Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 40 DIE3S£ELT 1055 wirken können. Diese Untersuchung führt Ruppin im zweiten Abschnitt seines Buches durch und zeigt in den Kapiteln: Der wirtschaftliche Aufstieg der Juden, Die Verminderung der Geburten, Die Zerstreuung durch Wanderungen, Die Konzertration in den Großstädten, daß jene Ursachen völlig verschwunden sind. Ruppin nennt daher die gegenwärtige Assimilationsbewegung „die gefährlichste Krise, welche die Juden seit ihrer Zerstreuung bedroht hat". Im dritten Abschnitt werden die einzelnen Phasen dies Assimilationsprozesses in den Kapiteln: Die Aneignung der Landessprache, Die Aneignung weltlicher und höherer Bildung, Die verminderte Bedeutung der Religion, Die Mischehe, Die Taufe, verfolgt. (Die Prägnanz Ruppinscher Darstellung mid Einteilung erweist sich auch darin, daß die Ueberschriften der Abschnitte und Kapitel für sich allein schon einen Leitfaden für den Gedankengang des Werkes geben.) Bemerkenswert ist, daß Ruppin in bezug auf die Sprache nicht mehr so liebevoll bei der Schilderung des Jargon verweilt, wie in der ersten Auflage seines Buches, in welcher er ihn sogar „das festeste Bollwerk gegen die assimilierenden und absorbierenden Einflüsse" nennt, in dem neuen Buche vertritt er die Meinung, daß die Entwicklung des Kapitalismus sowie die Kulturfortschritte in Osteuropa und im Orient sowohl Jargon als S|paniolisch zerstören werden. Im vierten Abschnitt weist Ruppin den Antisemitisni us als unzureichendes Hemmnis der Assimilation nach. Dieser Teil wird gewiß einigem Widerspruch begegnen. Schon {tri einer früheren Stelle findet sich die Bemerkung, daß für die Juden in Osteuropa in nicht allzufemer Zeit bessere Tci^e hereinbrechen werden, weil die Modernisierung des Wirtschaftslebens in Rußland zur Aufhebung des Ansiedlungsrayons führen müsse. Durch die Zerstreuung der Juden im Reiche würden si«e aber dann eine ähnliche Entwicklung durchmachen, wie ihre westeuropäischen Brüder in der letzten Zeit. Mit der Ansicht, daß die Aufhebung des Ansiedlungsrayons naturnotwendig erfolgen müsse, die vielleicht in einer allzu exklusiven Anwendung der Methoden der ökonomischen Geschichtsauffaissung ihre Ursache hat, steht Ruppin heute noch ziernlicli vereinzelt da. Es ist sehr fraglich, ob tatsächlich die Einsicht in die Erfordernisse des wirtschaftlichen Fortschrittes bei den maßgebenden Kreisen Rußlands so stark sein wird, daß sie den Kampf mit dem die ganze Gesellschaft durchsetzenden Antisemitismus und Nationalismus aufnehmen und siegreich durchführen wird. Aber selbst wenn der Ansiedlungsrayon einmal aufgehoben werden sollte, so ist doch die Frage, wann dies geschertn wird, von größter Bedeutung für die Aussichten einer vollständigen Assimilation auch der russischen Juden. Verstreicht noch längere Zeit, so ist es denkbar, daß infolge des inzwischen immer mehr erstarkenden nationalen Bewußtseins der Juden, das durch die Fortschritte der palästinensischen Renaissance mächtige Antriebe erhalten wird, die Entwickelndes russischen Judentums auch nach erlangter Freizügigkeit eiaien anderen Weg nehmen wird, als ihn jene des westlichen Judentums bisher gegangen ist: daß die moderne Bildung nicht ihr Judentum zerstören, sondern mit ihm eine Synthese eingehen ward. Gewiß setzt das die kräftige Entwicklung des palästinensischen Zentrums voraus, und mit so einer künftigen Möglichkeit rechnet Ruppins Buch, das nur tatsächlich Vorhandenes wertet, nicht. Aber bei einem Blick in die Zukunft kann aucli diese Möglichkeit oder vielleicht Wahrscheinlichkeit in Betracht gezogen werden. Ruppin selbst hat übrigens vor Jahren, in der ersten Auflage seines Buches, noch ziemlich starke nationale Hoffnungen an das Ostjudentum geknüpft. Mit der Perspektive, daß die Assimilation im Westen immer weiter fortschreiten wird, schließt der erste Teil des Buches, ähnlich wie die Werke Zollschans und Theilhabers. Aher so wie Kraczewski seinem berühmten Roman „Morituri" einen zweiten Teil „Resurrecturi" nachfolgen ließ, so baut Ruppin im zweiten Teil die Grundlagen des Zionismus auf und zeigt darin, wie das sterbende Judentum sich wieder aufrichten könne. Die grundlegende Frage, ob die Juden als Sondervo>lk Berechtigung haben, jene die Zollschan zum Ausgangspunkt seiner eingehenden Untersuchung gemacht hat, formuliert er ähnlich wie dieser: „Ein Volk kann für die Menschheit und die Menschheitskultur in zweierlei Hinsicht wertvoll sein: einmal durch seinen Rassen wert, d. h. durch die in ihm verkörperten geistigen Anlagen, und zweitens durch seiaie Kultur." Was den Rassenwert der Juden betrifft, welchen Ruppin übrigens schon in der ersten Auflage seines Bucties als „die Grundlage für jede nationale Rechtfertigung der Fettexistenz der Juden als Sondervolk" ansieht, so verweist er;mf das Werk Zollschans, das er als im großen und ganzen cutreffend bezeichnet. Er betont