Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1004 DIE3aKELT \7 Np- 38 Die verständigen Vorschläge dieses ottomanischen Beamten, sowie insbesondere seine von höchster Anerkennung zeugenden Auslassungen bezüglich der jüdischen Kolonisten, verdienen weiteste Beachtung. Nationalisierungsbestrebungen in der Konstantinopeler Gemeinde Unser Konstantinopeler Berichterstatter schreibt uns: In der Gemeinde der türkischen Hauptstadt schreitet dieim letzten Frühjahr inaugurierte günstigere Entwicklung langsam, aber stetig fort. Es ist zwar von einer lebendigen schöpferischen Regsamkeit noch immer nichts zu bemerken; immer zwar noch beschränkt sich der größte Teil der Tätigkeit der Gemeindeleiter auf die Bildung von Kommissionen, die durchaus nicht immer arbeiten, — von einzelnen derselben weiß man hernach überhaupt nichts mehr, — trotzdem ist im ganzen Zuge der Geschäftsführung doch ein anderer und besserer Geist fühlbar. Man beschränkt sich vor allen Dingen nicht mehr so wie unter den „Alten" auf eine Gemeindepolitik, die wohl am besten mit dem Worte Intriguenpolitik bezeichnet wird, sondern man versucht schöpferische Wege zu wandeln. Der Medschliss dschismani will tatsächlich Neues. Er will es in der Finanzordnung und im Schulwesen in erster Reihe. Er ist sich aber bewußt, daß sich dieses Neue, das größere Opfer fordert, nicht mit den alten Mitteln und Mittelchen erreichen läßt, sondern nur durch eine Umwälzung der Geister. Er hat endlich klar erkannt, in welchen Sumpf der Lethargie die Gemüter geraten waren und daß eine radikale Neuerweckung nötig ist. Er scheint die Einsicht erlangt zu haben, daß diese Erweckung durch nichts anderes erreicht werden kann, als durch den nationalen Gedanken. Das wäre ein außerordentlicher Fortschritt, dessen wir, die Erwecker des universellen Judentums, uns ehrlich zu freuen hätten. Lassen wir, um das hervortreten zu lassen, den Aufruf sprechen, den der Medschliss dschismani jüngst in allen jüdischen Blättern veröffentlichte. „Liebe Glaubensgenossen! Der prekäre Zustand, in dem sich unsere große Gemeinde seit langer Zeit befindet, der Verfall, zu dem die spärlichen jüdischen Wohltätigkeits- und Bildungsinstitute verdammt sind, sowie die Regeneration des ottomanischen Judentums auf nationaler Basis, für die bis heute nichts Praktisches und Wirksames unternommen wurde, bilden den Gegenstand der dauernden Sorge des Medschliss dschismani. Und doch, es ist Zeit, daß unsere Gemeinde sich ein wenig aufrafft aus dieser Apathie, die das Gewissen verurteilt. Alle ihre Glieder müssen sich die Zukunft der Nation zu Herzen nehmen. Die Ära der Freiheit, die wir genießen, gibt uns alle Mittel in die Hand zu unserer Hebung, auf daß wir in wirksamer Weise aus dieser Freiheit Nutzen ziehen und danach streben, daß unsere Nation inmitten der andern Nationalitäten des Reiches den Rang einnehme, dessen sie würdig ist. Um zu diesem Ende zu gelangen, das sicherlich alle unsere. Brüder herbeiwünschen, hat der Medschliss dschismani ein Programm der Reformen und der Neuschöpfungen ausgearbeitet, das er von ganzem Herzen ersehnt, angewendet zu sehen. Nur um den Preis großer, sehr großer Opfer kann dieses Programm verwirklicht werden. Die Erziehung der jungen Generation durch die Eröffnung neuer Primarschulen, deren Programm den Erfordernissen der Zeit entspricht sowie die Reorganisation des Seminars in einer Form, die allen den Nutzen geben kann, den wir mit Recht von ihm erwarten dürfen, sind die beiden Hauptpunkte dieses Programms. Mit der Pflege der