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Die Welt · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROUNGERRING 3 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. fAHRO. KÖLN, 22. September 1911 p-nnb DO^nn'« W>N No. 38. JAHRESSCHAU Von Mahum Sokolow L Esfcedarf keiner besonderen Versenkung in die geheime Werks tatt menschlichen Denkens und Empfindens, um den Z-ug der Menschentiatur zu nachdenklicher Betrachtung zu erklären, den sie auf den Höhepunkten des Daseins oder bei besonders wichtigen Wendepunkten desselben eTgreift. Die neuere Zeit unterscheidet sich hierin nicht im geringsten vom Altertum, obschan der rasche Pulsschlag, der unsere ganz moderne Entwicklungsgeschichte beherrscht, jetzt in dem verhältnismäßig engen und begrenzten Zeitraum eines einzigen Jahres einen größeren Inhalt zusammendrängt, als in früheren Epochen Jahrzehnte umfaßten. Noch immer wird der Wendepunkt zweier Jahre, des scheidenden und beginnenden, als vollauf geeignet betrachtet, eine Umschau und Oberschau anzuregen, die der ernsten Beurteilung eine Falle des bedeutsamen Stoffes darbietet Jener Amoräer in der Agadah, welcher den Psalmvers erklärend: „Wie ein Schatten sind unsere Tage" seine auf erbaulichen Betrachtungen über das Mysterium des Lebens anstellt, indem er zum Urtext als Kommentar hinzuliigt: nicht wie der Schatten eines Baumes, auch nicht einmal wie der einer Mauer, sondern wie der Schatten eines dahinfliegenden Vogels", wird in seiner exegetischen Philosophie wohl das Richtige getrotten haben,, wenn er „unsere Tage" sieht, wie sie ihren Flug nehmen, wie s3e mit Geisterschnelle wallen und wirbeln und leichten Schwunges dihinschlüpfen. Was bedeutet im Licht dieser Betrachtung unsere Zeitrechnung? Nach unverrückbaren Gesetzen wälzt sich der Erdball, auf dem wir wohnen, in dem Weltmeer dahin, uns widerstandslos mit sich ziehend, während Geschlechter dahinsterben, aus den Gräbern neues Leben erblüht und Jahrhunderte einander die Hände reichen. Unendlich ist" die Kette des Werdens und des Vergehens, nimmer zu ermessen der Wechsel von Freude und Leid, und die Ruhmestaten der Geschlechter überdauern unsern Staub. Fürwahr, dej Schatten eines flatternden Vogels ist nicht mehr als „unsere Tage" . , . Ans der praktischen Nutzanwendung dieser Vergleichnng lernen wir zunächst eines: nämlich, daß man, wenn man eine weite Strecke vor sich hat, nicht gut tut, alle Augenblicke Halt zu machen und gleichsam das Fazit jeder zurückgelegten Viertelmeile zu ziehen. Man soll diese Abrechnung nicht zu oft inachen. In der gesamten geschichtlichen Entwicklung eines Volkes ist ein Lebensalter nur ein flüchtiger Moment; wie inhaltreich, unmittelbar betrachtet, auch der Zeitabschnitt eines yollen Jahres erscheinen möge, im Zusammenhange einer Volksepoche bedeutet er so gut wie gar nichts, Damit hört das Geschehene keineswegs auf, Gegenstand einer eingehenden Würdigung zu sein; es darf aber nicht den Anspruch erheben, als Ergebnis zu gelten, wo es nichts ist als ein bloßes Symptom, als Erscheinungsform eines in steter Fortentwicklung begriffenen Prozesses. Wie zarte Falter schwirrt es vorbei. Dessen soll man immer eingedenk sein. Und da wir einmal an das eine Bild des gedankenreichen Agadah-Dichters erinnert worden sind, so drängt sich unserer Betrachtung zugleich noch ein zweites innerhalb desselben Rahmens auf, — der andere Dichter, der in so anschaulicher Weise alles Leben der sozialen Welt auf das Gesetz der Doppelbewegungen zurückführt, die einander ablösen, ausgleichen: „bevor die Sonne des einen )} Gerechten" untergeht, erglänzt die Sonne des anderen", — „die einen sprossen, die anderen welken dahin.rw Es ist das auch eine Undulationstheorie, welche das eigentliche innerste Element jeder Bewegung ausmacht,, die auf natürlichen Gesetzen der innern Triebkraft beruht. Mit diesem doppelten Gesichtspunkte ziemt es sich bei Abschluß des Jahres auf den zurückgelegten Weg einen Rückblick zu werfen. Die Strecke Weges ist zu kurz, als daß die Erlebnisse auf derselben nach der einen oder anderen Seite hin ein abschließendes Urteil gestatteten. Sollen wir über den Gallith klagen und die strafende Gerechtigkeit anrufen? Das ewige ohnmächtige Jammern hat keinen Zweck und das Leid ist auch nicht Sache eines Jahres. Sollen wir unsere Lage schildern? Wir kennen sie zur Genüge; nicht was wir als Versuchskaninchen und Prügelknaben oder Kultur- 2

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