Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Glaube Hi ihnen durchgesetzt, daß sie und Ohre nächsten arabisch-jüdischen Nachbarn die einzigen Reste des großen jüdischen Volkes seien. Dieser Glaube hatte seine natürliche Ursache darin, daß die Juden im abessinischen Alpenlani einst viel zahlreicher gewesen waren, und daß sie es mit ansehen mußten, wie durch politisches Unglück und durch gewaltsttne Unterdrückung ihre Zahl immer mehr und mehr zusammenschmolz. Wenn man ganz von der sagenhaHen Vergangenheit Abessiniens absieht, in das einst die Königin von Sal>a als Gattin Salomos das Judentum eingeführt und das Reich ihrem jüdischen Sohne Menelik I. hinterlassen haben soll, muß man doch eingestehen, daß die SieSlung israelitisch-jüdischer Stämme in die ältesten Zeiten zurückgehen muß. Die Trennung ist jedenfalls lange vor der Feststellung des alttestamentlichen Kanons erfolgt. Das abessinische Reich war nicht immer christlich, und die in ihm herrschende christliche Konfession hat viele Bräuche, die ihren innigen Zusammenhang mit der jüdischen und ihre lange Abhängigkeit von ihr andeuten, Die politische Macht der Juden war zeitweise so groß, daß die christlichen Kaiser oder Könige sich in schweren Abwehrkämpfen mühsam gegen sie zu behaupten hatten. Eine jüdische Fürstin Oudit (Judith) soll, mit Nichtchris-ten aus Schoa verbündet, den uralten aksumitschen ffaupttempel zerstört haben. Eine andere Jüdin mit Naitnen Sague aas Lasta, die nach eitler abessinischen Chronik den ganz altägyptisch klingenden Beinamen Pten-Mu führt uni aus Agau, dem Hauptstammlande dieser Juden, stammt, vertrieb im X. Jahrhundert den Negus Delnäd, und ihre Dynastie herrschte nach den verschiedenen historischen Überlieferungen zwischen 330 und 376 Jahre über den größten Teil Abessiniens, bis im Jahr 6762 der abessinischen Zeitrechnung der zehnte Nachkomme Delnäds, Iqon-Amlak, die Macht der Juden brach und den christlichen Thron Abessiniens wieder aufrichtete. Seit dieser Zeit heißen die abessinischen Juden die Fdascha oder Falascht, was im Amharischeti die Vertriebenen bedeutet. Aber seit dieser Zeit sind die Juden auch in Abessinien immer und ausschließlich der leidende Teil gewesen. Und zwar je mehr ihre ZahL und damit ihie politische Bedeutung zurückging, um so größer wurde die Unterdrückung, Wenn am Anfällige des neunzehnten Jahrhunderts noch Hunderttausende von abessinischen Juden dem alten Stamme in Treue zugehört haben, wenn dagegen heute von diesen der weitaus größte Teil ganz und gar dem Judentume verlorengegangen ist, während ein immerhin bedeutender Teil dieser verlorenen Söhne unseres Volkes denselben Weg gegangen ist, den wir in allen Ländern der Unterdrückung sehen, ebenso im alten Spanien wie im modernen Rußland, den Weg der Scheintaafe und des Maranmentums, so liegt das außer der gewaltigen Unterdrückung der Juden an der völligen Isolierung von andern Juden. Aber heute kann noch vieles gerettet werden. Als die Missionare zu ihnen kamen, hatten sie keine große Wirksamkeit unter ihnen. In AbessEnien zeigte sich dasselbe wie in allen Ländern: nicht die Missionspredigt bekehrt Juden zum Christentum, sondern die gewaltsame politische Unterdrückung und der greifbare Vorteil für den einzelnen, sich durch die Taufe allen Unterdrückungen und Zurücksetzungen ein für alle Male zu entziehen. Als aber diese Missionare von dem