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Die Welt · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 36 üIE^gE LT dieser Häuser verübt. Unter dem früheren Wali war der Eintritt von Nichtjuden zur Nacht in dieses Juden viertel verboten; der gegenwärtige Wali aber ist schwach urnd die Behörden böswillig und zum Teil ganz unter dem EinfluÄ, ja geradezu unter dem Kommando einiger Dirnen. Es ist nichts seltenes, daß auf deren Geheiß Verhaftungen Unschuldiger vorgenoo men oder schuldige Verurteilte aus dem Gefängnis entlassen werd&m. Vor drei Monaten ist ein Jude unter dem Vorwande, er hätte im Islam beschimpft, von der Menge überfallen und mißhandelt, dann eingekerkert und ohne Prozeß und Urteil dort belassen worden, bis er infolge der endlosen Leiden verstarb. Die wiederholte Intervention des Großrabbiners von Damaskus beim Wali hatte in all diesen Dingen keinem Erfolg. Hoffentlich wird ein solcher endlich nahen, wenn der türkische Großrabbiner in der Hauptstadt neue und energische Schritte tun wird. Antisemitisches Verhalten eines türkischen Offiziers Zum erstenrnale —hoffentlich wirdes auch das letztemal bleiben — haben sich Jüdische Soldaten über feindseliges Auftreten eines türkischen Offiziers zu beklagen. Dem „Osman ischen Lloyd" zufolge richtete vor einigen Tagen bei einer im Vw-orte Haidar Pascha stattfindenden Übung ein Offizier, wahrscheinlich aufgeregt durch einen von einem jüdischen Rekruten begangenen Fehler, in Gegenwart einer großen Zuschauermenge, vom Pfeirdb herab höchst beleidigende Reden an die Adresse der jüdischen Mannschaften, die sich bis zu Auswürfen gegen den Chachambas.riiin und die jüdische Nation verstiegen. In Kenntnis gesetzt von diesem Vorfalles, begab sich Rabbi Nahum sofort zum Kriegsminister, um Klage darüber zu führen. Mahmud Schefket Pascha war äußerst betrogen über diese Mitteilung und drückte sein Bedauern aus, das neu so lebhafter sei, als er, wie er wiederholt betonte, gerade mit d&n jüdischen Soldaten außerordentlich zufrieden sei. Der Minister versicherte, daß er sofort persönlich eine Untersuchung über den Fall eröffnen werde. Jedoch neige er sehr der Ansicht zu, daß es sich um ein Mißverständnis handeln müsse, da er den in Frage stehenden Offizier als einen gebildeten und tüchtigen Mann kenne. Hoffentlich bringt die Untersuchung klarers Licht in die Sache, und erfolgt, wenn eine Schuld vorliegt, trotz den sonstigen schätzenswerten Qualitäten des Offiziers, eine energische Bestrafung. Das verlangt das Prestige, ja das Lebensinteresse die* türkischen Juden, die ja doch eines der Reichselemente bilden, deren harmonische Einigung einen Hauptprogrammpunkt des Komitees und der Regierung, sowie einen Fundamentalsatz der türkischen Verfassung bildet. Der Offizier ist in Deutschland ausgebildet worden. Die jüdischen Soldaten und Sabbath- und Speisegesetze Es bleibt dabei, daß die jüdischen Solldaten keinen freien Sabbath bekommen. Die endgültige Antwort des Kriegsministers lautet dahin, daß auch die Christen Sonntags nicht freigelassen werden, sondern daß den einen wie den andern, zwei Stunden ihres religiösen Ruhetages freigegeben werden, damit sie dem Gottesdienst beiwohnen können. Die Salonikier jüdischen Soldaten sind ün einen eigenartigen „Streik" getreten. Sie weigern sich, die Nadrmng aus der Kaserne entgegenzunehmen, sondern beanspruchen aisßer ihrer Brotration den Ersatz des Restes in barer Münze, damit sie sich rituell verköstigen können. Die Militärverwaltung ihrerseits beruft sich darauf, daß der Großrabbiner der Türkei, Rabbi Haim Nahum, den jüdischen Soldaten das Essen aus der Kantine gestattet hätte, und hat deshalb beim Großrabbinate gegen die jüdischen Rekruten Klage geführt. Palästina Besuche des Paschas von Jerusalem Der neue Pascha von Jerusalem, Djamiat Bey, stattete am 8. d. M. der An glö-Palestine Company ei»«en offiziellen Besuch ab und weilte über eine halbe Stunde in de« Räumen der Anstalt. Direktor Dr. J. Levy informierte