Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 40 DIEXSO LT 1053 weisen würden, die ihrem Vaterlande in der Stunde der Not mit Gdd und Soldaten zu Hilfe kommen könnte. Um wieviel stärker wäre das bunte Gemisch von Nationein, das unter dem Halbmond lebt, an den Geschicken des Reiches interessiert, wenn die tausendfältigen Bande des wirtschaftlichem und kulturellen Güteraustausches in diesen Nationen die Empfindung der Zusammengehörigkeit befestigt und gestärkt hätte. Hoffen wir, daß es noch nicht zu spät ist und d&ß die Einsicht zu Taten führt. Dann wird das Kulturwerk, das der Zionismus zu vollbringen strebt, die Anerkennung und Förderung der türkischen Staatsmänneer finden, die ans der Vergangenheit lernen und ihrem Vaterlande dienen wollen. Der Schekel Die latenten Kräfte des Volkes zu wecken, die in ihm schlummernden Energien wach zu rufen und ihnen Offenbarungsraöglichkeiten zu verschaffen — das ist ei nie der Hauptaufgaben des Zionismus, die er auf dem Wege seiner Verwirklichung zu erfüllen hat. Durch die geographische Zerstreuung des Volkes ist eine innere Entfernung und Entfremdung zwischen seinen verschiedenen Teilen entstanden. Die Vielzüngigkeit hat die Einheitlichkeit des Denkens zum großen Teil zerstört, das Ganze, das Volkstümliche ist in Bruchteile, in Eigentümlichkeiten zerfallen, das Problem in Einzelfragen zerlegt worden; es fehlt der klare Ueberblick, die zu einer Einheit umfassende und verschmelzende Kraft. Der Zionismus, der dem gesunden Selbsterhaltungstriebe der Volksseele entsprungen ist, hat den Kampf gegen die Zerstreuung aufgenommen, in der Uebeirwindung der inneren Zerstreuung sieht er sein Hauptmittel, in der geographischen — sein Endziel. In der Praxis unserer Arbeit aber läßt sich die Grenze zwischen Mittel und Ziel gar nicht immer feststellen und die Trennung ist eher eine in der Zeit bestimmte Reihenordnung. Wei das Endziel anerkennt, muß die Mittel billigen; wer die Mittel anwendet, gelangt mit eiserner Notwendigkeit früher oder später zur Anerkennung des Endziels: die Beiden sind eng verknüpft, organisch verbunden. In diesem Ringen besteht die Stärke des zionistischen Gedankens. Er appelliert in erster Reihe an die Entfremdeten und ladet sie zur Angliederung an das Ganze ein, er mahnt die Schwankenden zur Entschlossenheit und verleiht den Mutigen sich immer erneuernde uik! werbende Kraft. Doch der Anschluß an das Ganze wie auch die werbende Kraft wollen deutlichen Ausdruck finden, und gerade durch ein einfaches und schlichtes Merkmal. Der Fortschritt der Idee muß gewissermaßen graphisch dargestellt werden können, damit auch die Skeptiker gezwungen sind, ahn zuzugeben. Dieses Merkmal hat die zionistische Organisation durch den Schekel geschaffen. Und würden die reichsten Mittel der Organisation zur Verfügung stehen, den Schekel könnten sie nie ersetzen, auf seine Vermehrung kann und darf die Organisation nie verzichten. Der Schekel symbolisiert die ersie Etappe auf dem Wege zur Befreiung, er ist die Willensäußerung des Einzelnen, der sich an sein Volk anzugliedern sucht. Der aktive Zionist sollte das nie vergessen. Unter Umständen ist es leichter, von einem Nichtzionisten grnößere Summen für zionistische Zwecke zu bekommen, als ihn in die Reihen der Schekelzahler einzugliedern. Auch erscheint der materielle Erfolg böi Heranziehung zum Schekel zu gering, um viel