Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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1032 DIE3§KELT;No. 39 überhaupt nicht; denn wenn die jungen Leute hier auch nicht strenggläubig sind, so fühlen sie sich doch als eine besondere Rasse mit nationalen Besonderheiten und denken nicht daran, aufzugehen in dem umwohnenden Volke, wofür der Orientale mit seinem ausgeprägten Stammesbewußtsein überhaupt kein Verständnis hat. Da der größte Teil des Handels von Basrah in den Händen der Juden liegt, hat die Sabbathheiligung auch für sie große Schwierigkeiten. Hier ankern viele Dampfer, die tags und nachts Ladung nehmen und nicht eine Minute verlieren dürfen. Ist also die religiöse Oberzeugung nicht fest genug fundiert, dann gehts genau wie in Westeuropa: der Sabbath weicht den Erfordernissen des Erwerbslebens. Die religiösen Zustände ähneln also ziemlich den europäischen, während die nationalen bedeutend besser sind, obwohl dieAUiance Israelite auch hier assimilatorische Tendenzen in ihren Schulen pflegt. Die ältere Generation der Juden in Basrah spricht türkisch, arabisch und sephardisches, reines Hebräisch, letzteres jedoch nicht alle. Sie sind außerordentlich fromm. Hier kann man noch Kabbalisten vom reinsten Wasser treffen, und ich empfand einen nie erlebten Zustand, als ein alter, ehrwürdiger Jude mit asketischem, schwärmerischem Gesicht und glühenden Augen, — ein grauer Vollbart umrahmte seinen prachtvollen Kopf, eine türkische reiche Tracht umhüllte seine Glieder, — mich im reinsten Sephardisch-Hebräisch anredete und mir durch Vermittlung eines andern Juden, der ins Englische übersetzte, seine Grüße übermittelte und seine Freude aussprach, daß ein „Aschkenasi" aus fernen Landen sie besuche. Er fragte, ob wir die Thora treu beobachteten, ob die Juden bei uns so lebten wie hier usw. Während dieses Gesprächs, das in einer Art Veranda im ersten Stock eines jüdischen Hauses stattfand, wurden fingerhutgroße Porzellanschälchen mit Cafe turque gereicht, die einen wundervollen Duft entströmen ließen und einen wohlschmeckenden Inhalt boten. Dann besuchte ich mehrere Synagogen; sie sind, — von außen als solche nicht erkennbar, — als Rechteck mit einem rechteckigen, oben ungedeckten Lichthof gebaut, der Luft und Licht einläßt. Zur ebenen Erde beten die Männer, im ersten Stock, wie üblich, auf einer um die Wände laufenden holzgefertigten Galerie die Frauen. Der Lichthof läßt natürlich auch den Regen ein, und bei schlechtem Wetter wird deshalb der Gottesdienst unter der Galerie, die einen guten Schutz bietet, abgehalten. Perserteppiche liegen überall auf den Bänken. Pulte gibt es nicht. Der Boden besteht aus Steinfliesen. Die Thorarollen sind in einem stark gesicherten Schrein untergebracht. Etwa 30 Thorarollen zählte ich in einer größern Synagoge. In Bassorah gibt es 4 in Bagdad ca. 15 Synagogen. Die Thorarollen ruhen jede besonders in einer runden Holzumschalung, die oft herrliche Schnitzereien und Gold- und Silbereinlagen von höchstem Werte aufweisen. Auch alle Ritualgefäße sind aus Edelmetall und von alter Handarbeit. Ich befand mich in Bassorah zum Sukkothfeste und besichtigte die Sukkoth in verschiedenen Häusern. Bei einem reichen Bankier war die Laubhütte wie überall aus Stangen und Teppichen gefertigt, oben mit Palmwedeln*) gedeckt. Sie war mit kostbaren Gefäßen aus Edelmetall geschmückt, mit Seidentüchern, Samtkissen und orientalischen Teppichen reich ausgestattet. Bei ärmern Leuten ist alles entsprechend einfacher. Die Frauen liefen sofort davon, als sie mich kommen sahen, verhüllten ihr Gesicht und lugten verstohlen nach dem „Iwri Aschkenasi", als der ich vorgestellt wurde. Die Kleidung der Frauen ist orientalisch. Prächtige Goldstickereien, außerordentlich *) Basrah ist umgeben von ungeheuren Dattelpalmenwäldern, die mit ihren schönen Bäumen einen reizvollen Anblick