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Die Welt · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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steure. Die Arbeit im heiligen Land begänne ihre Früchte zu tragen, auch im Golus gelangt die Kulturarbeit zu dem sehnsüchtig erstrebten Ziel: Pflege des eigenen Gedanken, in der eigenen Sprache. Die Versammlung nahm einstimmig eine Resolution an, in welcher die Erlernung des Hebräischen von jedem wirklichen Zionisten als erstes Postulat gefordert wird. Gödsng. Die Jüd.-Akad. Ferialverbindung „Gamala" in Göding veranstaltet am 10. September 1911 einen Kommers, bei welchem der Kongreßdelegierte Prof. Hugo Stern die Tendenzrede halten wird. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Brand im Judenviertel von AYdin Das Schicksal geht grausam um mit unsern Brüdern in der Türkei. Kaum daß eine Katastrophe sie an einem Orte geschlagen hat, bricht schon wieder eine neue an einem andern herein. Man weiß kaum, wohin zuerst die schmerzlichen Blicke wenden und wo zuerst mit Hilfe einzusetzen. Noch sind die Wunden nicht geheilt, die der Balater Brand geschlagen, da ist dasselbe furchtbare Element mit seinem Wüten über die jüdische Gemeinde in Aidin (Wilajet Smyrna) hereingebrochen und hat ein Unheil angerichtet, das kaum geringer ist als das in Stambul. Das Feuer hat dort 388 jüdische Häuser, 20 Läden, 3 Synagogen und 2 Schulen in Asche gelegt. 600 jüdische Familien sind davon betroffen, fast alle ohne Ausnahme vollständig am Bettelstabe. Zwei Kinder sind verbrannt, die andern haben nur das nackte Leben gerettet. Die Not soll furchtbar sein. Es handelt sich um eine kleinere Stadt, die der Hilfsbereitschaft wohlhabender Volksgenossen und den Augen der Regierung nicht so nahe ist wie die Metropole. Hier ist deshalb die Hilfe aus dem Auslande v'2lleicht noch dringender notwendig als für die Juden der Hauptstadt. Eine erste, natürlich völlig ungenügende Hilfe hat die Smyrnaer Gemeinde geleistet, indem sie eine Subkription eröffnete und aus deren erstem Erlös ungefähr 3000 Francs nach AYdin überwies. Hier in Konstantinopel hat das Großrabbinat einen öffentlichen Aufruf erlassen, aber bei der geringen Opferwilligkeit der hiesigen Notabelnkreise ist leider nicht viel davon zu erwarten. Die Cholera und ihre Folgen Neben den plötzlichen akuten Ausbrüchen des Flammenelements arbeitet still aber zäh anhaltend und nicht weniger furchtbar die Cholera an ihrem Werke der Vernichtung. In Hasköj ist zwar die Ausbreitung der Seuche durch die energischen Maßregeln des neuen Stadtpräfekten und die aufopferungsvolle Arbeit einiger führender jüdischer Männer des Vorortes bis auf weiteres eingedämmt worden und die Zahl der täglichen Opfer von 50—60 bis unter das erste Zehnt heruntergedrückt worden. Aber die ökonomischen Folgen der Cholera machen sich schlimmer und schlimmer fühlbar. Eine große Anzahl Familien ist ihres einzigen Ernährers beraubt worden; die ungeheuerliche Ausdehnung der Absperrungsmaßregeln hat allen Verkehr und alle Arbeit unterbunden. Hunderte von Menschen hungern; andere Hunderte sind mit Gewalt aus ihren Wohnstätten herausgerissen, ihre Habe wurde behördlich verbrannt, sie hocken unter engen Zelten, die an Bergabhängen aufgeschlagen sind und den zahlreichen, jetzt niedergehenden Unwettern ohne Erbarmen ausgeliefert sind. Das Elend ist aber noch im Steigen. Die Stadtpräfektur hat beschlossen, die Hakdeschim, in denen zahlreiche blutarme Familien unentgeltlich hausen durften, niederzubrennen, weil sie den hygienischen Anforderungen nicht genügen.- Das wird wieder Hunderte von jüdischen Seelen obdachlos machen. Merkwürdigerweise haben die Behörden vom Großrabbinate verlangt, daß es auf seine Verantwortung für die Unterbringung dieser an die Luft gesetzten Sorge trage. Es ist aber nicht der Moment, über Ungerechtigkeit zu klagen, sondern zu handeln, und so hat sich das Großrabbinat, das selbst über keine Mittel verfügt, gezwungen gesehen, an das Hilfskomitee von Balat heranzutreten, das freilich abschlägigen Bescheid erteilen mußte, wie das Komitee der fabulösen „Caisse de prets". Inzwischen hat der Hilfsverein auf telegraphisches Ersuchen 1000 Francs per Depesche überwiesen. Weitere Opfer werden aber nötig werden. In einer der letzten Nächte hat sich das Feuer beeilt, die Ordre des Präfekten vorzeitig auszuführen und hat, unvorhergesehenerweise natürlich, eines der großen Hakd6schim, den „Cortiso Hasan", der für etwa 16 Familien Raum hatte, vernichtet. Glücklicherweise waren die Einwohner dieses Wohnkomplexes schon