Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 38 DiE^ELT 1001 Wir kehren uns zunächst nach innen, um den Volkswillen zu erzeugen. Der Zionismus wird immer nationaler, und das ist der Weg zum Tolkswillen. Ist der Wille da, so ist auch der Erfolg sicher. Das Wollen und Vollbringen decken sich. Das Wollen steht nicht da, ein schwankender Baum in gelockertem Boden, der Stütze bedürftig und der steten wachsamen Pflege, um es vor laischen Trieben, die ihm Gefahr brächten, zu schütz en, sondern es ist der volle Ausdruck eines nationalen Wesens, das nie einen andern Trieb empfand und nie eine andere Sichtung nahm als nach der Sonne, dem Quell des Lichts und der Reinheit. Und so ist auch Wollen und Empfinden eins in einem national empfindenden Volke. Wenn der Zionismus großzügig; sein soll, muß du Volk national werden. Von einem solchen Volke kann man sagen, daß es immer kann» was es will, weil es stets will, was es kann, aber dieses Können ist alsdann nachdem höchsten Maßstab seiner Natur entworfen. Diese ruhige Harmonie eines solchen nationalen Wesens ist wie ein tiefer, vor Stürmen behüteter See, dessen glanzschimmernde01>e5rflächeselbstvonden unsteten Wünschen und Launen derzeit ni cht bewegt wird. Wenn es an sich unphilosophisch ist, zu wünschen, zu verlangen, was uns durch die Umstände versagt ist, so ist doch diese Erkenntnis selten imstande, alles Begehren, dessen Verwirklichung außeiDialb der uns gesteckten Grenzen liegt, zur Ruhe zu bannen. Nur wo eine so volle Übereinstimmung aller seelischen Momente im Volke herrscht, wie es für eine nationale Bewegung nötig ist, ist Bürgschaft dafür gegeben, daß einerseits keine Apathie eintritt und daß anderseits kein stürmisches Verlangen brausend wider die selbstgesetzten Schranken anbrandet. Stätten der Not Konstantinopel, 8. September 1911. I. Hasköj Ein buntes Gewitnnwl, fröhliche Anrufe un-d Widerhall, silberhelles Gelächter, durcheim anderwirbelndes Plaudern, ein munteres, augenerfreuendes Farbeneliaos, sabbatliche Kleider, helle wehende Schleier um kohlschwairze Mädchenlocken, neugierig funkelnde Blicke, scherzender Gruß und Willkommen: das war's, was sonst den sabbatlichen Besuch«! erwartete, der mit dem plätschernden Goldenhorn-Dampfer am Hasköjer Ghettogestade landete. Die Anlegestelle war diesmal leer. Nur zwei oder drei braune, zerlumpte Gesellen verrichteten ernst und schweigend an den Tauen, die sie um die Pfähle legten, an der Landatigsbrücke, die sie heraufzogen, ihre schwere Arbeit. Über den sonnebrennenden Hafenplatz schritt kein einziger Schatten außer unsern eignen. In der Hauptstraße, deren Läden geschlossen waren, nur hier und da ein paar hagere Gestalten: Juden im langwallenden Schlafrock, darüber den pelzrandigem Sabbatmantel. Kaum ein Frauengesicht an den Fenstern, die sonst von Hunderten, von Tausenden neugieriger Weiber- und Mädchenköpfe belebt sind. Kein einziges Kind auf den Gassen, die sonst vom fröhlichen Gekreische der Jugend widerhallten. Ein schwerer düsterer Ausdruck auf den Gesichtern der spärliche» Straßengänger. Es dringt in die Seele, dieses schwere Düster. Du siehst es an den Haustüren, die heute abweisend geschlossen sind, du hörst es aus <ier Stille, die heute über den Hütten lagert. Selbst die schreiendgrellen Farben scheinen dir davon erfüllt, die dw schwere orientalische Spätsommersonne den Dächern, Mauern, Baumstämmen und Minaretten umwirft» s-elbst der erquickende Schatten, der sich als milde Abtönung zwischen ihnen hindurchzidit. Wie in beklemmende Schwüle eingekeilt, drängen sich die wettergraueti Holzhütten eng an einander; das sonst so fröhlich wirkende Auf- und