Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1002 DIEl^EELT: No. 38 keine wache Hand regt sich, um sie vor Mißbrauch zu schützen und in Reinheit zu erhalten. 'Es fehlt an Wasser, um den Unrat hinwegzuspülen, und an Kehrbesen, um die Pfützen trocken zu streichen. Die Munizipalitäten verstehen ihr Amt nicht. Und so dringt der Verwesungsduft von draußen in die Häuser, trägt mit sich die Keime der Seuche, teilt sie mit ihren Bewohnern, die in der unerträglichen Enge, in der sie zusammenhocken müssen, einander unfehlbar infizieren und, geschwächt von Hunger und schlechtem Schlaf, den furchtbaren Mikroben zum Opfer fallen. Da steht eine große hölzerne Mietskaserne, inmitten eines weiten, man sollte meinen, gutgelüfteten Platzes, und keine Wohnung ist darin, die nicht einen Toten verloren. Man schauert, indem man diese oberirdische Gruft betrachtet. Gerade gegenüber, an dem steinernen Mauerornarnent eines altorientalischen Brunnens, bezeichnet eine festverstopfte Mündung die Herdquelle des Bösen: von da nahm das choleravergiftete Wasser seinen ersten Ausgang und machte ringsumher die es härmlos Schlürfenden zu seinen Opfern. Die gefährlichsten Ansteckungsherde der Seuche sind die sogenannten „Cortijos". Es sind große, meist hufeisenförmig angelegte Holzbaracken, in denen die Elendsten der Elenden gleich dem Stailvieh verstaut sind. Sie sind schwarz vom Alter, sie sind morsch und zerfressen von Wind und Regen. In ihren Wänden klaffen Ritzen, durch die im Winter der Sturm hineinbläst; durch die Löcher auf den Dächern ergießt sich das Wasser bei den Sturzregen auf Kasten, Tische und Betten, so daß sich die ärmliche Sauberkeit in eine faule Lache verwandelt. Und Stübchen für Stübchen, nein, Loch für Loch ist vollgepfropft von Menschenwesen, von jüdischen Müttern und Kindern, von abgehärmten Greisen, halbblinden Frauen, skrofulösen jungen Geschöpfchen, alle gleich schlotternd vor Kälte, wenn der Herbst hereinbricht, alle gleich blaß vom Hunger, den ein Stück altgekauften Brotes, eine halbfaule, irgendwo vom Strand abgeschwemmte Melone, ein paar Oliven, eine grüne Gurke, ein Schnittchen schmutzigen braunen Käses oder, wenn es hoch hergeht, ein hartes Ei bekämpfen sollen. Es ist wahr, sie essen unverantwortlicherweise alles, was die Präfektur verboten; aber sie behaupten, es hungere sie. Das Verdienst an der Existenz der „Cortijos" gebührt der jüdischen Gemeinde der Hauptsradt. Es sind ihre Hakdeschim, die unentgeltlichen Unterschlupf für die Armen der Kehilla bedeuten. Daß sie nicht längst heruntergerissen und durch neue, gesunde Bauten ersetzt sind ist ein Zeichen der Armut der Konstantinopeler Gemeinde und nicht minder ein Zeichen ihrer schlechtgeführten Verwaltung, wie des völligen Mangels eines Wohltätigkeitswesens in nennenswertem Umfang. Nirgends vielleicht in der Welt lebt der reiche Jude so egoistisch, so gefühllos unbekümmert um die Not seiner Brüder als am Goldenen Hörne. Das ist ihre Schande, die sie unendlich tief stellt unter ihresgleichen in der „Mutter in Israel", in Saloniki. Als wir uns der schrecklichsten dieser Höhlen näherten, dem „Cortijo Caramanli", standen wir schmerzlich erschüttert. Zwei finstere Holzställe — eine andere Bezeichnung ist unmöglich — parallel zu einander gelagert in etwa zwei Meter Abstand mit den Längsseiten und den Türöffnungen gegeneinander. Die schwarze, gähnende Lücke, die sie zwischen sich bilden, überbaut von ebenso längslaufenden Geländern, die durch mehrere Brücken miteinander verbunden werden. Das untere Stockwerk von Staatswegen zugehämmert: Fenster und Türen mit Holzscheiten übernagelt. Unter den Geländern, die Lücke hindurch, rann bläulich-faulige Feuchtigkeit; von hinten her, wo sie im schwarzen, unratvollen Strandschlamm des Goldenen Hornes mündet, drang Pestilenzgestank in das Ganze. Von oben her, aus den Galerien, über die Geländer zu uns hinabgebeugt, schauten auf uns blasse erschreckte hilfebittende Gesichter. Vor der Hütte, auf Steinen, auf zerbrochenen Brettern, in sich zuzammengesunken, ein Häuflein Jammer: ein Greis mit wirrem Barte, Frauen