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Die Welt · 1911-10-06 · 40 (6.10.1911) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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sammenschlusses schaffen, während die Entwicklung in Palästina den national-kulturellen Inhalt liefern, jedenfalls aber durch ihre Ausstrahlungen das Diasporajudentum in nationalisierendem Sinne beeinflussen wird, wie dies bereits oben bezüglich der Verhältnisse in Rußland gesagt wurde. Diese Dinge erfordern übrigens eine längere Auseinandersetzung in einer gesonderten Abhandlung. Die Hoffnungen auf die Aussichten einer „räumlichen Konzentration in den Kolonialländem", den Territorialismus, fertigt Ruppin kurz ab. Er sagt u. a., daß Jahrzehnte vergehen mußten, um anderwärts auch nur so viel Juden anzusiedeln, als sich heute schon in Palästina befinden und schließt die Untersuchung mit der Darlegung, daß nur in Palästina günstige Aussichten gegeben sind. Damit hat Ruppin aus der Forderung: Das jüdische Volk solle als Sondervolk erhalten werden, mit einwandfreier Logik den Zionismus entwickelt. Diesem ist das Schlußkapitei seines Werkes gewidmet. Es enthält eine kurze Uebersicht seiner Geschichte, seiner Verbreitung, seiner Verdienste um die Belebung der gesamten Judenheit, sowie seiner wirtschaftlichen Tätigkeit in Palästina. Ruppin bespricht das Verhältnis des Zionismus zur türkischen Regierung, wobei er, wie in der ersten Auflage, den Charter als aussichtslos und unnütz bezeichnet. Er schätzt aber trotzdem die historische Bedeutung des Chartergedankens und sagt, daß er es war, welcher der Bewegung den großen Zug gegeben hat, den die früheren Bestrebungen der Chowewe Zion nicht hatten. Er schildert den Nutzen, welchen die Türkei aus der Verwirklichung der zionistischen Idee ziehen wird und erhofft daher schließlich ein wohlwollendes Verhalten der türkischen Regierung. Er untersucht weiter das Verhältnis der Juden zu den Arabern in Palästina und sagt, daß diese, würden sie die höhere landwirtschaftliche Technik der Juden übernehmen, deren Konkurrenz als Produzenten nicht zu fürchten hätten. Durch Intensivierung der Kultur würden sie weniger Boden brauchen als jetzt, wodurch der von den Juden benötigte Ackergrund ohne Verdrängung der Araber frei werden könnte. Schwieriger sei allerdings das Verhältnis zu den meist städtischen christlichen Arabern. Ruppin wendet sich von den politischen Fragen zu den wirtschaftlichen und entwickelt seine Ansicht, daß es sich, ähnlich wie zu Esras Zeiten, als nur eine verhältnismäßig kleine Zahl von Juden nach Palästina zurückwanderte, welche doch die Grundlage für die weitere Entwicklung eines jüdischen Volkszcntrums bildete, auch heute nur um die Repatriierung eines Teils der Juden handeln könne. „Der Zionismus kann nicht die \v i r t s c h a f 11 i c h e , sondern nur die moralische Judennot beseitigen, er kann in Palästina lediglich einen nationalen Kristallisationskern schaffen, an den sich diejenigen Juden anschließen können, die der Assimilation in ihren Heimatländern entgehen wollen/* Als Ziel des Zionismus bezeichnet er: „D i e Bildung einer kohärenten jüdischen Bevölkerung in Palästina mit der Landwirtschaft als ökonomischer Grundlage und dem Hebräischen als nationaler Sprach e." Dies Ziel zu erreichen, sei schwierig aber möglich, ,,fester nationaler Wille ist unwiderstehlich4'. — Kein unparteiischer Leser wird dies Buch aus der Hand legen, ohne — falls er nur ein logisch denkender Kopf ist -- aufs nachhaltigste im Sinne des Zionismus beeinflußt zu werden. Gerade die streng logische Art des Autors wird auf wissenschaftlich geschultere Elemente im Judentum, die in jedem rein gefühlsmäßigen Appell die Phrase wittern, tiefen Eindruck machen. Das Werk füllt somit eine Lücke, wie sie eingangs aufgezeigt wurde, aufs trefflichste. Innerhalb der Bewegung wird man Ruppin für diesen Leitfaden, der über Weg und Ziel Klarheit verbreitet, tief dankbar sein müssen. Gewiß wird sein Standpunkt, der sich mit dem der sogenannten evolutionistischen Richtung deckt, von den ..politischen" Zionisten bekämpft werden. Aber es wird den Kritikern sehr schwer werden, in dieses geschlossene Gedankengebäude Bresche £ii legen. Es würde heute auch sehr verspätet sein, da Ruppin dem Standpunkt, den er jetzt theoretisch formuliert, schon längst praktisch zum Durchbruch verholfen hat. Man ist sich heute gar nicht mehr bewußt, wie groß der Anteil Ruppins, welcher der ersten Periode des Zionismus skeptisch gegenüberstand, an der Inaugurierung der zweiten ist, in der wir gegenwärtig stehen. Deshalb mag "daran erinnert werden, daß der Umschwung erst