Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die Klärung der Ansichten über Weg und Ziel innerhalb der zionistischen Organisation selbst. Gerade in den letzten Jahren hat der Fortschritt der Organisation viel unter der Unklarheit gelitten, in welche der Kampf der einzelnen Gruppen gehüllt war. Es ist deshalb ungemein wertvoll, daß in der jüngsten Zeit eine ganze Reihe von Werken erschienen sind, welche die Probleme des Zionismus behandeln und teilweise in völlig neue Beleuchtung rücken. Soweit es sich urn die soziologischen Grundlagen des Zionismus handelt, sind zwei besonders bedeutende Erscheinungen zu verzeichnen: Die Werke von Zollschan und Ruppin, zu denen jenes von Theilhaber sich als wertvolle Detailuntersuchung ergänzend liinzugesellt. Zollschans Buch, das in den Spalten dieser Zeitschrift schon vor Jahresfrist besprochen wurde, hat unterdessen seinen Weg gemacht. Der von ihm erbrachte Nachweis des hohen Kulturwertes der jüdischen Rasse hat nicht nur dem Zionismus neue Waffen geliefert und ihm eine allgemein-menschliche Bedeutung verliehen, sondern er hat bei vielen intelligenten Juden eine völlige Aenderung der Anschauungen über den Zionismus bewirkt. Es wird Sache einer richtig geleiteten Propaganda sein, die Ideen Zollschans aufs weiteste zu verbreiten. Das neue Werk Ruppins*) wird zweifellos der Propaganda der zionistischen Idee ähnliche Dienste leisten, gleichzeitig aber für die erwünschte innere Klärung ungemein viel beitragen. Es erschien gerade zur rechten Zeit, urn die neue Entwicklungsphase des Zionismus wirksam einzuleiten. Wohl gibt es sich äußerlich bloß als eine zweite Auflage seines 1904 erschienenen Buches: Die Juden der Gegenwart. Im innersten Wesen ist das Werk aber ein völlig anderes geworden. War es früher eine sozialvvissenschaftliche Studie — die erste ihrer Art —-, in der Ruppin im Bedürfnis, sich über die Gesamtlage der heutigen Judenheit richtig zu orientieren, mit ungeheurer Mühe alle beschaffbaren Einzeldaten zusammentrug, um sie zu einein Gesamtbild zu vereinigen, in welchem auch einige Betrachtungen über den Zionismus nicht fehlen durften, so ist das neue Werk zu einem Handbuch der Judenfrage geworden. Dies nicht vor allein deshalb, weil der Verfasser seinem Buche in der zweiten Auflage eine Reihe neuer Betrachtungen hinzugefügt hat, sondern weil er geradezu die Frage nach Sein oder Nichtsein der Judenheit, also die eigentliche und letzte Judenfrage seinem Werke als Einteilungsprinzip zugrunde legt. Dadurch hat sich vor allem der rein wissenschaftliche Wert seiner Studie erhöht. Gab er in der ersten Auflage hauptsächlich nur die Statik, legte er das Hauptgewicht auf die scharfe Erfassung der sozialen Verhältnisse der Juden der Gegenwart, so ist sein neues Werk unter dem Gesichtswinkel der Dynamik abgefaßt. Diese Verhältnisse werden nicht nur dargestellt, sondern auch durchgängig auf ihre Bedeutung für den Prozeß gewertet, den die judenheit der Diaspora fortwährend, in den letzten 150 Jahren aber mit enorm gesteigerter Intensität, durchmacht: jenen der sukzessiven Assimilation. Dieser Prozeh und der sich gegen ihn langsam erhebende Widerstand, der jüdische Nationalismus — das sind die eigentlichen Themen des neuen Werkes geworden, das dadurch sowohl an wissenschaftlicher Perspektive, als auch an Vollständigkeit gewinnt. An Perspektive: denn zweifellos wird die Darstellung dessen, was ist, durch diese Betrachtungsweise erst in das Licht des Entwicklungsgedankens gebracht, als Folge von Vergangenem und Ursache für Zukünftiges begriffen. An Vollständigkeit: denn bei dieser Art der Betrachtung muß der Umkreis des Beobachteten und nach dem leitenden Gesichtspunkt Gewerteten ein möglichst vollständiger sein; kein wichtiges Gebiet des jüdischen Lebens darf übergangen werden. Deshalb ist die zweite Auflage des Werkes diesbezüglich viel reichhaltiger als die erste, trotzdem das Buch an Umfang nicht gewachsen ist, was einer knapperen Zusammenfassung des Stoffes, zu danken ist. Wichtiger, ais jene erhöhte allgemein-wissenschaftliche Bedeutung ist für uns aber die besondere, welche das Werk für den Zionismus hat. Es kann in seinem zweiten Teil geradezu als eine theoretische Grundlegung desselben in soziologischem Sinne angesehen werden, und zwar jener Richtung des Zionismus, die ihn vor allem als eine Bewegung zur Erhaltung der Sonderexistenz des jüdischen Volkes ansieht. Um hierauf näher eingehen zu können, müßte der Inhalt des Werkes in Kürze wiedergegeben werden. Daß dies bei dem lapidaren Stil desselben unmöglich ist, kann als das höchste *) Dr. Arthur Ruppin: Die Juden der Gegenwart. 