Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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958 DIE^ELl No. 3ö Wirtschaftlicher Boykott gegen die Juden in Russisch-Polen In Warschau wurde vor kurzem eine neue Spar- und Leihkasse eröffnet, die statutengemäß Juden keinen Kredit gewährt. Die Zahl derartiger ausgesprochen judenfeindlicher Finanzinstitute steigt in Russisch-Polen überhaupt von Tag zu Tag. Eine gefälschte antisemitische Petition Vor kurzem wurde an den Premierminister Stolypin durch Vermittlung des zuständigen Landrates eine von zahlreichen Einwohnern der Ortschaften Losowaja und Pawlowka gezeichnete Petition gerichtet, in welcher gegen die ortsansässige jüdische Bevölkerung Beschwerde geführt und der Minister ersucht wurde, die Ausweisung der betreffenden Juden zu verfügen. Nach genauerer Prüfung stellte es sich nun heraus, daß sämtliche Unterschriften der Petition gefälscht waren. „Echtrussische" Phantasie Unter der Spitzmarke „Die Basler Verschwörang" veröffentlicht die berüchtigte „Semschtschina" in Odessa einen „Bericht" über den zehnten Zionistenkongreß. Der Korrespondent des famosen Patriotenblattes schildert den Kongreß als geheime Verschwörerversammlung, wo nebeTi den zur Irreführung der „Gojim" abgehaltenen öffentlichen Sitzungen auch geheime Beratungen über allgemeine jüdische Fragen abgehalten wurden. Freilich sei es schwer gewesen, sich zu den geheimen Sitzungen Zutritt zu verschaffen, zum Glücke für die christliche Welt gebe es aber immer ein Jüdlein, das sich bereit finden lasse, die Geheimnisse, die sich hinter den Kulissen abspielen, zu verraten. Von einem solchen Jüdlein habe er, der Baseler Korrespondent der Zeitung, in Erfahrung gebracht, daß man in der geheimen Sitzung Beratungen darüber gepflogen hätte, wie all den Prozessen über religiöse Morde in Kiew, Warschau, Radom, Bukarest i:sw. ein Ende gemacht werden könnte. Der gut informierte Korrespondent weiß von einem Beschlüsse zu berichten, es keinesfalls dazu kommen zu lassen, daß die Juschtschinsky-Angelegenheit als Ritualmord enthüllt werde. Ferner sei beschlossen worden, überall die revolutionäre Bewegung, ähnlich wie in den Jahren 1905—1906, zu fördern, ganz besonders aber soll diese Bewegung in Rußland unterstützt werden. An den geheimen Sitzungen hätten sich Vertreter des britischen Reiches beteiligt, die das Versprechen abgegeben hätten, in Petersburg in Sachen der Ritualmorde ihren Einfluß zugunsten der Juden geltend zu machen. In diesen Sitzungen habe es sich auch klar herausgestellt, weshalb die Juden so sehr gegen die Autokratie sind. In den parlamentarischen Ländern, wie in Frankreich z. B., sei es möglich, die Politiker zu bestechen, während die Monarchen natürlich unbestechlich sind. Sodann wird etwas vom Berichte des A. C. über „das Kapital des .universellen jüdischen Fonds" erzählt, wobei ganz gruselige Märchen über diese enormen Kapitalien aufgetischt werden. So werden die beneidenswerten Leser des einflußreichen patriotischen Blattes über die Ziele und Bestrebungen der zionistischen Bewegung informiert. Vom Emigrationskongreß Das Wiener Komitee in Angelegenheit des jüdischen Emigrationskongresses sendet uns folgende Zuschrift: „In mehreren jüdischen Blättern wurde vor einigen Wochen eine Mitteilung über die Verschiebung des in Wien geplanten - Allgemeinen Jüdischen Emigrationskongresses« veröffentlicht, die Dichtung mit Wahrheit vermengt. Da wir in diesem Belange eine Orientierung der Öffentlichkeit für notwendig erachten, bitten wir, zur Klärung des wahren Sachverhalts, um Aufnahme folgender Richtigstellung: Das Wiener Komitee hat in den letzten Monaten mit maßgebenden Organisationen und Persönlichkeiten, darunter auch mit der in den betreffenden Blättern genannten hervorragenden Persönlichkeit, welche schon wiederholt für die Emigrationsfrage tiefgehendes Interesse bekundete und große materielle Opfer brachte, einen regen Ideenaustausch betreffs des Emigrationskongresses gepflogen. Es ist nun richtig, daß hierbei gegen den für Ende August d. Js. angesetzten Termin, der manchen als ein verfrühter schien, Bedenken laut wurden, denen wir uns um so weniger verschließen