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Die Welt · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1030 DIE^&ELT üo. 39 davor. Das dürfen die Zeitungen veröffentlichen, soviel sie wollen. Es handelt sich um die Schikanierung von Juden, — nun, daraus macht man kein Geheimnis. Und man sagt den Juden ganz offen: wir werden euch nichts erlauben, was eure Lage verbessern kann, auch wenn ihr dafür eure eigenen Mittel hergeben wollt. Die Ica hat in Rußland segensreich für die Juden gewirkt, — speziell durch Begründung von Leihkassen, Kreditgenossenschaften usw. Jeder Staat sorgt dafür, daß seine Einwohner wirtschaftlich kräftig sein sollen. Aber es handelt sich da um Juden. Und somit beginnt die Regierung auch die Ica zu schikanieren. Ja, wenn die Ica den Juden die Emigration aus Rußland erleichtern will, dann ward man ihr entgegenkommen. Aber sie begründet Leihkassen, verschafft billigen Kredit den jüdischen Kleinhändlern und Handwerkern und dadurch bessert sie die Lage der Juden in Rußland selbst. Das ist gefährlich und man beginnt die Ica zu drangsalisieren. Vor kurzem sagte mir ein sehr hoher Beamte, mit dem ich über die Sinnlosigkeit der Zionistenverfolgungen sprach, folgendes: Wenn die Zionisten uns nachweisen, daß durch ihre Bemühungen viele Tausende von Juden aus Rußland auswandern, dann werden wir ihnen entgegenkommen. Man will sie jenseits der Grenze haben. Von oben und von unten werden die Juden gedrückt und mißhandelt. Und dazwischen? Und die russische „Gesellschaft", und die russischen Liberalen? Ich will da etwas sagen, was vielleicht manchem mißfallen wird, aber es ist wahr: die russischen Liberalen haben den Juden nicht geholfen, dagegen haben die Juden den Liberalen sehr viel geschadet. Den „Kadetten" wird man niemals ihr freundliches Verhalten gegenüber den Juden verzeihen. Und betrachten wir die Sache, so müssen wir sagen, die dünne Schicht der russischen kultivierten Gesellschaft ist so schwach, so machtlos, daß sie uns sicher nicht helfen kann. Und die Führer des russischen Judentums, die uns einzureden versuchten und versuchen, unser Heil hänge von den russischen Liberalen ab, haben eine sehr große Verantwortung übernommen. Darüber ein anderes Mal, aber jetzt wollen wir uns eines klar machen: das russische Judentum steht schutzlos da, preisgegeben dem Haß der Mächtigen, der Verachtung der barbarischen Masse, ohne jegliche Hilfe von den bessern Kreisen Rußlands. Wie hat das russische Judentum darauf reagiert? Darüber im nächsten Brief, Schwarz. Der böhmische Ausgleich und die Juden Von David Jehuda, Wien Nach dem blutigen Sonntag, der infolge der Lehre, die die Drohobyczer Vorgänge ganz Österreich gegeben haben, nicht noch blutiger geworden ist, tönen jetzt in allen Blättern Friedensschalmeien, dieden Ausgieichsverhandlungen inBöhmen präludieren sollen. Die erste Sitzung des Landtags, wo die lächerlichsten Etikettefragen jeden Moment das Werk der Verständigung umzustürzen drohten, wurden glücklich überwunden, und lebhaft fühlt man sich dabei an die Verhandlungen zu Münster und Osnabrück im Jahre 1648 erinnert, da wochenlang mit den sachlichen Verhandlungen nicht begonnen wurde, da man sich nicht einigen konnte, welcher der Delegierten ein Fauteuil, welcher einen Sessel mit Lehne und welcher einen solchen ohne Lehne zu beanspruchen habe. Nun ist man glücklich dieser weltbewegenden Fragen Herr geworden und das schon so oft angekündigte Friedenswerk kann beginnen. Jahrzehnte hindurch hat der Kampf gewährt, der das reichste Land Österreichs in seiner Entwicklung hemmte, zwei hochentwickelte Völkerschaften zu unauslöschlichem Haß aufpeitschte uud von dem in letzter Linie nur alle dunklen Mächte wie Klerikalismus, Adel und Bureaukratie Vorteil hatten. Es scheint, daß die noch in letzter Stunde krampfhaft unternommenen Versuche, die Verständigung zu hindern, diesmal fehlschlagen werden; denn die Not des Augenblicks ist so gewaltig, daß der Friede nicht mehr aufzuhalten ist. Für uns Juden ist das Interessanteste an den nun bevorstehenden Verhandlungen all das, was in dem Aus'gleich eigentlich nicht stehen und nicht vorkommen