2. Auflage. Köln und Leipzig, Jüdischer Verlag. Lob des Buches erscheinen. Ruppin gibt Extrakte, die nicht weiter extrahiert werden können und meistert die Fülle des Stoffes, indem er jeweilig alles überschaut, was auf irgendeinem Gebiete gedacht und geforscht wurde, und darüber ein Urteil fällt, das in seiner Exaktheit, Knappheit und Objektivität unappellabel erscheint. Zwei Tatsachen mögen illustrieren, wie sehr Ruppins Urteile das richtige treffen: Erstens die Erscheinung, daß jene der Erstauflage in den wichtigsten Punkten (Dissoziationsprozeß, Rassenkonstanz usw.) von allen ernstzunehmenden späteren Autoren übernommen wurden, die ausnahmslos auf Ruppins Buch als ein Standard Work verweisen, und zweitens der Umstand, daß Ruppin, trotzdem zwischen beiden Auflagen 7 Jahre liegen, den größten Teil seiner Ausführungen aus der ersten wörtlich in die zweite übernehmen konnte.*) Hier sei noch eingeschaltet, daß ein sehr großer Teil des Materials, das Ruppin verarbeitet und das auch die anderen Autoren verwendet haben, von ihm selbst in jahrelanger Arbeit für die von ihm begründete Zeitschrift für Demographie und Statistik beschafft wurde. Nur in ganz flüchtigen Zügen kann daher der Gedankengang des Buches skizziert werden. Der erste Teil ist der Assimilation gewidmet, der zweite dem jüdischen Nationalismus. In seiner von jeder Leidenschaft und Parteilichkeit freien Art wertet Ruppin die Assimilation nationaler Minderheiten, als einen bei allen Völkern vor sich gehenden, natürlichen Prozeß. Bei den Juden der Diaspora, die allüberall in der Minderheit waren, ist dieser Prozeß immer und an jedem Orte ihres Verweilens vor sich gegangen. „Man kann die ganze jüdische Geschichte in der Diaspora als einen Kampf auffassen, den die von Esra und Nehemia dem jüdischen Volke eingeimpfte und zum Grundpfeiler dei gesamten Religion gemachte Idee der Isolierung und Reinerhaltung mit der Assimilationstendenz führt. Und gewinnt dadurch den brauchbarsten Leitfaden für das Verständnis dieser Geschichte überhaup t" Ein ungemein fruchtbarer Gedanke, der dem künftigen Geschichtsschreiber der Juden einen wertvollen Fingerzeig gibt. Beiläufig bemerkt: Es ist immer betont worden, daß der Zionismus nur die Anwendung moderner Wissenschaft auf das jüdische Volk sei. Die Grunderkenntnis des Zionismus: daß die Juden ein Volk, eine bestimmte soziale Gruppe sind, keine bloße Religionsgemeinschaft, hat für den strengen Logiker zur Folge, daß er auf die jüdischen Problerne die Sozialwissenschaft anzuwenden hat, was Ruppin mit strenger Konsequenz und den glücklichsten Ergebnissen durchführt. Bezüglich früherer Assimilationsbewegungen weist er auf jene in der griechischen und der arabischen Kulturepoche hin und kennzeichnet den heute vor sich gehenden Dissoziationsprozeß mit einem Schema, das er schon in der ersten Auflage aufgestellt hat und das alle späteren Autoren von ihm übernommen haben. Er teilt danach die heutige Judenheit in vier scharf charakterisierte Gruppen (das orthodoxe, das tolerante, das freigeistige und das Scheinjudentum), die in der zweiten Auflage auch nach ihrer ziffernmäßigen Stärke geschätzt werden. Diese vier Gruppen ,,sind nur Querschnitte eines ständig fließenden Stromes*'. Man kann sich die vier Schichten sehr gut als vier aufeinanderfolgende Generationen vorstellen, obwohl häufig der Weg vom Orthodoxismus zur Taufe auch schon in 2--3 Generationen zurückgelegt wird." Ruppin untersucht sodann die Ursachen der bisherigen Widerstandskraft der Juden, und findet sie teils in Tatsachen des wirtschaftlichen Lehens (die Juden waren immer Träger der der ansässigen Bevölkerung völlig fremden Geldwirtschaft und des Handels), teils darin, daß ein großer Teil der Juden immer wieder von Ländern einer höheren Kultur in jene einer niederen gezogen ist, teils in der starken Vermehrung, welche es ermöglichte, große Taufverluste wieder wettzumachen. Wie man sieht, führt Ruppin ausschließlich soziale und wirtschaftliche Gründe an, doch erwähnt er in einem späteren Kapitel, daß ohne die auf die Gesetzgebung Esras basierte Abschließung der Juden von den anderen Völkern ihre völlige Aufsaugung unvermeidlich gewesen wäre. Die Frage, ob die Juden sich auch weiter als Sondergemeinschaft erhalten können, hängt nach Ruppin von der Frage ab, ob diese Ursachen ihrer früheren Widerstandskraft gegen die Assimilation auch in Zukunft in gleicher Richtung * (Anm.) Seine veränderte Stellungnahme zum Zionismus motiviert Ruppin mit dessen (seit 1904) veränderter Orientierung.