Übereinander der luftigen Häuserwürfel hinauf die Bergwarnl scheint heute in ein ängstigendes drohendes Alp-Lagern verwandelt, als wollten die Bauten oben die untern zer pressen oder abstürzend unter ihren Trümmern begraben. Die Steine, die wir treten, hat die Cho lera mit ihren grausigen Pestfüßen gestreift. Die Hamser da sind von ihrem Moderhauch angeweht worden. Hinter diesen oder jene« Fenstergittern ist eine ganze Familie ausgestorben. Auf dieser ocHe=r jener Schwelle sitzen hilflose Waisen, denen die Seuche ihre Ernährer geraubt hat. Diese Gedanken lassen dich nicht los, indes du die Gassen und Gäßchen bergaufklimmst. Und in jedem gramgezeichneten Frauenantlitz, das lir durch die Fenstervorhäikge nachblickt, glaubst du eine verzweifelte Mutter zu sehen, deren Sohn, leren einziger Trost wie eine Fliege gefallen. Vor jedem scheuen Gesichte, das dir begegnet weichst du instinktiv seitwärts, als gehöre es einem, den der Tod schon unmerklich gezeichnet Vor dem Stadthause, im dem der Kampf gegen die Seuche organisiert wird, herrscht ein geheimnisvolles Treiben, ein seltsames Aus und Ein. Männer verlassen es mit Tragbahren, mit Desinfekfionskasten und Kalkeimer bewaffnet, ein rothaariger Mensch voran, mit finster entschlossenem Gesichte: der Choleradoktor. Eine s.chreckbeflügelte Frauengest-ilt huscht hiaiein in die Pforte, der Alarm ist gegeben, bald geht ein neuer Kriegszug, dem ersten ähnlich, hinaus in das Städtchen. Und gerade, wer davorsteht vor dem Hasköjer Stadthaus, das so eifrig Mannschaften zur Rettung der Menschheit aussendet, dem erscheint dieses ganze Beginnen eigentlich löckenhaft und zwecklos. Überall auf dem holprigen, von Rieseml-öehern unterbrochenen Pflaster sind SchmutzlaguiKii sichtbar; fettige Gerinnsel suchen ihren Weg die Hänge und Schluchten des Hügelörtchens hinunter oder wühlen sich ein Dauerbett unter dem Hüttenfenstern. Faul& Gerüche liegen in der Luft, Moderhauch hängt unter den Dachrinnen und den hölzernen Erkern, — trotz dem frischen Windzug, der von den freien Höhe« des OkmeTdan über die bewohnten Stätten dahinfegt. Und das im. unmittelbarster Nähe des Stadthauses». des zentralen Kriegslagers g^gen die Seuche. „Sagt den Leuten drük&n," schrie etoe alte zerfurchte Jüdin,, die hinter uns plötzlich «las Fenster aufriß, „sie sollen de«. Tschoptschi*) schicken und nicht den DoLtor, daß er den Schmutz und Gestank vor ihrer Türe wegnimmt!" Das wäre das Kommodo, das durch ganz Hasköj ertöne« sollte und radikale Rettung bringen würde, Der Jude von Hasköj ist peinlich suiber. Durch alle Türspalten und Fensteröffnungblitzt glänzende Reinlichkeit. Die Fußböden sind meistens mit blankem Wachstuche bezogen, wen» nicht, so schneeweiß gescheuert. Kein Überschuh, der die Straße betreten hat, darf ihn berühren; er wird unweigerlich draußen im f der „Sala", im Vorräume abgelegt, die Hausbewohner schlürfen drinnen einher in Pantoffeln oder auf Strümpfen. Die Betten sind sauber verpackt, die langen Wandsofas rät bunten Stoffen bezogen3 auf denen kein Stäubchem lasten darf, Das Küchengerät, das spärliche, hängt an den Wänden blinkend, kein Restchen vom Speise und Trank, das nicht wieder anfgetischt wird, wird itn Häuschen geduldet. Diese Sauberkeit ist bewundernswert. Sie Mmpft zuweilen mit Unmöglichkeiten. Sie hat in hundert Fällen ein einziges winziges Stübcben zu beherrschen, das eine ganze .große Familie für Tag und Nacht, für Arbeit, Speisung und Ruhe, mit all ihrem ärmlichen, zerschlissenen Hausräte bergen muß. Aber draußen, auf dem Hof, auf den Gassen, da ist widerliches Chaos. Keine öffentliche R.fcgel ordnet ihre allgemeine Benutzung; *) Müllkehrer.