den verfltäHtniismnißi^ großen Prozentsatz von jüdischen Künstlern, unters 11 etil an Hand der Kriminalstatistik die ethische Veranlagung der Juden uaid kommt zum Schlüsse, daß den Juden ebensowenig eine künstlerische, wie eine moralische Minderwertigkeit nachgesagt werden kann, daß sie aber intellektuell ein hochgezüch teter IVUens chentypus seien, was den Wunsch, diesen auch weile rliiiu als besondere Gemeinschaft zu erhalten, rechtfertigt, weil raur auf diese Weise die volle Erhaltung des Rassen Charakters möglich ist. Ueber den Kulturwert sagt Ruppin, daß ans der Vereinigung hoher Rassenbegabung und günstiger äußerer Umstände die hohe Kultur erwächst. Er tirabersiK Ixt in feiner Weise den Wert der ostjüdischen Kultur, die et „empirisch rückständig" nennt, die aber diesen Mangel verlieren könnte, ohne daß, wie bisher, die Verschmelzung rniit niockmer Bildung bei den Juden die eigenen Werte zerstören! müßte. „Die bisherige Einführung der Juden in die modern« Bildung bedeutete eine Kur nach Doktor Eisenbart, durch welche zwar die Rückständigkeit der jüdischen Kultur, atoe-r zugleich auch die jüdische Kultur selbst verschwand/' Ist es nun in Osteuropa möglich, die vorhandene jüdische Kultur zu einer Vollkultur zu machen? Die Voraussetzung, unter u'ekher eine solche sich entwickeln kann, ist nach Ru|>p)in gegeben, wenn den jüdischen Kindern die moderne Bildung ,,an jüdischen Schulen, in Anknüpfung an die jüdische Tradition und in ihrer Sprache übermittelt wird". Diese Bedingunigeri können nur dort erfüllt werden, wo die Juden eng zusammen wohnen und einen geschlossenen Wirtschaftskreis bilde». Von diesen Voraussetzungen prüft Ruppin zunächst in uingeim ei n lehrreichen Kapiteln das Problem der Schaffung eines eigenen jüdischen Wirtschaftssystems auf Grund der Land"\virrts;ehia~ft. Er faßt die bisherigen Ergebnisse der landwirtschaftlichen Kolonisation unter den Juden zusammen und untersucht die Ökonomische Möglichkeit der Rückkehr der Juden zur Laradtvirts-chaft, die er in Palästina für gegeben ansieht. Dk wohlhabenderen Juden könnten der Ptlanzungswirtschaft zugetfiährt werden, die besitzlosen durch Gewinnbeteiligung in genossenschaftlichen Betrieben angespornt werden, ihre Kräfte;umiis pari nen. Ruppin findet es aber sehr zweifelhaft, ob die Juden won de 11 gegebenen Möglichkeiten Gebrauch machen werden, mid führt zum Schluß aus, daß nur durch eine nationalen Motiven entspringende Kolonisationsbewegung eine Rückkehr der (Laden cur Landwirtschaft in großem Umfang möglich ist. Ruppin beschäftigt sich nicht damit, ■durcli weiche Mittel diese nationale Bewegung angespornt und amsg'edchnt werden soll. Eine solche Erörterung läge außertullb» «des Rahmens, den er sich für sein Buch gesteckt hat. Hier urerden viele trotzdem eine Lücke fühlen, weil zum Be wwttttstfin kommen muß, daß das reiche Material, das sich im Laiute der Jahrzehnte in der Ideenpropaganda namentlich sseit Acli-ad Haam und Herzl angesammelt hat, und die große .Erfahrung, die in dreißig Jahren zionistischer Bewegung gemannten wurde, einer zusammenfassenden Darstellung und kritische in Sichtung noch entbehren. — In den nächsten Kapiteln prüft Ruppin die anderen Voraussetzungen, die er als nötig zur Henwbringunoeiner jüdischen Volkskultur postulierte: Die eigene Sprache und die räumliche Konzentration. Bezüglich der Sprache ccigt Ruppin, daß nur das Hebräische die wünschenswerte und geeignete Nationalsprache sein könne und sagt, daß die Wiedererweckung derselben nur in Palästina, nicht in Osteuropa .Aussicht habe. In Palästina ist sie schon nicht mehr ein Wunsch, sond-ern Wirklichkeit". Die Fortschritte der hebräischen Sprache ir Palästina hängen von jenen der landwirtschaftlichen Kolonisation ab. Bei Untersuchung, wo die räumliche Konzern trarioii möglich sei, findet er gleichfalls in Osteuropa für sie keine günstigen Verhältnisse. Der Uebergang zur Landwirtschaft sei dort äußerst schwer, und die Möglichkeit eimes u m g es tö r t e n ruhigen Aufbaues eigener Kultur nicht tnö^licii. Ruppin sieht in einer eventuellen nationalen Autonomie im Oesterreich nur ein Mittel zur Verlangsamung des Assimilatiemsprozesses. Hier wird Ruppin meines Erachtens nicht völlig den (liesbezüglichen Bestrebungen gerecht. Die jüdischen NatäonalPolitiker Oesterreichs stehen ja gar nicht auf dem Standpunkt Dubnows, daß die nationale Autonomie in ihrem Lande zur Erhaltung und Erneuerung des Judentums genüge, innil nur gegen eine solche Ansicht polemisiert Ruppin an dieser Steiße seines Buches. Sie sind vielmehr Zionisten, d. h. sie sind »d»eir Überzeugung, daß nur in Palästina dies möglich sei. Das Baseler Programm steht an der Spitze ihres politischen. Sie erwarten <ü>er von dem nationalen Zusammenschluß einerseits ein erhöhtes Interesse der Juden an dem Zionismus, andererseits g-lauben sie, daß die nationale Autonomie nur die Form des. nationalen Zu-