von dem Zeitpunkt an datiert, in dem man von dem früher zähe fest gehaltenen Standpunkt abging, der Nationalfonds müsse für den Moment der großen politischen Aktion thesauriert werden. Dies geschah endgültig erst in der Actionskomiteesitzung vom 6. und 7. Januar 1908, in welcher Ruppin, der damals eben von seiner palästinensischen Studienreise zurückgekehrt war, es durchsetzte, daß mit Unterstützung des Nationalfonds die P. L. D. C. begründet und der Bau von Teil Awiw ermöglicht wurde. Wer seinen theoretischen Standpunkt angreifen wollte, müßte die Bedeutung der ganzen neueren Aera zionistischer Palästinaarbeit in Frage stellen, die Ruppin selbst inauguriert hat, die stets nach seinen Vorschlägen gestaltet und deren Durchführung ihm selbst anvertraut wurde. Oder mit anderen Worten: hinter diesem Buch steht nicht irgendein Autor, der bloß seine gedankliche Ueberzeugung darin ausspricht, sondern ein Mann, der diese Ueberzeugung schon seit langer Zeit fortwährend in praktische Taten umsetzt. Dieses Bewußtsein gibt dem Buche Ruppins ein besonderes Gewicht und andererseits einen besonderen Reiz, denn es lehrt die Persönlichkeit dessen näher kennen, der heute auf einem der wichtigsten Posten des Zionismus steht. Und diese Persönlichkeit offenbart sich darin als eine außerordentlich reiche. Man bewundert in dem Werke die Kraft unerbittlich scharfer und klarer Analyse und erkennt gleichzeitig, daß dieselbe nicht einer bloß nüchtern-kritischen Veranlagung entspringt, wie man sie Ruppin oft zuschreiben wollte, sondern daß hier ein im wesentlichen konstruktiver, aufbauender Geist nach subjektiver Wahrheit sucht, um den richtigen Weg zu positivem Schaffen zu finden, nicht aber, um — wie so viele große Köpfe im Zionismus — sich mit der bloßen Erkenntnis zu begnügen. Man empfindet es dankbar, daß hier ein Denker spricht, der zwar durch die strenge Zucht der materialistischen Geschichtsauffassung und der modernen naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden gegangen ist, der sogar aus seiner sonst streng festgehaltenen Reserve herausgehen und ziemlich unwirsch werden kann, wenn er einer herozentrischen Geschichtsauffassung begegnet — wie jener, daß die Assimilationsbewegung der neuesten Zeit lediglich durch die Tätigkeit Mendelsohns hervorgerufen wurde und nicht vielmehr soziologisch bedingt war der aber dennoch den Wert ideeller Faktoren richtig einzuschätzen weiß, wie dies unter anderem die schon zitierte Anschauung beweist, daß nur der nationale Gedanke dem Judentum die Kraft zur Erreichung des zionistischen Zieles verleihen kann. Und man staunt schließlich, daß dieses Werk eines als Theoretiker wie als Praktiker gleich begabten Mannes auch noch jener ästhetischen Anforderung entspricht, die Sombart in seinem „Modernen Kapitalismus" an wissenschaftliche Werke stellt: Daß sie in Anlage, Aufbau und Harmonie der Teile Kunstwerke sein müssen. Dieser Forderung entspricht Ruppins Werk in höchstem Maße. Im ersten Teil wird uns die Tragödie des Untergangs des jüdischen Volkes Zug um Zug vor Augen geführt — die Zäsur zwischen beiden Teilen deutet die Peripatie an —■ im zweiten Teil wird durch den schrittweisen Aufbau einer neuen Lebensgrundlage für das untergehende Volk die Spannung gelöst, das Gemüt befreit, der Wille bestimmt. In kräftigen Schlußworten: Der Zionismus ist nicht eine nationale oder chauvinistische Marotte, sondern der Verzweiflungskampf der Juden gegen die sie bedrohende Vernichtung! Sein Ziel der größten Anstrengung wert! wird der ausgelöste Wille zu Entschlüssen verdichtet. So verläßt uns das Werk, in unseren Meinungen geklärt, in unserem Wollen gestärkt, in unserer Zuversicht befestigt. Der Mann und das Werk, — freuen wir uns, daß wir beide haben! Brief aus Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter) Finis Tripolitaniae Was sich in diesen Tagen vollzieht und vielleicht, wenn diese Zeilen unter die Augen der Leser gelangen, schon seine Vollendung gefunden hat, ist eines der wichtigsten Ereignisse, die die neuere Geschichte aufzuweisen hat. Es handelt sich um nichts Geringeres als das Ende des Türkentums in Afrika. Und da man mehr als berechtigt ist anzunehmen, daß dieser schwere Schlag weitere unheilvolle nach sich ziehen mag, so kann sich diese lokale oder territoriale Katastrophe der Osmanenherrschaft zu einer universellen des Islams auswachsen. Ein neuer Kreuzzug gegen den Islam! Aegypten, Algier, Tunis, Marokko, Persien — und nun die Türkei? Es ist eine furchtbare Tragödie, der wir beiwohnen. Eine Tragödie, die uns mit Bewunderung vor der Unerbittlichkeit des

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