Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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österreichischen Parlament. Welcher Hohn, welcher Spott ergoß sich über die Zionisten als die Initiatoren der neuen Richtung! Mit welchen Mitteln und Mittelchen wurden sie bekämpft, — und kaum war der erste Erfolg merkbar, da drängten sich die am lautesten und vordringlichsten in die Reihen der Mandatswerber und „Kämpfer für die nationale Idee", die uns am heftigsten verdächtigt hatten und uns in den Augen der Welt zu erniedrigen versuchten. Nietzsche sagt irgendwo, daß ein Akt der Schöpfung mehr wert sei, als Bände voll Kritik. Und so heißt die Devise der Zionisten: Die Tat. In der abgelaufenen Woche veranstaltete das i. ö. D. K. eine erweiterte Sitzung mit Zuziehung der Vertrauensmänner und Delegierten des Kongresses. Die Mandatare auf dem Kongresse erstatteten über denselben eingehende Referate, und es wurde beschlossen, in den nächsten Wochen große Versammlungen zu veranstalten, in welchen den breiten Schichten unseres Volkes über die Ergebnisse und die aus ihnen sich ergebenden Notwendigkeiten des Kongresses berichtet werden wird. Es wurde beschlossen, die Schekelsammlung und Organisationsfondssammlung energisch zu betreiben, ferner die Errichtung von hebräischen Kursen in den einzelnen Wiener Bezirken zu organisieren. In einer gleichfalls in den letzten Tagen abgehaltenen Vertrauensmännerversammlung des Jüdischen Nationalvereins wurde die Anregung zur Gründung eines großen jüdischen Volksvereins gegeben, der sich mit wirtschaftlichen und politischen Fragen zu beschäftigen haben wird. Ins Auge gefaßt ist die Gründung einer jüdischen Kreditgenossenschaft, eines Konsumvereins, einer Versicherungsanstalt und einer Volksbibliothek. Brief aus Galizien (Von unserm Berichterstatter) Polnische Gastfreundschaft Die diesjährige Badesaison brachte uns wie die gewöhnlichen Judendebatten in die Presse. Die Art und Weise, wie nicht Witzblätter, sondern sich ernst gebärdende polnische Organe über den Aufenthalt von Juden in polnischen Badeorten denken, ist für einen Europäer so fremdartig und seltsam, daß es sich verlohnt, darüber etwas näheres mitzuteilen. So schreibt das „Slowo polskie" in einer Kritik der Verhältnisse im Badeort Szczawnica wörtlich: „Die Haupthindernisse der gedeihlichen Entwickelung von Szczawnica liegen im Mangel einer Bahnverbindung mit den Hauptlinien des europäischen Verkehrs und in den 70°/o jüdischer Kurgäste, die aus den niedrigsten Klassen stammen, schmutzig, lärmend und ohne Bedürfnis nach Komfort sind. Wenn jedoch dem Mangel an sprechenden Kommunikationsmitteln in' der Zukunft abgeholfen werden könnte, so droht die zweite Plage, die von Tag zu Tag wächst, der Anstalt mit völligen Ruin. Da ist ein verständiger Kopf und eine feste Hand von nöten, um diese Plage zu entfernen." Interessant ist die Art, in der man das Bad reinigen möchte. „Auf Anregung des Eigentümers und Verwalters der Badeanstalt hat sich ein Club gebildet, dessen Aufgabe in der Absonderung von den kulturlosen Elementen besteht. Der Klubausschuß ist jedoch zur Überzeugung gelangt, daß die Verwaltung auf diese Weise auf den Klub ihre eigenen Pflichten abwälzen möchte, seine Tätigkeit aber dadurch unmöglich macht, daß sie Kaftanjuden in Wohnungen herein läßt, aus denen man direkt in die für Klubmitglieder reservierten Teile des Kurparkes gelangt. Dadurchmüßte der beste Wille gelähmt werden." Seit Kasimir dem Großen, der durch das Heranziehen der Juden nach Polen nicht nur Gastfreundschaft, sondern auch Verstand bewies, scheint es bei seinen Konnationalen an beiden zu fehlen. Jüdischerseits sollte man endlich die Bestrebungen dieses Clubs unterstützen und mitwirken, daß die „Plage der 70% jüdischer Kurgäste" für ewige Zeiten aus Szczawnica verschwinden. Eine neue Korrespondenz Die von unseren Gegnern in die nichtjüdische Landespresse eingeschmuggelten unerhört gefälschten Nachrichten über Ereignisse,, des jüdischen Lebens überhaupt und dem Zionismus insbesondere bewogen einen Teil unser Parteileitung eine wöchentlich in polnischer Sprache erscheinende „Neue Korrespondenz" herauszugeben. Die erste Nummer erschien am 29. August 1. J. Die Korrespondenz wird