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Die Welt · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Und doch ist nicht so ohne weiteres anzunehmen, daß der seit dem Frühjahr so eigenwillig ans Licht getretene Konservatismus wirklich schon wieder verschwinden müsse. Im Gegenteil hat gerade die erwähnte Demissionsaffäre das konservative Element in starker, ja in siegreicher Weise ins Spiel treten lassen. Dem braven Hussein Kiassim, der die Hauptstadt für eine Weile aus der Choleragefahr geradezu rettete, diesem draufgängischen Neuerer, standen die Alten, die graugewordenen routinierten, trägen und reaktionären Stadtväter gegenüber. Der Präfekt hatte die Presse, einen Minister und die Jungtürken für sich, die Munizipalitäten aber die alttürkischen Kreise und vor allem die Ulemas. Nun denn; die Reaktionären und die Klerikalen siegten, der Neuerer mußte weichen. Auch die ganz blondere Strenge, mit der auf Betreiben der islamischen Geistlichkeit in diesem Jahre die Staatsbehörden Verfehlungen gegen das Ramasanfasten ahnden, — es sind Kriegsgerichtsprozesse und monatelanger Kerker angedroht, — ist für die augenblickliche Vorherrschaft eines stark konservativen Geistes im ottomanischen Staatsleben bezeichnend. Es läßt sich also durchaus noch nichts Bestimmtes prophezeien. In der äußern Politik steht jetzt die tripolitanische Frage im Vordergrund. Man fürchtet, Italien könnte inmitten der Wirrnisse der Marokkoaffäre einen Handstreich auf Tripolis versuchen oder dem Reiche doch durch diplomatisches Aufrollen dieses Problems zu der chronischen Kretanot noch eine neue, tripolitanische aufladen. Die Türkei scheint aber diesmal zu einer energischen Verteidigung ihres Grenzbestandes bereit. In Tripolis stehen sechszigtausend Mann, und der verabschiedete Generalgouverneur soll durch einen Militärbeamten ersetzt werden. Mangel an Arbeitskräften in der Türkei Immer war die zionistische Überzeugung von dem Gelingen unseres großen Planes auf die Ansicht basiert, daß die Türkei unserer ebenso bedürfe als wir der Türkei, und daß die jüdische Intelligenz, das jüdische Kapital und die jüdischen Arbeitskräfte dazu berufen seien, sonst unausfüllbare Lücken im sozialen Leben der Türkei zu schließen. Ein sehr instruktiver Artikel im „Tanin" liefert wieder einmal den vollgültigen Beweis von der Richtigkeit unseres Kalküls. In einer eingehenden Studie wird dort dargelegt, daß das ganze Reich einen außerordentlichen Notstand an Arbeitskräften aufweise. Exemplifiziert wird an Konstantinopel, wo Fabriken gezwungen sind, nur aus dem Grunde ihre Pforten zu schließen und ins Ausland abzuwandern, weil es ihnen an den unentbehrlichen Handarbeitern fehlt. Die gleiche Erscheinung zeigt sich in Mazedonien, wo Tagelöhne bis zu 36 Piastern (6 Mark), eine hier exorbitante Summe, für Tabakarbeiter beispielsweise, gezahlt werden müssen und doch ausreichende Kräfte dafür nicht zu haben sind, so daß der Tabak nach Italien verladen werden muß, um dort verarbeitet zu werden. Mit scharfem Blicke läßt so der „Tanin" auch andere Teile des Reiches Revue passieren; ganz besonders beklagt er die traurige Situation des ungeheuren, schon sonst dünn bewohnten, aber nun noch durch einige Militäraushebungen und durch die Cholera dauernd entvölkerten Anatoliens. Die These, die sich für den „Tanin" daraus ergibt, ist die absolute und dringende Notwendigkeit der staatlichen Einwanderungsförderung. Während also noch ein halbes Jahr zuvor im Parlamente gewisse Deputierte, vor allem Risa Tewfik Bey, die Theorie entwickelt hatten, daß das ottomanische Reich noch auf lange hinaus nur eine innere Kolonisation nötig habe und daß ihm eine schon jetzt einsetzende Immigration eher schweren Schaden als Nutzen bringen würde, weil das Land für sie noch nicht vorbereitet sei, zeigt nun Hussein Dschahid im Gegenteil, daß ohne sofortigen Zufluß von Kräften von jenseit der Grenzen eine Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande gar keinen rechten Anfang nehmen könne. Und es ist sehr wahrscheinlich, daß die letztere Ansicht es ist, welche die Oberhand gewinnen wird. Der „Tanin" denkt zwar einstweilen bei der Einwanderung, die er predigt, nur an die muselmanischen Bosniaken und Bulgaren. Aber er wird sicherlich nicht umhin können, bei fortschreitender Einsicht anzuerkennen, daß die Immigration von jüdischen Arbeitskräften, eines nicht nur türkeifreundlichen, sondern auch höchst leistungsfähigen Elements, dem Reiche dieselben und noch weit höhere Vorteile bieten