Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1000 D1E% dünger für andere leiden, sondern was wir wirken, eignet sich für unsere Rückschau. Das kann nur Zionismus sein — das Volk, wie es für sich nationale Taten schafft, die einen Fortbildungskeim in sich tragefi. Wir können freilich nicht umhin, auf diesem weiten Gebiete mit Bedauern eine ganze Reihe von unerfüllten Hoffnungen, getäuschten Erwartungen in dem Konto des verflossenen Jahres als Debetposten zu buchen. Aber wir sind nicht vergeßlich genug, um uns nicht zur rechten Zeit zu erinnern, wie oft in früheren Epochen der Geschichte unseres Volkes derartige Strömungen, der Gegensatz einer momentanen Erschlaffung nach einer Periode der allgemeinen Erhebung, den Blick verwirren mochten, der die Dinge nur in Beziehung auf ihre individuelle Bedeutung und losgelöst von dem Zusammenhange des ganzen geschichtlichen Prozeßes zu betrachten verstand. Die Tage folgen einander, - aber sie gleichen sich nicht. Die Erkenntnis ist unabweislich, daß das lebende Judentum begonnen hat, einen verheissungsvollen Kurs zu steuern und wir beneiden die Propheten der Assimilation nicht um ihre Sehergabe, die sich und anderen weiß zu machen sucht, als könne jemals bei uns ein Tag anbrechen, der die Wiederherstellung der Geistessklaverei bedeutet. Die innere Knechtschaft kommt nie wieder. Wir ziehen die Bilanz des verflossenen Jahres, wie es einem besonnenen und redlichen Verwalter geziemt, der weder sich noch andere täuschen mag, und verhehlen uns nicht: Gewiß haben sich unsere Instutionen weiter entwickelt, aber es war kein erfreuliches Jahr, es war keine hinreichend gesegnete Ernte zu verzeichnen; wir stießen auf Hindernisse, und wenn wir behaupten, diese seien aus der Mitte unseres Volkes durch ein charakterloses oder verblendetes Renegatentum entstanden, so ist das kein Trost, sondern ein Schmerz, der in der Seele brennt. Aber wir fassen die Erscheinungen unserer inneren Entwicklung in ihrem Zusammenhange und halten fest an dem unerschütterlichen Glauben, daß die gesunde Kraft unseres Volksgedankens alle krankhafte Wucherbildungen, welche eine systematische Abwendung von dem idealen Gehalt unserer Bestrebungen hervorgerufen hat, wieder ausscheiden wird. Wir hatten einen Kongreß, der von unserer Begeisterung zeugte, der die Richtlinien unserer weiteren Entwicklung zeichnete und ist die Summe der Leistungen nicht groß genug, um uns zu befriedigen, so ist die Aussaat hoffnungserweckend. Ja, es ist nicht uninteressant, den Eindruck, den der Kongreß im gegnerischen Lager gemacht hat, zu beobachten. So lebenskräftig auch der Kongreß uns erschien, so wollen dennoch die Stimmen von links und rechts nicht müde werden, ihn als kränkelndes Kind hinzustellen, dem der hippokratische Zug auf der Stirne stehe. Sie berufen sich, um ihre Kassandrarufe zu begründen auf das Auseinandergehen der Meinungen, die im Schöße des Kongresses mit Bezug auf Politik, reale Arbeit usw. herausgetreten seien. Was das Tatsächliche angeht, so sind sie nicht ganz im Unrecht. Neben der großen Mehrheit, welche die Notwendigkeit der Kleinarbeit anerkennt, zählte der Kongreß andere, die von der Großzügigkeit unserer Bestrebungen das Heil der Zukunft erwarten, neben solchen, die behutsam die Probleme der praktischen Unternehmungen angefaßt wissen wollen, Männer, die ein beschleunigtes Tempo wünschen. Aber