von den Gg. Moses Frostig und Dr. Michael Ringel redigiert. Die erste Nummer brachte authentische Nachrichten über die Antwort des Herrn David Wolffsöhn auf dem Kongreß auf die Interpellation des Herrn Stand, wie auch über wichtige Ereignisse des jüdischen Lebens. Wir hoffen, daß dieser erste Schritt zur Informierung der öffentlichen Meinung von Erfolg begleitet sein wird. Palästina Die Eisenbahn Haifa-Jerusalem Dem „Berliner Tageblatt" wird unter dem 29. August aus Jaffa berichtet: „Vor einigen Tagen ist vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten hier der Befehl eingetroffen, mit den vorbereitenden Arbeiten für den Bau einer Eisenbahn von Haifa nach Jerusalem sofort zu beginnen. Die Bahn wird bis zur Station Aphule, das heißt ungefähr 40 km Strecke, die Gleise der Eisenbahn Haifa-Damaskus benutzen, und wird dann von Aphule aus auf der jetzt viel befahrenen Touristen straße über Dschenin und Nablus (das alte Sichern) nach Jerusalem gehen. Die neu zu erbauende Strecke ist nur 130 km lang, aber sie hat die große Bedeutung, daß sie das Projekt einer Eisenbahnverbindung zwischen Europa und Afrika seiner Verwirklichung wieder um einen Schritt näher bringt. In etwa vier Jahren wird die jetzt im Bau befindliche Eisenbahn über den zilizischen Taurus vollendet sein, dann wird man vom Bosporus direkte Eisenbahnverbindung bis Aleppo haben und von Aleppo mit der schon bestehenden Eisenbahn weiter bis Damaskus und Haifa fahren. Durch die neue Strecke erweitert sich dieses Netz bis Jerusalem. Zum Anschluß an das afrikanische Eisenbahnnetz fehlt jetät nur die etwa 300 km lange Strecke von Jerusalem über Gaza nach Port-Said, Es heißt, daß die türkische Regierung ihrerseits bereit sei, auch diese Bahn bis zur türkischen Grenze bei Rapha zu bauen, falls die ägyptische Regierung sie bis Port-Said weiterführe; die ägyptischenglische Regierung lehne dies aber aus militärischen Rücksichten (Furcht vor schneller Truppenzusainmenziehung an der ägyptischen Grenze) ab. Wahrscheinlich kommt aber doch bald die Zeit, wo dieses Verbindungsstück gebaut wird und damit der Schienenweg von Europa bis in das Herz Afrikas und später zum Kap führt. Mit dieser Eisenbahn hat das neue Regime den ersten Schritt zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse in Syrien und Palästina getan; hoffentlich folgen bald weitere. Der Hafen in Haifa ist noch immer nicht gebaut, obwohl die Regierung sich bereits vor zwei Jahren von einem. Unternehmer, dem sie eine Konzession für die Ausbeutung der Phosphatlager in Es Salt (im Ostjordanlande) gewährte, ein Darlehen von zehn Millionen Francs ausbedang, das zum Bau des Hafens in Haifa verwendet werden sollte. Die Sache stockt hauptsächlich wegen der Rivalität der Städte Akko und Haifa. Akko, die altberühmte Feste und Handelsstadt, ist in den letzten Jahrzehnten durch das benachbarte Haifa, in dem die württembergischen Templer eine blühende Kolonie gegründet und den Handel gehoben haben, fast ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Alle Dampferlinien legen nur noch in Haifa, nicht mehr in Akko an. Jetzt fürchtet Akko seinen gänzlichen Ruin, wenn Haifa auch noch einen Hafen bekommt, und stemmt sich diesem Projekt mit aller Macht entgegen. Die Regierung hat die Stadt mit dem Versprechen einer Eisenbahn von Haifa nach Akko zu beruhigen versucht, aber die Stadt ist damit nicht zufrieden und verlangt ihrerseits den Hafen, für den die natürlichen Bedingungen in Akko günstiger sind. Bis die Regierung hier den richtigen Ausweg gefunden haben wird, bleiben wir jedenfalls ohne Hafen und müssen hier ebenso wie in Jaffa Passagiere und Güter von der offenen Reede abholen, was sehr umständlich, kostspielig und bei Sturm im Winter überhaupt unmöglich ist." Kolonisationsbestrebungen in Hebron Unter der jüdischen Jugend in Hebron ist eine Bewegung im Zuge, die auf die Schaffung jüdischer Ackerbaukolonien in der Umgebung von Hebron abzielt. In einem Brief aus Hebron, der in der Jerusalemer hebräischen Zeitung „Hacheruth" abgedruckt war, werden die vielen Vorteile erörtert, die solche landwirtschaftliche Ansiedlungen in der Umgebung von Hebron für das gesamte jüdische Kolonisationswerk in Palästina im Gefolge hätten. Insbesondere