Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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nun die Möglichkeit gewesen, bei eineim dritten Kataster wiederum jüdische Schuten zu errichten. Auch darauf muß das Judentum verzichten. Dabei hätten gewiß beide Nationen schon aus <kn beim Fall Budweis angeführten Gründen gern ihre Zustimmung gegeben, einen driten Kataster zu schaffen. Aler die innere Zerfahrenheit und Haltlosigkeit, die unter den böhmischen Juden herrscht, ließ es nicht dazu kommen, daß auch nur die Initiative hierzu ergriffen wurde. Noch immer herrscht das nationale Parasitentum* noch immer sieht «iie überwiegende Mehrzahl der Juden ihr höchstes Ideal darin, als Söhne Teuts oder Lubüssas anerkannt zu werd en, noch fehlt die stramm nationale Eiziehung und das Durchdrungen sein von der Größe des jüdischen Nationalgedankens, und wenn irgendwo, kann man an diesem Schulbeispiel sehen, was der Zionismus leisten konnte und welche Werte durch seine Bekämpfung unserem Volke vielleicht für ewig verloren gehen. Urbi et orbi wird es klar, daß das Assimilantentum dar Krebsschaden am Korper des jüdischen Volkes ist, und daß der AssinnLant, möge er sicli mit schönen Worten noch so sehr dagegen wehren, die heiligste» Güter des jüdischen Tolkes um eines häßlichen Hirngespinstes wfcgen skrupellos den ärgsten Feinden unseres Volkes ausliefert. Ledder haben gar viele von ihnen nicht so viel jüdisches Gewissen, daß man beruhigt sagem könnte, sie mögen die Sunden, die sie begehen, mit ihrem Gewissen ausmachen. Aber das eine kann man ohne Piophetengabe mit Sicherheit schon heute sagen: eine künf tigeGfcneration wird nicht mehr verstehen,wieso Menschen mit s-o niedriger Anschauung, mit so gering entwickeltem Sinn für das Interesse und die* höchstenGüter unseres Vo lies sich anmaßen konnten, das Judentii.ru zu okkupieren, Mögen sie es doch effen eingestehen, wenn sblieber Deutsche un.1 Tschechen, als Juder sind, — das Judentum kann nur dadurch gewinnen, wenn jen«e, die nicht Juden sein wollen, nicht durch ihre Charakterlosigkeit dem Judentum unendlichen Schaden zufiigen. I [□□□□□□ SJ FEUILLETON DIE JUDEN VON BASRAH Von Dr. med. J, Spier o □□□□□□)] O <%■■■■ tß © Es mutet einen westeuropäischen Juden sehr merkwürdig an, wenn er in einem fremden Land seine Stammesgenos^n nicht unter der Menge der Bewohner herausfinden kann, wenigstens <n den ersten Tagen. Wir sind gewolmi, nach den Eigenheiten, welche unsere Rasse in ihren meisten Exemplaren äußerlich von Angehörigen anderer Rassen unterscheidena unseres Volkes Vertreter gleich auf d«n ersten Blick zu erkennen. In Italien schon läßt uns diese rein äußerliche Diagnostik meist im Stiche, ebenso in andern südlichen^Qegenden, Ganz hilflos ab&r steht man im Aifang dieser Aufgabe, seinen Stamm aus einem Völkergewirr herauszuwittern, im Orient gegenüber, bis sich nach kurzer Zeit das Auge schärft und abgesehen von Verschiedenheiten in der Kleidung, auch in den feinern Details des Gesichtsausdrucks, des Köiperbaues und des Itemehmens seine Merkzeichen hat. Während eines Aufenthaltes in Basrah, wo ich in der Praxis eines arischen Kollegen Studien macht«, war ich zuerst eigentümlich berührt, als er mich in der Sprechstunde auf eine Patientiem hinwies, die mit einem kleinen Jungen da saß, und er mir bedeutete: „Das ist eine Jüdin." Mein westeuropäisches Gefühl sträubte sich dagegen, in dieser Firau eine Jüdin anzuerkennen, weil die ganz orientalische Kleidumg, die