wird. Immerfort ist von den beiden Nationen die Rede. Die beiden werden untereinander die Stellen aufteilen, werden bestimmen, in welcher Weise die Landesgelder für nationale Zwecke zu verwenden sind, Landesausschuß- und Reichsratsmandate werden zu gewaltigem Schachern und Feilschen Anlaß geben, schließlich wird man sich einigen, und übrigbleiben wird als dritter aber nicht lachender, sondern weinender — der Jude. Böhmen mit seiner hochentwickelten Industrie, seinem mächtigen Handel, mit seiner fortgeschrittenen Kulturentwicklung nach jeder Beziehung zählt etwa hunderttausendJuden, die zwar nicht zu den reichsten des Landes gehören, die ab er eine ganz bedeutende Summe geistiger Potenz und Wohlhabenheit darstellen. Als im Juli d. J. hauptsächlich durch das Verdienst der beiderseitigen nationalen Führer Dr. Zatka und Bürgermeister Taschek ein nationaler Ausgleich in Budweis zustande kam, da war es jedem klar, daß ein solcher Ausgleich nur auf der Basis eines nationalen Katasters geschlossen werden könnte. Tatsächlich hat man auch in der südböhmischen Stadt denselben ohne weiters akzeptiert. Aber bei der Besprechung des Katasters tauchte natürlich die Frage auf, was mit den Juden zu geschehen habe. Beide Kompaziszenten waren bereit, ursprünglich für die Juden und die nach keiner Richtung nennenswerten in Betracht kommenden Angehörigen sonstiger Nationen eine eigene Kurie zu errichten, und zwar die Deutschen, weil der nationale Gedanke das Volk eigentlich vollkommen beherrscht und sie die Juden nach keiner Richtung als Konnationale anerkennen wollen, die Tschechen aus einem mehr praktischen Grunde, weil die Ausscheidung der Juden eine bedeutendeSchwächung des deutschen Elementes in statistischer Hinsicht bezüglich der Steuerhöhe gebildet hätte. Es möge hier unerörtert bleiben, welchen Einflüssen es * zuzuschreiben war, daß diese einzig und allein richtige Idee fallen gelassen wurde und nun die Juden zum größten Teil, wenigstens in Budweis in den deutschen Kataster kommen. Nach diesem Vorbilde werden sich nun die Vorgänge im übrigen Böhmen abspielen. Wenn es, wie es fast den Anschein hat, zum Ausgleich kommt, dann wird vor allem der Kataster geschaffen. In den deutschen Gegenden werden natürlich die Juden im deutschen Kataster, in den tschechischen zum größten Teil im tschechischen erscheinen und in Prag werden die „Germanen von des deutschen Kasinos Gnaden" die Erlaubnis bekommen, weiterhin die finanziellen Lasten für die Erhaltung des Deutschtums in Prag zu tragen. Viel trauriger aber ist es, daß hierdurch auf unabsehbare Zeiten das jüdische Element in Böhmen vollkommen nullifiziert ist. Selbstverständlich werden sie in beiden Katastern in so geringer Zahl erscheinen, daß sie gegenüber den andern vollkommen in den Hintergrund gerückt erscheinen, es ist absolut keine Aussicht, daß jemals ein jüdischer Vertreter die Prager Landtagsstube betrete und dort die so großen kulturellen und wirtschaftlichen Interessen des jüdischen Volkes in Böhmen vertrete. Denn während in Galizien, in der Bukowina und selbst in Wien wenigstens die Handelskammern hier und da einen Juden delegieren, wird das in Böhmen natürlich, da es sich jetzt um „nationalen Besitzstand" handelt, niemals vorkommen. Abgesehen davon aber ist durch diese Vernachlässigung des Katasters den Juden in Böhmen eigentlich für alle Zukunft die Möglichkeit genommen, im Landesdienst und selbst im städtischen Di.enste Beschäftigung zu finden. Denn es ist sehr zweifelhaft, resp. nicht zweifelhaft, daß weder Deutsche noch Tschechen einen Teil der ihnen zufallenden Beamtenstellen ihren lieben „Konnationalen mosaischer Konfession" zugestehen werden. Für jeden, der halbwegs die Verhältnisse kennt, ist es vollkommen klar, daß abgesehen von diesen eigentlich das wirtschaftliche Leben tangierenden Fragen auch eine ganze Reihe kultureller Interessen hierdurch ungewahrt bleibt und das jüdische Volk der Willkür und der Gnade der anderen ausgeliefert ist. In den Gemeinden, wo bisher jüdische Schulen bestanden, die durch den Druck des nationalen Hasses aufgelassen wurden, wäre

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