den Pascruai eingehend über die Einrichtungen und die geschäftliche Tätigkeit der Bank. Dieser Tage besuchte Djaudat Bey Rischon ie Zion und sprach sich sehr anerkennend über die Fortschritte der jüdischen Kolonisation in Palästina aus. 957 Ein neuer jüdischer Augenarzt in Jerusalem Der Verein „Lemaan Zion" in Jerusalem hat in der Person des Herrn Dr. Krause einen neuen Augenarzt für seine Augenklinik gewonnen. Herr Dr. Krause ist vor kurzem in Jerusalem eingetroffen und hat seine ärztliche Tätigkeit in der Augenklinik bereits aufgenommen. Damit ist die seit dem Abgange Dr. Erlangers erledigte Stelle wieder besetzt, was von den jüdischen Augenleidenden mit großei Freude begrüßt wird. Chachambaschiwahl in Safed Die sephardische Gemeinde in Safed hat den gewesenen Großrabbiner von Damaskus, Alfandari, zum Chachambaschi gewählt. Dieser Tage traf nun Rabbi Alfandari ~d ort ein, um sich nach seinem neuen Amtssitze zu begeben. Er wurde von einer Anzahl Chachamim und Notabein aus Safed,. die ihm entgegengereist waren, auf das herzlichste begrüßt. Rabbi Jakob Meir — Gutsbesitzer in Pethach- Tikwah Der Chachambaschi von Saloniki, R. J a k o b Meir, hat gelegentlich seiner jüngsten Anwesenheit in Pethach-Tikwah ein mit verschiedenen Pflanzungen bestandenes ca. 60 Dunam großes Grundstück käuflich erworben. Ein Mustercheder in Jerusalem Seit einiger Zeit besteht in Jerusalem unter dem Namen Chader- Thora ein nach modernen pädagogischen Grundsätzen geleitetes Cheder, in dem neben den jüdisch-traditionellen Unterrichtsgegenständen auch weltliche Eiernentarfäcler gelehrt werden. Zum Leiter dieser Anstalt ist vor kurzem Herr Dr. J. Marschak berufen worden, der früher an der Volksschule in Pethach-Tikwah tätig war. Ein Abgesandter der jüdischen Gemeinde Haifa beim türkischen Qroßrabbiner Seit einigen Tagen weilt in Koistantinopel Herr Isak Nahun, Direktor der Allianceschule in Haifa, den die dortige jüdische Gemeinde entsandt hat, um dem Großrabbiner HaimNahum die Lage der jüdischen Bevölkerungi tu Galiläa eingehend zu schildern und ihn zu veranlassen, einen Chachambaschi für Haifa zu ernennen, der die Interessen der jüdischen Bevölkerung bei den Behörden nachdrücklich wahrnehmen soll. Herr Nahun ist auch beauftragt, einen tüchtigen jüd ischen Rechtsanwalt in der Hauptstadt ausfindig zu machen, ier geneigt wäre, sich in Haifa niederzulassen. Damit wäre einem in ganz Palästina sehr fühlbaren Mangel abgeholfen. Rußland Ein russischer Polizeichef als Mörder In U r a 1 s k geschah das aiLch für Rußland merkwürdige Ereignis, daß der oberste Hüter der öffentlichen Ordnung, Polizeichef Liwkin, zwei Juden — die ICaufl e ute Ben ja mino witsch und Bjelostozky — eigenhändig erscloß. Die unglücklichen Opfer mußten es büßen, daß sie sich erkühnt hatten, gegen die unerträgliche Erpressungssucht des Polizeiclefs, dem sie allmonatlich ihren „Tribut" entrichten mußten und der den Tarif für diese „Abgaben" immer höher schraubte, bei der vorgesetzten Behörde Beschwerde zu führen. Nach vollzogener Tat erklärte der Mörder kaltblütig: „Nun werden die Jüdlein keine Besdiwerdeschriften mehr schreiben!" Zur „Reform" der russischen Anwaltsordnung Im Justizministerium wird zu rzeit eifrig an einem Gesetzentwurf zur Reform des Advokaturvesens gearbeitet. Über die Natur der geplanten Reformen wurde bis jetzt von Seiten des Ministeriums nichts Bestimmtes verlautbart. Bei dem gegenwärtigen extrem-antisemitischen Kurs der russischen Regierungspolitik und insbesondere bei dei bekannten erzreaktinären und judenfresserischen Gesinnung der Beamten des Justizministeriums kann jedoch kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß diese Reformen in erster Reihe gegen die Juden gerichtet sein werden. In juristischen Kreiseo zirkuliert denn auch das bestimmte Gerücht, daß den jüdischen Rechtsanwälten verboten werden soll, als Vertreter christlicher Auftraggeber vor Gericht aufzutreten.

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