bieten; von hier werden ca. 3000000 Zentner Datteln jährlich exportiert. schöne Goldketten, Armbänder, Ringe, Amulette usw. von uralter Arbeit mit hebräischen Buchstaben und Zeichen darauf konnte ich da bewundern. Ein ganzes Juden viertel in der Nähe des Basars .gibt es in Basrah, das eine echt orientalische Stadt, jedoch ohne besondere Eigenheiten ist. Es liegt am Schat-el-Arab, einer der Mündungen des Euphrats und des Tigris. Die Juden selbst leiten ihre Abkunft von den durch Nebukadnezar nach Babylonien und Assyrien geführten Exulanten ab. Jedenfalls sah ich in manchen Judenhäusern Dinge, die zur Zeit Nebukadnezars .vielleicht genau so gehandhabt wurden, z. B. eine Getreidemühle, die aus nichts anderm bestand, als einer Art Steineimer, in dem das Getreide durch zwei Wüstenaraberinnen, die hier Dienste taten, gestampft wurde, und zwar mit einem Holzstamme, der oben, wo man ihn anfaßte, — nicht etwa am Ende, das im Eimer stampfte, — einen kleinen Mühlstein trug; es sah kurios aus. Die Hauslierrin saß in orientalischer Kleidung am Boden und bereitete allerhand zum Essen vor. Ein kleines Baby lag in einer Wiege, die einer Hängematte ähnlich sah und auch so befestigt war. Esel, Kamele standen im Hof, der rechteckig von dem ebenso um ihn gebauten Haus eingeschlossen war, eine kleine Festung für sich. Wenn ich nicht gewußt hätte, daß hier Juden wohnten, und die Sukkoth im Hofe nicht gesehen hätte, konnte ich mich in die Behausung eines Wüstenarabers oder Beduinen versetzt denken, so rein und echt orientalisch war der Eindruck. Übrigens fehlt hier an keinem jüdischen Hause eine Mesusah, die hier in einer Pergamenthülle an den Pfosten befestigt sind. Hier kann man die Juden in ihrer reinen Eigenart als orientalisches Volk beobachten, wie sie vielleicht ähnlich vor 2000 Jahren schon gelebt haben. Es war ein erhebender Moment für mich, die Urtypen und die urtümlichen Lebensgewohnheiten meines Stammes kennen zu lernen. Die Jungen kann man natürlich schon in europäischer Kleidung sehen, und auch an ihren Umgangsformen merkt man den Einfluß des Westens; aber die Alten sind noch echte orientalische Juden die streng im Sinne der Thora und ihrer Vorschriften leben. Ihr Familienleben ist musterhaft rein und harmonisch. Ich muß gestehen, daß es Augenblicke gab, wo ich glaubte, traumwandelnd einherzugehen, so seltsam und widerspruchsvoll waren die aufeinanderfolgenden, auf mich einstürmenden Eindrücke. Und in der Tat, welcher Kontrast: Hier ein moderner, westlicher Jude in europäischer Kleidung mit neuzeitlichen Lebensanschauungen, ein Produkt jüdischer Rasse und westlicher Kultur, dort Menschen meines Blutes in einer Erscheinungsform, vielleicht nicht sehr verschieden von der, die vor Jahrtausenden Juda Makkabi oder Bar Kochba darboten. Im Gewände des Orients, mit Sandalen und burnusartigem Überwurfe die einen, in türkischer Tracht andere, und die Söhne und Kinder derselben Leute schon mit europäischem Äußern. Wie nahe wohnen doch in diesem Lande die Gegensätze beieinander! Frauen sah ich verhältnismäßig wenig, junge Mädchen gar nicht; sie werden bis zu ihrer Heirat im Frauengemach dem Auge der Fremden entzogen, kennen oft ihren Bräutigam nicht vor der Trauung. Die Juden von Basrah sind ein schöner, großer Menschenschlag, die gemessenen Bewegungen und das würdige Benehmen des vornehmen Orientalen sind ihnen eigen. Fast alle Geschäfte sind, wie schon erwähnt, in ihren Händen, und ihr Einfluß ist nicht zu unterschätzen. Ich kann sagen, daß ich überall mit Herzlichkeit und Sympathie aufgenommen wurde. Durch die farbige, fremdartige Hülle des Orients fühlte ich das jüdische Herz mir entgegenschlagen, und hatte stets die Empfindung, daß der Rythmus des Blutes in mir und meinen Brüdern von Basrah unabhängig von den Verschiedenheiten unserer Erziehung der gleiche ist und für alle Juden nur der gleiche sein kann.