Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1052 NEBELT No. 40 Das türkische Reich befindet sich gegenwärtig in der gefährlichsten Krise, die es je erlebt hat. Mit einer Brutalität, die wahrhaft verblüffend wirkt, hat Italien seinen tripolitanischen Raubzug ausgeführt, und die öffentliche Meinung fragt, ob denn die Bestimmungen des Völkerrechts nur geschaffen wurden, um von den Diplomaten mit Füßen getreten zu werden. Wer es noch nicht wußte, muß an diesem Beispiel erkennen, wie es mit der Friedenssehnsucht der europäischen Staaten aussieht, und wer im Getriebe der Weltpolitik eigene Ziele verfolgt, mag sich ad notam nehmen, daß nicht Gerechtigkeit und Nächstenliebe, sondern kaltblütige Berechnung des eigenen und des fremden Vorteils die irdischen Güter verteilen. Vom Standpunkt des Zionismus können wir die neuerliche Schwächung der Türkei nur tief beklagen. Eine Zeitlang schien es, als ob der Gesundungsprozeß, der sich nach dem Siege der Jungtürken anbahnte, von Dauer sein und zur völligen Heilung führen werde. Nun hat es sich aller Welt offenbart, daß die Türkei nicht genügend erstarkt war, um ihren äußeren Feinden trotzen zu können. Und hierin liegt die eigentliche Tragik der jüngsten Ereignisse: Gerade jetzt, da die Türkei mit Ernst und Eifer den Versuch unternahm, durch Ordnung ihrer inneren Verhältnisse den Namen eines modernen Kulturstaates zu verdienen, trifft sie der verderbliche Schlag, der die Früchte mühsamer Arbeit zuschanden macht und vielleicht der Vorbote noch schlimmerer Ereignisse ist. Die Türken sind in der Glanzzeit ihrer Geschichte ein Krieger- und Eroberervolk gewesen. Seit der Einnahme Konstantinopels im Jahre 1453 haben sie in unaufhörlichen Kämpfen die ganze Balkanhalbinsel und Kleinasien, die Wallachei und die Krim, Kurdistan, Syrien, Palästina und Aegypten, die afrikanischen Barbareskenstaaten, Mesopotamien, Bessarabien und den größten Teil Ungarns, Cypern, den Süden Arabiens und schließlich Westpersien, die Ukraine und Kreta unterjocht. Um dieses Riesenreich zusammenzuhalten, bedurfte es naturgemäß unaufhörlich neuer Kämpfe. So kam es, daß die Zentralregierung in der rücksichtslosen Unterdrückung der unterworfenen Länder, in der mißtrauischen Ueberwachung jeder nationalen Sonderregung die einzige Möglichkeit zur Aufrechterhaltung ihrer Macht erblicken mußte, und dieser Gedanke wirkt auch heute noch in den 'Anschauungen der Regierung des osmanischen Reiches nach und erfüllt sie mit Mißtrauen gegenüber ihren eigenen Untertanen. Die äußere Machtvergrößerung fand schließlich ihre natürlichen Grenzen. Die erstarkenden Mächte im Westen und Norden — Oesterreich und Rußland — machten dem Vordringen der türkischen Waffen ein Ende, und schließlich gingen die wichtigsten Provinzen — Ungarn, Griechenland, die Balkanstaaten und Teile von Nordafrika — für immer verloren. Die Türkei mußte erkennen, daß sie dem europäischen Staatensystern an Macht nicht gewachsen war. Sie mußte retten, was ihr noch übrig blieb, und so beginnt vom Jahre 1840 eine Reformära, die mit dem Siege der Jungtürken ihren stärksten Erfolg zeitigte. Die Türken sahen ein, daß die kriegerische Unterwerfung fremder Völker und Länder nicht ausreicht, um einen Staat groß und stark zu machen. Sie versuchten daher nach dem Grundsatz zu handeln: „Was da ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen" d. h. — aus einem Gewirr eroberter Provinzen einen festen Staat zu bilden. Das war freilich eine Aufgabe von größter Schwierigkeit, denn die Hindernisse, die die Reformer auf ihrem Wege fanden, ließen sich nicht kurzerhand durch Verwaltungsmaßregeln beseitigen. Vor allem fehlt der Türkei das Fundament eines steuerkräftigen und gebildeten Bürgertums, des „dritten Standes", der immer und überall die Voraussetzung des sozialen und kulturellen Fortschritts gewesen ist. Noch ist die Türkei ein armer, schwach besiedelter Agrarstaat, noch sind Landwirtschaft, Industrie und Handel so wenig entwickelt, daß die Völker des Reiches nicht durch das Band gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen zusammengehalten werden können. Die fortgesetzten Aufstände in Arabien und Albanien erforderten gewaltsame Unterdrückung und hinderten die Regierung, ihr Reformwerk in raschem Tempo durchzuführen. Dennoch waren die Fortschritte unverkennbar, und die ehrlichen Freunde der Türkei sahen mit Befriedigung, wie mit ihrer inneren Erstarkung auch ihr Ansehen wuchs. Nun haben die Ereignisse des Tages alle Wünsche überholt. Die Existenz des Reiches steht auf dem Spiel, und nur eine Hoffnung bleibt: Die Furcht der Großmächte vor dem Weltbrand, der ihre eigenen Speicher erfassen könnte. Niemand kann heute sagen, ob es mit dem Verlust von Tripolis sein Bewenden haben wird, oder ob noch andere Teile des türkischen Reiches verloren gehen werden. Wie immer der Verlauf der Ereignisse sich gestalten mag: die Lehren der Geschichte sind nicht mißzuverstehen, und wenn es der Türkei noch einmal gelingen sollte, sich der furchtbaren Umklammerung ihrer Feinde zu entziehen, so wird sie erkennen, daß ihre Existenz nur durch fortschreitende Festigung im Innern, nur durch großzügige Kulturpolitik gesichert werden kann, die das Reich aus einem losen Gefüge mühsam im Zaum gehaltener Völkerstämme in einen starken Verband gleichberechtigter Nationen verwandelt. Das jüdische Volk, das sich voll Dankbarkeit des Schutzes erinnert, den die Türkei seinen Söhnen in Zeiten grausamer Verfolgung gewährt hat, ist bereit, an diesem Erneuerungsprozeß teilzunehmen. Seine Lebensinteressen begegnen sich mit denen der Türkei. Wir haben es immer wieder gesagt, daß die Einwanderung der Juden von höchstem Wert für die Entwicklung des osmanischen Reiches sein würde. Die Vermehrung der Bevölkerung, die Hebung von Handel und Industrie, die Kultivierung Palästinas durch jüdische Ansiedler, ist vielleicht das beste Mittel zur Förderung der türkischen Landeskultur, von der die Stärkung der politischen Macht abhängt. Es gibt keinen anderen Weg, um die innere Schwäche des Reiches zu überwinden, und die jüngsten Geschehnisse bilden den deutlichsten Beweis hierfür. Was bedeutete Tripolis für die Türkei? Ein unzivilisiertes, schwachbevölkertes Gebiet, in dem eine Handvoll türkischer Beamten und Soldaten eine Scheinherrschaft über arabische Scheichs ausübte. Es bedurfte wahrlich nur des kecken Handstreichs Italiens, um dieses Gebiet von der Türkei loszulösen. Wie anders hätte das Schicksal des osmanischen Reiches sich gestaltet, wenn seine Provinzen, die heute alle mehr oder weniger „tripolitanisch" aussehen, eine starke, leistungsfähige Bevölkerung auf-