kann, als das die unwissenden, trägen und bettelarmen bosniakischen Massen zu tun in der Lage sind. Hat die bosniakische Einwanderung bisher nicht die erhofften Vorzüge gezeitigt, sondern ist sie der türkischen Regierung vielmehr schwer zur Last gefallen, so wird die jüdische sofort auf eigenen Füßen stehen und die Staatsressourcen sofort in günstiger Weise vermehren helfen. Gefährliche Hetzereien Bedauerlicherweise ist die Einsicht des türkischen Volkes noch lange nicht so weit gediehen. Im Gegenteil wird nicht nur noch immer den von draußen Einlaß heischenden jüdischen Kräften Mißtrauen entgegengebracht, sondern sogar noch versucht, die bisher leidlich gut gesehene einheimische jüdische Bevölkerung als unheilvoll für den Staat zu verdächtigen. Daß die Lügensaat der „Times" unter den Griechen besonders aufgegangen ist, haben wir schon gezeigt. Hinzugefügt sei hier nur, daß das Märchen von der Boykottanstiftung durch die Salonikier Juden bereits bis nach Griechenland gedrungen ist und das Volk gegen die Juden so aufgeregt hat, daß ein so angesehenes Organ wie die „Athenä" als Vergeltung den griechischen Boykott gegen die hellenischen Juden zu predigen beginnen konnte. Hierzulande aber werden wieder von antisemitischer Seite alle Mittel angewendet, um die Türken gegen die Juden aufzuhetzen. So wagte es vor einigen Tagen der sattsam bekannte „Ikdam", gegen die Juden. in zynischster Weise die absurde Anklage zu schleudern, daß sie es seien, die die Cholera einschleppen und die andern Elemente infizieren. Ursache dazu seien ihre frevelhafte Unsauberkeit und ihre national-religiösen Bräuche, die es ihnen beispielsweise vorschreiben, schon am Donnerstag verfaulte Fische zu kaufen, um sie am Sabbat erst zu verzehren. Und was dergleichen Blödsinnigkeiten mehr sind. Zur Schande des hiesigen Judentums muß gesagt sein, daß von seiner Seite nichts geschehen ist, um das schmählich angegriffene Prestige zu verteidigen und den gefährlichen Anwürfen ein Ende zu bereiten. Der Großrabbiner ist nicht vorhanden, dem Medschliß scheint der Vorfall entgangen, ja die jüdische Presse, und erst recht die allgemeine, hat ihm bisher nicht ein Sterbenswörtchen gewidmet. So kann man sich denn also den Juden gegenüber alles erlauben, so kann die Herabziehung der jüdischen Ehre immer mehr zum Landesbrauche sich entwickeln. Kein Wunder, wenn gegenüber solchen Erfahrungen in hiesigen jüdischen Kreisen der Gedanke auftauchen konnte, eine besondere Organa sation mit dem einzigen Ziele der Wahrung des jüdischen Prestiges ins Leben zu rufen. Palästina -Eine palästinensische Stipendienstiftung Der bekannte jüdische Mäcen und Palästinafreund in Kiew, Herr Rabbinersohn, plant die Gründung eines jüdischen Instituts für Palästinaforschung in Jerusalem. Es ist ihm bereits gelungen, sich die Mitwirkung namhafter jüdischer Gelehrter und Finanzkreise bei der Durchführung dieses Vorhabens zu sichern. Ein Komitee, das zu diesem Zwecke gebildet wurde, zählt u. a. Mr. Israel Abrahams, Prof. Wilh. Bacher, Prof. A. Berliner, Prof. Richard Gottheit, Prof. Israel Levi, Mr. Claude Montefiore und Dr. S. Poznansik zu se»nen Mitgliedern. Dieses Komitee soll junge jüdische Gelehrte; die sich auf dem Gebiete der Palästinakunde hervorgetan haben-, zu längern Studienreisen nach Palästina veranlassen und ihre? wissenschaftlichen Arbeiten überwachen. Um solche Studienreisen:, zu ermöglichen, hat Herr Rabbinersohn einstweilen zwei'' größere Stipendien gestiftet. Dieselben sind für junge jüdische Gelehrte bestimmt, welche an irgendeiner europäischen Universität einen akademischen Grad erlangthaben und auf jüdisch-wissenschaftlichem Gebiet, insbesondere auf dem Gebiet der Palästinaforschung, bereits mit Erfolg tätig waren. Eines dieser; beiden Stipendien ist schon jetzt vergebe.i. Es wurde einem, englisch-jüdischen Gelehrten, dem Absolventen des St. Catharine'% College in Cambridge, Mr. Herbert Loewe zuerkannt. Mr. Loewe, hat sich bereit erklärt, alljährlich einige Monate in Jerusalem zu, verweilen, um seine archäologischen und topographischen Studien an Ort und Stelle fortzusetzen. Rußland Das Attentat auf Stolypin Am 14. September ist im Theater zu Kiew der Ministerpräsident Stolypin von einem^Rechtsanwaltsgehilfen namens Bagrow durch zwei Schüsse tötlich verwundet worden und ist nach viertägigem Leiden den Verletzungen erlegen. Da die echten Russen zur Rache für dieses Attentat mit der Veranstaltung großen Judenhetzen drohten,

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