mit Gol4 reichlich durchwirkt war, das fatalistische rutnige Benehmen, dBer Gesichtsschnitt, «lie visierartige Verhüllung i&s Antlitzes und der ganze Habitus ein so vollständig türkisch-arabisches Bild gaben, daß ich m-einte, ein Irrtum müsse hier vorliegen. Meine Begriffe von jüdischen Volksgenossen waren vom Kindheit auf an den Erscheinungen unserer Stammesbrüder in Deutschland, höchstens aber noch polnischer und russischer Juden mit ihrer eigene a Tracht, die doch der unsern nicht sehr fern steht, genährt worden, Und jetzt trat in meinen Gesichtskreis etwas Neues, von allem bisher Gesehenen und Gewohnten so Verschiedenes, dalä mich ein sonderbares Gefühl beschlich, — ein«e Mischung von dem Widerstreben der Seele, meue Eindrücke gleich zu verarbeiten, und dem Zug des jüdischen Gemütes zum Juden, sei er auch nocli so fremd und fern. Jawohl, ein kteiner orientalischer Judenjunge mit sei ner Mutter saß da vor mir, uni als ich mich nach seinem Namen erkundigte, da sagte er: Meir ibn Manasse. Der Ucleine Bursche hatte, nebenbei bemerkt, die im Orient so sehr wbreitete Trachom augenkrankheit und sprach ebenso wie seine Mutter türkisch. Diese Begegnung veranlaßte zmich, da sich das jüdische Herz gleich regte,, mich näher mit den Juden in Basrah zii beschäftigen. Einen andern Weg als durdi die Ecole Israelite der Mliance gab es für mich nicht, da ich keim türkisch oder arabisch verstand, aber hoffen durfte, dort einen englisch sprechenden Juden zu finden. In «ter Tat begegnete ich einem solchen in der Person des Directeur provisoire, Herrn J. Joh in an, der mich bereitwillig durch das Judenviertel Bassorahs führte, In Basiah oder Bassorah leben etwa 5000 Juden unter ca. 60 000 Einwohnern. In Bagdad, das von hier mit Flußdainpfer in 4—5 Tagen erreichbar ist, finden sich dagegen unter ca. 300 000 Einwohnern ungefähr 60 000 Judwi, Die Juden haben in der Türkei, insbesondere hier in den arabisch-persischen Landesteilen, im keiner Weise wegen ihrer Rasse oder ihres Glaubens zu leiden; im Gegenteil, sie bekleiden die höchsten Ehcenstellen, sind beispielsweise in Bagdad reich und angesehen und bei ihren moharnmediuiisehen Nachbaren durchaus beliebt und wohlgelitten. In Bagdad gibt es 600 jüdische Soldaten, die sich außerordentlich bewähren und die Entetruppe bilden; auch zahlreiche jüdische Offiziere befinden sich dort. Die Juden von Basrah, die ich näher kennen lernte, leben nicht in so guten Verhältnissen; es gibt dort auch viele Arme, jedoch auch eine Anzahl sehr Begüterter, In Bagdad sowohl \r\e in Bassorah gibt es Judlen, die hohe Staatsämter innehaben. Überhaupt besitzen sie hier großen politischen Einfluß. Es herrscht, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, volle Zufriedenheit mit dem neuen konstitutionellen Regime. Wenn man heutzutage das unaufhaltsame Schwinden der altjüdi* sehen Religiosität in Europa, seilet im Osten, beobachtet, so möchte man geneigt sein, im Orient ei« Refugium, ein unerschütterliches Bollwerk des Glaubens zu vermuten. Dies ist jedoch nicht der Fall. Unter den jungen Juden 4er „Young generation", wie man sich mir gegenüber in Bassorah ausdrückte, herrschen genau i ieselben Glaubensanschauungen wie in Europa und im Westen. Die junge Generation ist in den Schulen der Alliance Israelite erzogen and lernt fließend französisch und gut englisch sprechen. Eine eigentliche Assimilationsbwegung gibt es trotzdenn kaum. Für den Juden in diesen Gegenden existiert ein derartiges Problem