konnten, als sie von höchst berücksichtigungswürdiger Seite erhoben wurden. Richtig ist auch, daß im Laufe der Verhandlungen eine Vorberatung angeregt wurde, die vor dem Kongresse abgehalten werden soll und nunmehr in die Wege geleitet wird. Alle andern Mitteilungen, besonders aber die erwähnte persönliche Begegnung der Delegation der Petersburger Konferenz mit der in den betreffenden Blättern genannten hervorragenden Persönlichkeit und die Behauptung über das gänzliche Fallenlassen der Kongreßidee, gehörten in das Gebiet vager Kombination. Für die Aufnahme dieser Darstellung in der nächsten Nummer Ihres geschätzten Blattes im vornherein bestens dankend zeichne Mit vorzüglicher Hochachtung Für das Komitee: Der Obmann: Dr. Gustav Kohn." Sammlung alter spanisch-jüdischer Lieder Der Adjudant des spanischen Marineministers, Major Manuel de Lara, Mitglied der Madrider Akademie der schönen Künste, bereist gegenwärtig die Balkanländer und den Orient, um im Auftrage der spanischen Regierung die alten spanisch-jüdischen Lieder, die noch unter den Sephardim bis zum heutigen Tage erhalten blieben, zu sammeln. Manuel de Lara, der zu den bekanntesten Dichtern seiner Heimat zählt, hat bereits Bosnien, Serbien und Bulgarien bereist und fand überall das freundlichste Entgegenkommen. In Sofia sicherte er sich die Mitarbeit des Oberrabbiners Dr. Ehrenpreis. De Lara befindet sich jetzt auf dem Wege in die Türkei, wo er besonders reiche Ernte für seine Aufgabe erhofft. Judenausweisungen in München Die Münchener Polizei hat einige seit vielen Jahren dort ansässige aus Galizien und Rußland eingewanderte jüdische Hausiererfamilien plötzlich ausgewiesen. Weitere Ausweisungen osteuropäischer Juden stehen bevor. Vor kurzem veranstaltete die Polizei eine förmliche Razzia in dem von ausländischen Juden bewohnten Stadtteile und notierte sämtliche Familien, die keinen Gewerbeschein vorzeigen oder nicht nachweisen konnten, woher sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Die Mehrzahl dieser Familien soll ausgewiesen werden. Jüdische Emigranten aus Rumänien Am 1. September passierte eine große Gruppe jüdischer Auswanderer, die aus Rumänien kamen, Wien. Die Emigranten mußten, da sie am Bahnhof durch ein Versehen niemand erwartete, der ihnen hätte beistehen können, längere Zeit in dem Raum zwischen Aspernbrücke und Franzensbrücke auf ihren Koffern und Bündeln kampieren. Sie wurden schließlich durch Beamte der Iraelitischen Allianz nach Marseille oder Rotterdam geleitet, von wo sie sich nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika oder nach Argentinien begaben. Die armen Auswanderer fanden bei der Wiener Bevölkerung sehr sympathische Aufnahme. In der Gruppe sah man sehr viele kleine Kinder Büchereinlauf Protokoll des I. Zionistenkongresses in Basel vom 29. bis 31. August 1897. Neu herausgegeben von der jüdisch-nationalen akad.-techn. Verbindung „Barissia", Prag im K. P. J. V. Prag 1911. Selbstverlag. Ch. N. Bialik: Gedichte. Aus dem Hebräischen übertragen von Ernst Müller. Buchschmuck von O. Herschdörfer. Herausgegeben unter Mitwirkung der Vereinigung „Hat'chijah" in Wien. Jüdischer Verlag G. m. b. H. Köln und Leipzig 1911. Die Juden in der modernen Rassentheorie. Von Dr. Max Besser. Jüdischer Verlag G. m. b. H. 1911. Die Sprache der Juden. Von Heinrich Loewe. Jüdischer Verlag, Köln 1911. Die Juden der Gegenwart. Eine sozialwissenschaftliche Studie von Dr. Arthur Ruppin. 2. Auflage. Jüdischer Verlag G. m. b. H., Köln und Leipzig 1911. Bericht des Actions-Comites der Zionistischen Organisation an den zehnten Kongreß Basel 9. bis 15. August 1911. Bericht der Alliance Israelite Universelle (Allgemeine Israelitische Allianz) für das Jahr ioio. Deutsches Bureau: Berlin N24, Oranienburger Straße 42/43. Jewish Colonisation Association: Rapport de PAdministration Centrale au Conseil d'Administration pour l'annSe 1910. Presente ä l'Assemblee Generale den ler Juillet 1911. Paris 1911. XVIII. Jahresbericht der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1910/1911. Voran geht: Das Schriftwort in der rabbinischen Literatur von V. Aplowitzer. Wien 1911; Verlag der Israel.-Theol. Lehranstalt.