vorher der Cholera wegen außerhalb Hasköjs in Zelten untergeracht worden. Ähnliche Überraschungen bereitet uns jetzt das Feuer fast allnächtlich; so hat es jüngst wieder Ortaköj, auch ein jüdisches Viertel, heimgesucht, ohne glücklicherweise viel Schaden anzurichten. Es wäre schlimm, wenn nicht einige Private beherzt und opferfreudig genug wären, einzugreifen. In Hasköj, wo fast die ganze für Hilfsarbeit brauchbare Jungmannschaft vor der Seuche geflüchtet ist, haben sich dennoch einige Männer gefunden, die wertvolles geleistet haben. Den einen von ihnen, David ElnekawS, haben wir letzthin bereits genannt. Mit ihm mühte sich in vorderster Reihe Rabbi Raphael Sab an, das Mitglied des Waad Ruchani, und noch eine kleine Reihe anderer, deren Namen uns heute nicht zugänglich sind, obwohl sie in großen Ehren erwähnt zu werden verdienen. Die energische, rastlose und erfolgreiche Tätigkeit dieser Leute bei Bekämfung der Seuche hat so sehr die bewundernde Anerkennung des Stadtpräfekten gefunden, daß er meinte, wenn alle Vororte solche Kämpfer hätten, wie diese Juden, so wäre die Cholera bald aus den Mauern der Hauptstadt gejagt. Er vereinigte diese alle, acht an der Zahl, in einer provisorischen Sanitätskommission mit allen Vollmachten einer Munizipalitätsbehörde, und demnächst ist ihre Ernennung zu Stadh&ätern, anstelle der frühem, die zur Demission gezwungen wurden, zu erwarten. Die Hasköjer Stadtbehörde wird sich sodann aus acht Juden und drei Nichtjuden zusammensetzen. Das Unheil, das in Hasköj vorläufig wenigstens fast niedergerungen scheint, greift aber leider auf andere Stadtteile über, z. B. nach Balat, wo man wieder ängstlich der weitern Entwicklung der Dinge entgegensieht Der schlimmste Seuchenherd ist heute Bujukdere am Bosporus, wo ebenfalls sehr viele Juden wohnen, wo aber die Cholera einstweilen zumeist unter dem griechischen Bevölkerungsteile Opfer, und zwar schreckliche Opfer fordert. Die jüdischen Schulen, wie die andern, bleiben auf Regierungsbefehl bis auf weiteres geschlossen. Die Cholera in Smyrna Auch in Smyrna wütet die Cholera in schreckenerregendem Maße, unglücklicherweise wieder im jüdischen Stadtteile. Nachdem dieser lange Zeit fast völlig verschont worden war und die Seuche sich nur unter Muselmanen und Griechen ausgebreitet hatte, ist sie nun um so furchtbarer bei ihnen eingekehrt und reißt breite Lücken in die Reihen unserer Brüder. AuchMhier wie überall helfen Armut und Unwissenheit der Menge dem Übel den Weg bereiten. Bald werden auch von hier Notschreie in die Welt hinausgehen, dem Elende Linderung zu schaffen. Das christliche Blatt „Reforma" benutzt die Tatsache, daß nun die Cholera die Juden heimsucht, zu gefährlichen antisemitischen Andeutungen, von denen man eine Aufreizung der Masse befürchten muß. Die Helfer Mit tiefer, aber durch die drückende Not fast stummer Dankbarkeit nehmen die Tausende, die Zehntausende der leidenden türkischen Juden die Hilfe derer entgegen, deren Herzen sich ihnen öffneten. In aller Munde sind der Hilfsverein der Deutschen Juden und der Orden der Bne Berith, dessen Hilfsaktion ebenfalls ins Großzügige geht. Das Exekutivkomitee von Chikago hat nach und nach bereits 20 000 Frs. hierher übermittelt und noch stehen die Sendungen aus den europäischen Ländern, in denen eifrig gesammelt wird, aus. Die große Hilfskommission des Hilfsvereins, der Bn6 Berith, der Alliance und des Großrabbinats ist bereits formiert und in Tätigkeit. Zum Präsidenten derselben ist der Vertreter des Hilfsvereins der Deutschen Juden, unser Gesinnungsgenosse Dr. Markus, gewählt worden. Besorgniserregende Situation der Juden in Damaskus Die „Aurore" erhält aus Damaskus sehr alarmierende Nachrichten. Dort haben die Juden unter schweren Angriffen auf ihr Leben und ihre Ehre zu leiden. Das Übel hat eine doppelte Quelle. Erstens setzt der „El Muktabes" seine antisemitische Hetzarbeit immer weiter fort. Erst kürzlich wieder wagte er seinen Lesern vorzutischen, daß in Konstantinopel ein Kind aufgefunden worden sei, das die Juden gestohlen hätten, um ein Ritualverbrechen an ihm zu begehen. Die Intervention Rabbi Nahums bei der Regierung hat also dort garnichts genützt. Zweitens leidet die Gemeinde unter einer wahren Terror, der im jüdischen Viertel fast unaufhörlich wütet und gegen den die Behörden nicht einschreiten wollen. Mitten in diesem Viertel haben sich nämlich eine Schar Freudenmädchen festgesetzt, die alles mögliche Gesindel anlocken, das gelegentlich die größten Schandtaten an den jüdischen Nachbarn

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