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Die Welt · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1034 DIE2qKELT: No. 39 Palästina Die Verlegung des Jerusalemer Deutsch- Israelitischen Waisenhauses nach Fedsche Der „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina", dessen Sitz in Frankfurt a. M. ist, unterhält bekanntlich in Jerusalem seit fast dreißig Jahren ein Knabenheim, das sogenannte „Deutsch- Israelitische Waisenhaus". Die Zöglinge besuchen zuerst die Schule und ergreifen dann ein Handwerk. Um nun keine größere Konkurrenz in dem Händwerkerberuf, der ohnehin in Palästina nur ein notdürftiges Dasein gewährt, zu schaffen, verlegt der Verein sein Waisenhaus nach Fedsche, nächst Pethach Tikwah, um die Zöglinge zur Landwirtschaft heranzuziehen. In der Vorstandssitzung, die dieser Tage stattfand, wurde beschlossen, so bald als möglich an die Ausfährung des Projektes zu schreiten, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß für mindestens achtzig Zöglinge Raum zu schaffen sei. Der Leiter des Waisenhauses, Herr Dr. L. Grünhut aus Jerusalem, weilt gegenwärtig in Deutschland, um im Auftrage des Frankfurter Vereins neue Freunde und Förderer für die Anstalt zu gewinnen. Im Deutsch-Israelitischen Waisenhaus werden bekanntlich auch einige Waisenknaben aus Kischinew, die bei dem dortigen Pogrom ihre Eltern verloren hatten, erzogen. Rußland Kokowzew Ministerpräsident Am 24. September ist Finanzminister Kokowzew offiziell zum Ministerpräsidenten ernannt worden. Er behält sein bisheriges Portefeuille bei. Die Zeitungen, welche mit der Regierungen Fühlung stehen, teilen mit, daß der Tod Stolypins keine Änderung in der Politik Rußlands herbeiführen werde. Die Stimmung nach dem Tode Stolypins Der gewaltsame Tod des russischen Ministerpräsidenten hat vor allen Dingen und am schnellsten sehr empfindliche Resultate für die jüdische Bevölkerung gezeitigt. Der Umstand, daß der rätselhafte Terrorist und Polizeispion Bagrow ein zum Christentum übergetretener Jude ist, genügte, um die skrupellose reaktionäre Presse einerseits und die Agitatoren der verschiedenen monarchistischen Organisationen anderseits zu einer wüsten Pogromhetze aufzustacheln. Auch die „vornehme" „Nowoje Wremja" verschmähte es nicht, das Verbrechen nach beliebter Methode für ihre grob antisemitischen Zwecke auszubeuten und den Vernichtungskampf gegen das Judentum zu proklamieren. Der politische Ernst des ersten Organs der staatserhaltenden Parteien sucht natürlich die Wurzel des Übels nicht in der allgemeinen heillosen Verwirrung der politischen und rechtlichen Verhältnisse, nicht in der von Gewalt und politischer Rache von oben und von unten zugleich vergifteten Atmosphäre, sondern in dem Kampfe des Judentums gegen das russische Staatswesen und das russische Volk. Daraus folgt natürlich, daß „das Judentum in Eisen geschlagen werden müsse". „Keine Kompromisse, keine Kompromisse, keine Nachsicht! Mögen sie es wissen, daß Rußland beleidigt ist, daß Rußland keine Leiche ist, daß es auf Beleidigungen mit militärischer Schnelligkeit und Energie antwortet. Mögen sie erzittern und zurückschrecken." Noch deutlicher und realistischer war die Sprache der Pogromagitatoren vom Verbände des russischen Volkes. Kein Wunder also, daß sich der jüdischen Bevölkerung Südrußlands eine große Unruhe bemächtigte. In Kiew speziell kam es zu einer ungeheuren Panik. Tausende jüdischer Familien beeilten sich, die Stadt zu verlassen. Im Laufe einiger Tage wurden in sämtlichen von Kiew abgehenden Zügen die Plätze geradezu im Sturm genommen. Viele Leute mußten einige Tage warten, bis sie sich in irgendeinem Zuge einen Platz erobern konnten. Beim Gouverneur wurden täglich mehrere Hundert Gesuche um Auslandspässe eingereicht. Die Panik blieb natürlich nicht ohne schwere wirtschaftliche Folgen. So sind bereits im Zentrum der Textilindustrie des Landes, in Lodz, zahlreiche Telegramme aus Kiew eingelaufen, in welchen früher gemachte Bestellungen rückgängig gemacht werden. Glücklicherweise kamen diesmal die Kiewer Juden noch mit dem bloßen Schrecken und wirtschaftlichen Schaden davon. Ein bischen Seelennot, lähmende, entnervende Angst und unverdiente