Messias sprachen, der erschienen sei, da lösten sie damit nur die Hoffnung dieser Juden auf ihre baldige Rückkehr nach dem geLiebten Heimatlande des Juderivokes aus, von dem sie mindestens zwei Jahrtausende getrennt waren. Vielleicht deuten die: neuentdeckter! jüdischen Militärkolonien des persischen Reiches in Oberägypten auf den Weg der Juden nach Abessinien, Aber noch heute halten diese Falaschas die Hoffnung fest, die ein jüdischer „ Mönch", Abb äMahäri, zu dem Missionar Flad äußerte, „daß die Zeit nahe sei, wo Gott die Juden aus allen Völkern sammeln uni sie in ihr Land bringen werde, wo sie wieder auf mosaische Weise Gott in seinem Tempel dienen würden. Er glaubte, dei ezechielische Tempel werde in Jerusalem gebaute Nördlich und westlich ron dem großen Tsana-See sind ihre Hauptsitze noch heute. Dort sprechen sie neben dem Amharischen als Landessprache auch heute noch ihre alte Hwaraza- oder Kwarasprache, die wenigstens die ältere Generation noch versteht. Aus dieser Sprache leiteten nicht genügend unterrichtete Forscher die Behauptung ab, daß die abessinischen Juden nichtjüdisehen Stammes, judaisierte Agau - Leute seien, eine Behauptung, die in entsprechender Form regelmäßig bei allen exotischen Judenstämmen wiederkehrt. In ähnlicher Weise hat man versucht, auch die europäischen Juden als europäischen Stammes anzusprechen. Wenn man die Sprache als einziges oder wesentliches Auskunftsmittel fin die Abstammung der Menschen, noch dazu der Juden machen wollte, so würde mam sich dauernd auf dem Holzwege befinden. Wenn es aucli nicht zu leugnen ist, daß die FaJaschas sich aucüi mit afrikanischen Völkern gemischt haben, so ist diese Mischung nicht größer als die anderer Juden in dem Ländern ihres Aufenth aJts. Die jüdische Rasse und Nation wird durch so geringe Beilmischungen nicht tangiert. Bei einem Vclksteile, der sich so früh von der Qesamtheit getrennt hat, daß er die Halbieiertage Purim und Chanukah nicht kennt, darf es nicht wundernehmen, daß sich Unterschiede gegenüber andern Juden zeigen. Um so auffälliger und wertvoller ist aber das viele und ausschlaggebende Gemeinsame. Sie sind Juden, der Nation und dem Glauben nach. Die nationale Liebe zu seinem "Volke trieb den Gelehrten Joseph HaUvy, an die Erforschung dieser fernen Stammesbrüder zu gehen, und ihm verdanken wir die ersten wissenschaftlichen Mitteilungen, wenn er auch infolge der Bürgerkriege, die Abessinien durcitotiten, seine Reise nickt ganz so durchführen konnte, wi£ er es beabsichtigte, Aber während er voll Feuereifer zurückkehrte, dies;e Stammesbrüder für das Volk zu retten, die auf dem Wege waren, verloren zu gehen, lielä ihn die Alliance Israelite Universelle, die ihm den Auftrag zu seiner Expedition erteilt hatte, völlig im Stich. Ging sie doch so weit, anzuzweifeln, daß ihr Abgesandter, ein Mann von wissenschaftlichem Weltruf, überhaupt in Abessinien gewesen seE. Was Halevy damals nicht erreichen konnte, wurde dennoch von ihm nicht vergessen. Qoethe sagt, daß jeder Vater den Ehrgeiz habe, in seinem Sohne das Ziel zu erreichen, das ihm selbst versagt geblieben sei. Bei den Juden vertritt, wenigstens in der Wissenschaft, das. Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler das väterliche zum Sohne. So erzog sich der Nationaljude Joseph Halevy in seinem Schüler Jakob Fai'tlovitch einen Nachfolger als — sagen wir jüdischen Falascha.-