im Innern des türkischen Reiches wird der Ueberfa.II auf Tripolis sicherlich auch bedeutende Aenderungen hervoirrufen. Vor allen Dingein wird das Kabinett Hakki P-isocha fiaillen oder ist schon g-erfallen. Die jungen Kräfte, so ehrlich ihr Wollen gewesen sein mag, haben sich der äußereai Schwierigkeiten nicht gewachsen gezeigt. Es ist ziemlich ausgemacht, daß das Schicksal »des Landes nun wieder alten, bewährten Händen anvertraut wird. Kutschuk Said Pascha, der b»isl:ie:rige Senatspräsident, steht in erster Reihe. Gegen Kiamiil Pascha, den die Opposition durchaus am Ruder sehen wilfl, ■empfinden die Jungtürken zu vdel Mißtrauen und Feindschaft, als daß sie ihm die Staatsleütung übergeben ließen. Unter Said sollen Hakki Pascha, der jetzige Großwesir, das Aeußere rund Hihni Pascha, der frühere, -das Portefeuille des Innern übernehrmeti. Mahmud Schefket behält natürlich die Armee. Das Parlament wird höchst wahrscheinlich frühzeitig einberufen wenden, Ob aber alle diese Maßnahmen irgend etwas am dem Schicksal der Türkei werden ändern können, ist sehr zweifelhaft. Es scheint, daß das Uebelwollen fast ganz Europas ein unübersteigliches Hindernis dem entgegensetzen uHrd. Nach der Kriegserklärung Der Krieg ist erklärt. Die Feindseligkeiten haben begonaien. Die Aufregung im der Stadt ist sehr groß. Aber sie ist gedämpft durch die überaus strengen Maßregeln der RejgÜerung, die fest entschlossen scheint, Ruhestörungen und ganz besonders jede Manifestation des Rachegefühls oder gar .Amgirffe auf Leben und Gut der hier ansässigen Italiener zu rerhindern. Es ist also erst recht als ausgeschlossen zu betrachten, daR den Europäern im allgemeinen hier Unliebsames zustoßen könnte. Auch das Komitee „Union et Progreß" hat im seisietn Aufrufe an das Volk aut die Mahnung zur Ruhe gaiuz besonderen Nachdruck gelegt. Das Kabinett h a f bereits gewechselt, S a i d P;a s c h a ist an die Spitze der Regierung getreten. Ministerrate umd tCcwgsrate tagen ununterbrochen. Die Nachrichten über die Feindseligkeiten, die bereits begonnen haben, haben große Bewegung hervorgerufen. Main erwartet, daß es den Italienern mich! leicht werden soll, Ähre Truppen zu landen und voirrück en zu

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