Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 37 (15.9.1911)
- Date
- 1911-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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972 DIES^ELT V" ' No. 37 geistige und kulturelle Entwicklung der orientalischen Judenheit verfolgen und auf diese Entwicklung Einfluß zu nehmen suchen. Wenn es der Leitung der zionistischen Organisation gelingt, auf diesem bisher vernachlässigten Gebiet auch nur Anfänge einer planvollen Tätigkeit zu entfalten, so wird sie sich den Dank künftiger Generationen verdienen. Ist doch der Zionismus, wie wir ihn verstehen, kein toter Mechanismus, sondern lebendiger Geist, ist doch seine Verwirklichung keine Frage äußerlicher Organisierung, wie wir sie hundertfach im jüdischenVereinswesen der Gegenwart wahrnehmen, sondern innerer Belebung. Nur als geistige Macht kann der Zionismus siegen, und deshalb muß er in den Herzen und Köpfen der Juden des Orients Eingang finden, mit denen wir bei der Ausführung unserer Pläne in allererster Linie zu rechnen haben. Insbesondere gilt dies natürlich für Palästina selbst, dessen Jugend uns, d. h. dem nationalen Ideal des Zionismus gehören muß, wenn unser Werk von Dauer sein soll. Es war vorauszusehen, daß die Annahme der Anträge des Kulturausschusses für das Verhältnis der Misrachi-Föderation zur Gesamtpartei von Bedeutung sein würde, denn bislang hatte der Misrachi den Standpunkt vertreten, daß die Kulturarbeit völlig von der Parteiarbeit losgelöst und der Initiative von Privaten oder besonderen Gesellschaften überlassen bleiben müsse. Diesem Standpunkt hat sich der Kongreß nur insofern angeschlossen, als er die Kulturarbeit in den einzelnen Ländern für eine Aufgabe der Landesorgamsationen und Föderationen erklärte. Damit ist die Möglichkeit gegeben, den jeweiligen Landesverhältnissen Rechnung zu tragen, und auch der Misrachi kann sich auf der ganzen Welt in seinem Sinne kulturell betätigen. Im Orient aber und insbesondere in Palästina muß die zionistische Organisation als solche zu wirken suchen, denn es hieße ein Kartenhaus errichten, wenn wir dort, wo das Zentrum unseres Volkstum sich bilden soll, an dem geistigen Leben der jüdischen Bevölkerung achtlos vorübergehen oder gleichgültig zusehen sollten, wie die Feinde unserer Idee die Herzen der Jugend zu erobern trachten. Für den Misrachi handelte es sich nach der Annahme der erwähnten Beschlüsse darum, sein Verhältnis zur zionistischen Organisation zu bestimmen, und diesem Zwecke diente eine Konferenz, die am 10. September in Berlin stattfand. Das vorläufige Ergebnis dieser Konferenz war, daß eine Anzahl Misrachisten ihren Austritt aus der zionistischen Organisation erklärte. Die Majorität aber beschloß, vorläufig in der Organisation zu verbleiben und mit dem Aktionskomitee in Verhandlungen einzutreten. Diese Verhandlungen, mit denen eine Kommission des Misrachi beauftragt wurde, nahmen am nächsten Tage ihren Anfang. Es fand eine ausführliche Besprechung zwischen einzelnen Mitgliedern des E. A. C. und der Misrachi-Kommission statt, und wenn auch das E. A. C. noch nicht zu formellen Beschlüssen gelangen konnte, wenn auch die schließliche Entscheidung dem Großen A. C. vorbehalten bleiben muß, so kann doch als Resultat der Unterredung festgestellt werden, daß nicht nur der Wille zur Einigung auf beiden Seiten vorhanden ist, sondern daß die sichere Aussicht besteht, daß das E. A. C. in der Lage sein wird, dem Großen A. C. Beschlüsse zur Annahme zu empfehlen, die es dem Misrachi ermöglichen werden, in der zionistischen Organisation nicht nur zu verbleiben, sondern auch gemeinsam mit ihr tatkräftig zu arbeiten. Dieses erfreuliche Resultat der bisherigen Unterredungen kann insofern nicht überraschen, als ja längst feststeht und in den Beschlüssen des Kongresses zur Kulturfrage wiederum betont wurde, daß die zionistische Organisation nichts unternehmen darf, was dem Religionsgesetz widerspricht. Es wird mit Strenge darauf geachtet, daß die Bureaus der Organisation und ihrer Institutionen am Sabbat geschlossen bleiben, und ebenso wird bei allen zukünftigen Gründungen der zionistischen Organisation, auch auf kulturellem Gebiet, insbesondere im Schulwesen, darauf geachtet werden müssen, daß keine Verstöße gegen das Gesetz vorkommen. Wenn gegenwärtig der Misrachi die Forderung erhebt, daß zur Sicherung dieser Bestimmung geeignete Maßnahmen getroffen werden, so läßt sich dagegen durchaus nichts einwenden, und es ist zu hoffen, daß sich über die Form, in der diese Sicherung erfolgen soll, eine Einigung erzielen lassen wird. Das weitere Verlangen des Misrachi, bei der Vorbereitung der kulturellen Arbeiten gehört und berücksichtigt zu werden, kann ebenfalls nicht zu irgendwelchen Differenzen Anlaß geben* Es muß freilich der Grundsatz festgehalten werden, daß die vorbereitenden Instanzen, d. h. etwa vom A. C. einzusetzende Kommissionen fachmännischen, nicht aber parteipolitischen Charakter tragen. Die Entscheidung kann immer nur beim A. C. liegen. Aufgabe der vorbereitenden Kommission ist es, das Material zu sammeln und zu bearbeiten, um das A. C. zu entlasten und mit fachmännischem Rat zu versehen. Daß bei dieser vorbereitenden Arbeit Vertreter des Misrachi ständig beteiligt sind, ist nicht nur ein Gebot der Gerechtigkeit, sondern vom Standpunkte der Parteileitung freudig zu begrüßen. Nur so wird die Möglichkeit gewonnen, über alle Einzelfragen zur Verständigung zu gelangen und das gegenseitige Vertrauen, ohne welches der Friede nicht von Dauer sein kann, zu erhalten und zu befestigen. Wenn heute schon die Ansicht besteht, daß das E. A. C. sich mit dem Misrachi über die beiden soeben erörterten Hauptfragen einigt, so können alle andern etwa noch auftauchenden Sonderwünsche keine ernsthafte Differenz bilden. Es ist unter anderm der Wunsch geäußert worden, Ausgaben für Kulturzwecke nicht aus Schekelgeldern zu bestreiten. Einem solchen Beschluß würden schwerwiegende Bedenken entgegenstehen, doch erübrigt sich die Diskussion hierüber, da die Schekelgelder in den nächsten Jahren leider noch nicht so angewachsen sein werden, daß sie für andere Zwecke als zur Deckung der laufenden Ausgaben der Organisation verwendet werden könnten. Die Situation ist heute weit klarer als früher, und es ist zu hoffen, daß die Verhandlungen zwischen dem E. A. C. und dem Misrachi alle Differenzen so weit beseitigen werden, daß das Große A. C. mit seiaen Beschlüssen den dauernden Frieden in der Organisation herstellt. * * * Die Misrachi-Konferenz (Von unserm Spezialberichterstatter) Die entscheidende Konferenz des Misrachi hat am letzten Sonntag im Hotel „Atlas" zu Berlin stattgefunden. Sie tagte mit kurzen Unterbrechungen von 11 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachts und endete mit