Emuergie dazu zu verwenden. Nur auf diese Weise ist ess zu erklären, daß, während die vom Zionismus ins Leben gourufenen Institutionen in ständigem Wachstum begriffen sitimd, während der zionistische Gedanke immer mehr vmd mehr um sich greift — die Reihen der Schekelzahler im den letzten Jahren abgenommen haben. Es mag stsi n, daß äußere Umstände zu dieser für die Bewegung tioturigen Erscheinung in manchem Lande viel beigetragen haben, es wäre aber Kleinmut unsererseits, wenn wir uttsere Nachlässigkeit verschweigen wollten. Nicht aus Untreue etwa, aber aus ungenügender Beachtung der Grundlagen und der Beschaffenheit unserer Organisation. Innere Unzufriedenheit hat unsere wertende Kraft gelähmt. Diesem Zustande soll ein Ende gemacht werden. Wir sind einmal zerstreut und müssen uns sammeln. Wir können uns aber nicht sammeln ohne zu sammeln, u»d so wollen wir für den Schekel energischer arbeiten, ditie Notwendigkeit einer intensiven Schekelaktion mit allber Schärfe betonen und alle Zionisten zur Befestigung das Fundaments unserer Bewegung auffordern. Alle Zionisten müssen sich zu dieser scheinbar kleinlialhen, unansehnlichen Arbeit rüsten. Neue Schekelzahler göwv innen — das heißt unsere Reihen vermehren, stidnlumrnernde Kräfte im Volke wecken, die bis jetzt verborgenen Zionisten in tätige verwandeln, sie unseren marschierenden Reihen einordnen und zuletzt der zionistischen Organisation den Platz verschaffen, den sie diwirch die Erhabenheit ihres Zieles einzunehmen verdient. Eine Bewegung muß Tiefe, in nicht geringerem Maße aber auch Breite haben, und da gilt es keinen Tsiig zu versäumen. Eine neue Grundlegung des Zionismus Von Adolf Böhm, Wien Der Mangel eines wissenschaftlichen Fundaments für den Anidbau des zionistischen Gedankensystems ist schon oft in minserer Organisation aufs schmerzlichste beklagt worden. „Der Soogialismus" — so schrieb ich selbst einmal über dieses Tlienna- („Welt'4 1907, 26. 7.) — „welcher wie der Zionismus leiteten Endes auch nur als Willensphänomen erklärt werden ktflinn: als Wille zu einer Gesellschaftsordnung sozialer Gerechtigkeit, hat seine so mächtige Ausbreitung nur dem Umstand zu« verdanken, daß er nicht bloß als hehre Idee auftrat, sondern die Naturnotwendigkeit seines Sieges immer in wissenschaftlicher Weise, zuletzt in dem grandiosen System von Marx, zun beweisen versucht hat. Ohne diese Stütze wäre die koontinentale Arbeiterbewegung kaum je eine bewußt sozialistische geworden (siehe die englische, in der das System Genorges vorherrscht), ohne sie hätte aber auch der Sozialismus nicht zahlreiche der besten Intelligenzen aus allen Gesellschaftskreisen in seinen Bann ziehen können/4 Die Nutzanwendung für unsere Bewegung ist klar. Auf den Mangel eini»es tragfesten wissenschaftlichen Fundamentes ist „die geradezu unfaßbare Tatsache zurückzuführen, daß ein so großer Kcwmplex interessanter Probleme, wie ihn der Zionismus darstellt, weder in Kreisen der Wissenschaftler — Soziologen, Gesdliichtsphilosophen usw. — wie überhaupt unter den Gebildeten aller Nationen irgendeiner Beachtung, einer Teilniflkime oder wenigstens einer Neugierde betreffs seiner weiteren Entwicklung begegnet'4. Ideenpropaganda, nicht bloße AgiiaUlLon, so lautete unsere Forderung auf dem letzten Kongreß. Noch wichtiger als die Wirkung nach außen ist naturgemäß die Bedeutung von theoretischen Grundlegungen für