Demütigung hat für einen russischen Juden nicht viel zu sagen. Es war diesmal der feste Wille der hohen und höchsten Sphären, daß keinerlei Exzesse zugelassen werden. Am 19. September ließ der Chef des südwestlichen Regierungsbezirks, General Trepow, öffentlich folgendes bekanntgeben: „Seine Majestät der Kaiser befahl mir bei seiner Abreise von Kiew, der Bevölkerung der Stadt und des gesamten südwestlichen Bezirks seinen unbeugsamen Willen kundzugeben: S. M. verbietet der Menge, den gesellschaftlichen und einzelnen Personen jede Art Willkür, die zu Unruhen führen könnte, auf daß der Aufenthalt Seiner Majestät in dieser Gegend nicht von neuem in irgendeiner Weise verdüstert wird." Seinerseits erklärte General' Trepow: „Allerlei Gewalttaten und Verletzung der öffentlichen Ordnung werde ich in der alierentschiedensten Weise unterdrücken." , Dies genügte. Wenn die Regierung nicht will, gibt es eben keine Pogrome. Indes würde man sehr fehlgehen, wenn man glauben wollte, daß die Herren „Patrioten" auf die „Revanche"-Idee verzichtet hätten. Keineswegs. Nur soll sie diesmal eine andere Form annehmen. Das Organ der „Nationalisten" „Der Sujet" spricht dies offen heraus. In monarchistischen Kreisen wird bereits die Frage eines großzügigen wirtschaftlichen Boykotts der Juden erörtert. Petersburg, 24. Sept. Nowoje Wrernja und Genossen fahren in ihrer wilden Judenhetze fort. So schreibt Menschikof in einem Artikel „Das zerschmetterte Kreuz": „Die Kugel des Juden, die dem Retter Rußlands galt, traf zunächst Christi Kreuz des heiligen Wladimir, der Rußland bekehrte. Das Schicksal wollte so das tatsächliche Ziel unterstreichen, weiches das gegen Rußland vordringende christenfeindliche Volk verfolgt." Einstweilen hält der kaiserliche Befehl, die Ruhe zu wahren, das Volk vor dem Eingehen auf solchen Appell zurück. Petersburg, 25. Sept. Der „Rjetsch" berichtet aus Kiew, der dortige Nationalistenklub habe beschlossen, ein Immediatgesuch um 4usweisung aller Juden aus Kiew einzureichen. Pogromagitation Der berüchtigte Führer der Rechten in der Reichsduma Wladimir Purischkewitsch beschenkte die Kischinewer Bevölkerung bei seinem Besuche mit Pogromflugblättern, die er aus Petersburg mitgebracht hatte und die zurzeit in der Stadt massenhaft verbreitet werden. Brände im Ansiedlungsrayon Der Flecken Laskarschewo, Gouvernement Sjedlec wurde ganz eingeäschert. Die Not unter der jüdischen Bevölkerung ist enorm groß. Die Gemeinde appelliert an die öffentliche Wohltätigkeit. Ein großer Brand wütete auch in der Stadt Swjenzany, Gouvernement Wilna und richtete große Verheerungen an. Ausweisungen Die zur Revision des Wohnrechts der Juden in Wladiwostock eingesetzte Kommission hat ihre Arbeiten beendet. Über 35 jüdische Familien (nach einer andern Version: über 35% der jüdischen Bevölkerung) wurde die Ausweisung verfügt. Die Lage der Betroffenen ist eine geradezu trostlose. Vom wirtschaftlichen Antisemitismus Auf Veranlassung des unermüdlichen Purischkewitsch wurde in der durch ihren ausgedehnten Weinhandel bekannten bessarabischen Stadt Ackermann eine Gruppe von Weinhändlern gebildet, die an die zuständige Behörde ein Kollektivgesuch richtete, daß den Juden der Weinhandel im Interesse der Bekämpfung der Falsifizierungspraxis völlig untersagt werden soll. Aus Petersburg wurde Herrn Purischkewitsch beschieden, daß man die Frage ernstlich behandeln werde. Ein jüdischer Kandidat in den Staatsrat Zu den bevorstehenden Wahlen in den Staatsrat wurde von den südrussischen Organisationen für Handel und Industrie die Kandidatur des Odessaer Kaufmanns G. Weinstein als Vertreter der Handels- und Industrie-Interessen aufgestellt. Jedoch sind die Aussichten des Herrn Weinstein sehr gering, da die kaufmännischen Kreise im Moskauer wie auch im Wolgaschen Bezirk die Kandidatur eines Juden entschieden ablehnen. Wohnrechtsschikanen An der Petersburger Stadthauptmannschaft wurde eine spezielle Kommission eingesetzt, um genau festzustellen, wer von den jüdischen Setzern sein Handwerk ausübe. Diejenigen Setzer, die ihrem Berufe nicht nachgehen, sollen sofort nach dem Ansiedlungsrayon abgeschoben werden.

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