türkischen Sprache, die wir unsern Kindern einpflanzen werden, werden wir unserm Vaterland den besten Beweis unserer Liebe und Ergebenheit liefern, werden wir aus ihnen nützliche Patrioten machen, die durch ihre gute Erziehung zugleich das Prestige Israels heben werden. Parallel mit diesem Unterrichte ist es uns eine heilige Pflicht, die Pflege unserer Muttersprache, der hebräischen Sprache, zu reformieren und zu entwickeln. Wir leiden buchstäblich Not an hebräischen Lehrern, die auf der Höhe ihrer Aufgabe ständen. Der Medschliss dschismani will, daß das Seminar, einmal reformiert, nicht nur gebildete Rabbiner liefere, die an die Spitzen der zahlreichen Reichsgemeinden zu stellen wären, sondern auch durch die Ausbildung von Lehrern in einer Normalklasse die Lücke ausfülle. Wir brauchen wohl nicht hinzuzufügen, liebe Brüder, daß alles, was zu tun ist, damit nichts für die Durchführung unserer Regeneration zu wünschen übrig bleibe, in diesem unserm weiten Programm vorgesehen wurde." Weiter spricht der Aufruf von der Notwendigkeit der Beschaffung großer Mittel zum Zwecke der Realisierung der Reformen und appelliert bei Anrufung der nationalen Ehre an alle Juden, sich an der Reorganisierung der Gemeindesteuer „Kicba" durch pünktliche Zahlung der ihnen auferlegten Quote zu beteiligen. „Der Medschliss dschismani", so schließt das historische Dokument, auf das Vertrauen zählend, das "das Volk ihm bewies, indem es ihn mit seinem Mandate bekleidete, hofft auf ein Echo dieses Appells in den Herzen all unserer Brüder; er hofft, das dank ihnen er eines Tages alle seine Pläne verwirklicht sehen werde, die die moralische, intellektuelle und materielle Hebung der großen jüdischen Familie des ottomanischen Reiches zur Folge haben sollen, zur vollen Genugtuung aller unserer Volksgenossen in der Hauptstadt." Konstantinopel, 24. August 1911. Der Medschliss dschismani, gez. Nissim Russo. Man darf wohl mit vollem Recht dieses Dokument, das immer ein Ehrenblatt für seine Verfasser bleiben wird, ein historisches nennen. Es stellt zum erstenmal das ottomanische Judentum dahin, wo wir es immer haben wollten, auf nationalen Grund, und bezeichnet mit Energie als die dringendsten Aufgaben diejenigen, die wir immer als solche bezeichnet haben. Auch die Proklamierung des Hebräischen als unsere nationale Muttersprache im Namen der ottomanischen-Judenheit ist als ein Akt von historischer Tragweite anzusehen. Alle jüdischen Blätter des Landes mit mehr oder weniger nationaler Färbung kommentieren dieses Dokument wohlwollend oder enthusiastisch. Der Medschliss »hat nun mit Rücksicht auf die Fragen vieler Einzelner in der Gemeinde, die noch klarer über das Programm des Großrabbinats informiert sein wollten, noch ein zweites Bulletin veröffentlicht, worin folgende Richtlinien seiner zukünftigen Wirksamkeit festgelegt sind: 1. Entwicklung des Gefühls der jüdischen Solidarität und der Vaterlandsliebe. 2. Reorganisierung der Gemeinden auf moderner und gleichartiger Grundlage. 3. Schaffung eines Schulwesens von zugleich ottomanischem und jüdischem Charakter, durch gleichzeitige Pflege der Landessprache und -Geschichte und der jüdischen Sprache und Geschichte sowie unserer nationalen Literatur. 4. Aufwendung aller Kräfte zur materiellen Hebung der ottomanischen Juden durch Reorganisierung des Wohltätigkeitswesens in modernem Geiste und Schaffung von Werken der Hilfe und des gegenseitigen Beistandes, von Spar- und Leihkassen, Kooperativgesellschaften usw. „Aus diesem kurzen Expose", erklärt der Medschliss,