die Folgerungen, welche die Gegner aus diesen Tatsachen £E LT No. 38 ziehen, sind deshalb nicht weniger hinfällig. Als wenn sich eine solche Versammlung selbständiger Köpfe, jüdischer Köpfe überhaupt in der Beurteilung schwieriger Fragen unter einen Hut bringen und . auf eine Meinung einschwören ließe! Und dann — ganz abgesehen davon, daß im Kongreß die Vertreter auseinandergehender Meinungen sich nicht so schroff gegenüberstanden, sondern bereitwillig die Wahrheitsmomente in den verschiedenen Ansichten anerkannten, — was doch das weitaus Richtigste für unsern Kongreß war: durch alle seine Tagungen und Verhandlungen hat sich eine immer größere Einigkeit der Meinungen über die Pflicht der vielseitigen Arbeit herausgestellt, ebenso darüber, was vom Zionismus aus mit Bezug auf die Pflege und die Beeinflussung des Geistes zu erstreben und zu fordern sei. Ja, man kann geradezu von einer Harmonie derselben sprechen, die uns einen erfolgreichen Fortgang des Werkes verheißt und uns hoffen läßt, daß auch jene, die so gerne seine Totengräber sein möchten, noch einmal, wenn auch widerwillig, seiner Arbeit Anerkennung zollen müssen. Wir sagen es offen heraus, es existieren trotzdem kleine theoretische Unterschiede, die sich ohne Ausnahme auf das Programm stützen. Es ist ja wahr und hundertmal gesagt, daß wir dieses Bild im Rahmen der jetzigen ottomanischen Entwicklungsmöglichkeiten sehen und daß wir die erste Methode als einen überwundenen Standpunkt betrachten. Mag einem jeden sein Recht gewahrt sein, hierin zu denken, wie er will, es braücht das wahrlich die Einigkeit im Geiste nicht zu stören; aber die Klarheit über die Frage kann ebensowenig verdunkelt werden als die Einsicht, daß alle Wege und Mittel nur im Rahmen der jetzigen Verhältnisse zu suchen sind. Nicht zu viel retrospektiv, man soll den Blick mehr nach vorne richten. Wir haben zwischen dem Wesentlichen und Unwesentlichen unterscheiden gelernt, und diese Wirklichkeit reicht vollkommen aus, ja sie ist gerade erst recht dazu angetan, uns mit ehrfürchtigem Staunen vor den Anfängen unserer zionistischen Bewegung zu erfüllen und in uns die Oberzeugung zu befestigen, daß wir in Herzl die höchste moderne Verkörperung der jüdischen nationalpolitischen Idee hatten. Der Wert dieser Epoche gewinnt für uns eine höhere, eine historische Bedeutung. Sie ist das erste und schönste Zeugnis von dem Wiederhall, die jene phänomenale Erscheinung in empfänglichen jüdischen Herzen geweckt hat, und an ihr wird sich auch unsere Hoffnung und unsere Arbeitsfreudigkeit immer aufs neue entzünden. Das ist unser zionistisches Gemeingut und soll nicht von dieser oder jener Gruppe in Beschlag genommen werden. Die Entwicklung hat neue Gesichtspunkte, neue Erfahrungen, neue Möglichkeiten, Hemmnisse und Widerstände zur Geltung gebracht, deren richtige Erkenntnis dem zehnten Kongreß den Weg gezeigt hat, wie weitergearbeitet werden muß. Gewiß wird es nötig sein, die absolute Richtigkeit dieses Standpunktes, solange es noch, wenn auch von den allerwenigsten, bestritten wird, zu verteidigen. Aber geyiß kommt auch die Zeit, und hoffentlich ist sie nicht mehr fern, wo wir nicht mehr nötig haben, beständig an den Schalen der Kritik zu nagen, sondern wo wir uns unbefangen an dem Kern der Sache erfreuen können, nachdem der wirkliche Zusammenhang allen etwas Selbstverständliches geworden ist.