mit losen Zöpfen, flachen Brüsten und stumpfen Augen, halbnackte Kinder, wildblickende, junge Burschen, — ein schreckliches Bild des Unglücks, das ganze Elend der Obdachlosen, der Ausgesperrten. Da lagen sie auf der Straße und warteten auf die Hilfe, die kommen sollte und schon tagelang nicht kam, und fröstelten am hellichten Tage im Gedenken der eisigen Nacht, die sie wieder hier vor ihrer zugeschlagenen Schwelle, oder irgendwo in einem Winkel, unter einem umgestürzten Boot am Strande vielleicht, oder im Vorraum einer Synagoge, unter einem Dachvorsprunge, auf einer hölzernen Treppe, frierend werden verbringen müssen. Kaum, daß sie aufschauen, als wir uns ihnen nähern, bald aber erhebt sich der eine, der andere von ihnen verzweifelt und verlangt von uns Rettung; ein Jüngling mit überwachten, hungerlodernden Augen dringt auf uns ein wie ein Rasender, der Alte, der hier das Haupt bildet, hat alle Mühe, ihm Vernunft zuzusprechen. Keine Hütte, kein Kellerloch, kein Tempel, keine Schule öffnet für sie ihre Pforten. Glücklich unter ihnen die, denen mildherzige Verwandte Unterschlupf gewähren können, wehe all den andern. Hier ist der Gipfel des Elends von Hasköj vor uns ausgebreitet. Achtzig Familien, vierhundert jüdische Seelen, liegen so hungernd am Tage, frierend in der Nacht, auf dem unbarmherzigen Pflaster. Der Anblick wird unerträglich. Daß die Großen da drinnen aus den Prachtpalästen der Hauptstadt, aus den weichen Lehnsesseln ihrer Sommerfrischen, die sie rücksichtslos genießen, ihrer unglücklichen Brüder nicht gedenkend, hiehergeschleift würden, um diesen Jammer zu schauen! Vielleicht daß sie sich dann rühren würden, und emsig rühren würden, um ihm ein Ende zu machen. Bedrückt scheiden wir von der traurigen Stätte und besteigen ein Boot auf dem Goldenen Hörne. Wir wollen weiterfahren, unsere Brüder im Elend zu suchen. Vielleicht, daß wir ihnen zur Rettung verhelfen! Darum fort, und haltet fest und stark die Herzen. Mit festem, taktmäßigem Ruderschlage treibt der Kaikdschi sein Boot hinaus in die grünschimmernden Fluten, dem Choleralager entgegen nach Kara-Agatsch. Nach wenigen Ruderstößen schon ist alles Traurige, alles Widerwärtige verschwunden, versunken, fortgezanbert. Nur die herrlichste, großartigste Natur ist übrig, die gekräuselten Wellchen des Goldenen Horns, durch Zypressen schimmernde schneeweiße Minarette, die frommen Totenhügel * von Ejub unter einem strahlenden, fleckenlosen, opalschimmernden Himmel, und im Norden Hasköj. Hasköj in naiver, unschuldiger Schönheit. Seine zahllosen Häuschen, sonnüberschüttet, hingelagert auf die Hügel wie still weidende Lämmer. Hier und da schauen liebliche grüne Gärten. Ein Bild süßen Friedens, ein Traum des Sabbats. Und doch schreitet drinnen die Seuche und würgt der Engel. Dr. Israel Auerbach. Das Hilfswerk Aus Konstantinopel wird uns berichtet: Die Arbeit der Großen Kommission sowie der Lokalkommission zu Balat beginnt endlich einen lebhaftem Zug anzunehmen, nachdem die Widerstände, die die gewohnte orientalische Apathie allem Wirkenwollen entgegensetzt, glücklich überwunden sind. Es ist in Anbetracht der schrecklichen Augenbiicksnot, die durch eine private Inspektion wieder der allgemeinen Aufmerksamkeit näher gerückt wurde, ein vorläufiger Verpflegungsdienst eingerichtet worden, der den von der Regierung bereits eingestellten zu ersetzen hat, und dann vor allem die Unterbringung der noch immer Obdachlosen in festes Logis begonnen worden, was freilich ohne Beginn von Neubauten eine Unmöglichkeit bleiben dürfte. Die Große .Kommission hat sich auch mit der Not der durch die Cholera in Hasköj Geschädigten befaßt und beschlossen, das Balater und Hasköjer Hilfswerk durch Vereinigung der für beide Orte disponiblen Hilfsgelder zu vereinigen. Es schweben infolgedessen Verhandlungen mit der alten Kommission der „Caisse de Pröts", die ihr Mandat an die neue große Kommission abgeben soll. Für diese Gaisse de Preis standen 37000Frs. zur Verfügung, u. zw. 10000 Frs. vom Hilfsverein der Deutschen Juden, 10000 von der Alliance und 17000 von der Gemeinde. Diese Summen