Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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952 OIEÄELT No. 36 halte ich ihn für einen guten Jehudi der Gesinnung und der Tat nach. Ich habe bloß gesagt, daß er in seinem Aufsatze, für den er eingestandenermaßen vorzüglich Judengegner herangezogen hat, gojische Betrachtungsweise „bezüglich des Religionsunterrichts auf das Judentum überträgt", während wir m. E., wenn wir jüdische Fragen behandeln, die Pädagogik Pädagogik sein lassen und mehr unsere eigenen Verhältnisse objektiv studieren sollten. Vom Standpunkte der reinen Pädagogik gibt es beispielsweise unermeßlich viel an der Tachkemonischule auszusetzen, und die meisten Talmud-Thoras und Jeschiwas müßten in Bausch und Bogen verurteilt werden. Nichtsdestoweniger fällt es keinem von uns bei, pathetisch den pädagogischen Maßstab an diese Institute anzulegen. Wir erkennen sie als etwas historisch Bedingtes an und suchen uns dergestalt mit ihnen abzufinden. Wir schlagen wohl in Milde hier und da einige Reformen vor, aber wir schlagen nicht einfach darauf los . . . Dürfen nicht auch die national jüdischen Schulen dieselbe Milde und Billigkeit für sich beanspruchen? Wenn jedoch Herr Stern „meinen Freunden" von dem hebräischen Gymnasium gojische Handlungsweise vorwirft, so will ich ihm Recht geben... Nicht bloß hinsichtlich der Kopfbedeckung. Das ist schließlich etwas Äußerliches und nicht einmal ganz gojisch. Denn unsere Goim, die Araber, tragen Kopfbedeckung. Ich kann mir einen Araber ohne Fez oder Turban schlechterdings nicht vorstellen. Wenn wir hier das „Ubechukoteihem lo telechu" auf die Spitze treiben wollten, müßte man hier die Kopfbedeckung konsequenterweise geradezu verbieten. Allein die gojische Betrachtungs¬ und Handlungsweise erstreckt sich noch auf viel mehr. Gojisch ist bereits der Name Gymnasium. Er ist griechischen Ursprungs. Gojisch ist der ganze Lehrplan, der so viel Zeit und Mühe den profanen Gegenständen, wie Mathematik, Geographie, Naturkunde, Geschichte, Sprachen, Gymnastik usw. einräumt. Dazu in Palästina! Dazu in hebräischer Sprache! Das alles ist auf einem andern, nicht jüdischen Boden gewachsen und gereift, irgendwo in Hellas, in Rom, in Berlin und Stockholm. Unsere Schulen „zweier Jahrtausende" kannten fast nur durchwegs Thora und Talmud. Was verschlägt's nun, wenn zu allen gojischen noch das mit der Kopfbedeckung hinzukommt.. . Übrigens, Herr Stern spricht von einer „Abschaffung" eines uralten jüdischen Gebrauches und in Nürnberg-Fürth veröffentlichen die Misrachisten eine Erklärung, in der es heißt: „der jüdische Lehrer des jüdischen Gymnasiums, Herr Dr. Mossinsohn, gestattet nicht die Kopfbedeckung während des Religionunterrichtes". Das ist nun in doppelter Beziehung eine Lüge. Denn erstens gibt es nicht im Jaffaer Gymnasium einen Religionsunterricht im üblichen christlichen Sinne. Zweitens verwehrt weder Herr Dr. Mossinsohn noch ein zweiter Lehrer die Kopfbedeckung. Das würde auch nicht unserm subjektiv-anarchischen Charakter entsprechen. Wir lassen nämlich, ganz nach dem Beispiel eines berühmten Preußenkönigs, jeden nach seiner Fasson selig werden. Ich habe selbst vor Jahren dem Unterricht des Herrn Dr. Mossinsohn beigewohnt — ich komme später noch darauf zurück — und ich habe unter den damals noch wenigen Schülern auch ein kopfbedecktes Schülerlein erblickt. Ich habe noch seinen Namen behalten. Es wurde mir ausdrücklich betont, daß dies dem Willen der Eltern und der Schüler überlassen bleibt. Subjektiv usw. Was ist das „Jüdische" an dieser Anstalt? O, sehr Vieles, Unschätzbares, fast möchte ich sagen, Unaussprechliches. Jüdisch ist das Milieu, die Lehrer und Schüler, die Unterrichtssprache. Außer in Jaffa und Jerusalem gibt es doch auf der ganzen Erdrunde keine Mittelschule mit hebräischer Unterrichtssprache. Das allein ist doch wohl eine erstklassige jüdische Leistung von historischer Bedeutung. Naturkunde, Mathematik, Geographie, Latein usw. im Hebräischen vorgetragen, klingt das nicht wie ein Märchen aus verschollenen Zeiten? Es gab viele kluge, gebildete und treue Juden in den Jahren des Goluth zweier Jahrtausende. Aber diese kluge und richtige Idee, jüdisches nnd menschliches Wissen der heranwachsenden Jugend in hebräischer Sprache vorzutragen, zu verwirklichen, blieb dem echtjüdischen Starrsinn der jetzt viel geschmähten Männer, der Metmanns und Scheinkins, der Bogratschoff und Dr. Mossinsohns, vorbehalten. Wenn jetzt das Hebräische in Palästina fast auf der ganzen Linie sich durchsetzt, wenn sowohl Hilfsverein wie ICA in der Befestigung des Hebräischen wetteifern, wenn die Tachkemonischule jetzt ebenfalls das Hebräische in sephardischer Aussprache als Unterrichtssprache anerkennt, so ist dies alles auf die starre Konsequenz jener Männer zurückzuführen, die unter unglaublichen Opfern der jüdischen Renaissance einen Tempel errichtet haben und ihrem Ideale in allen Stürmen und Nöten treu blieben. Schon wegen dieser Leistung allein möchte ich rufen: „Hut ab vor diesen Männern!" Herr Stern hat in einer Misrachiversamrnlung am 6. Juli gesagt, daß das hebräische Gymnasium heute dasselbe wäre, was das hellenistische Gymnasium zurzeit der Makkabäer war. Da sieht man, wie Verblendung, Antipathie und Unkenntnis einer Sache sie in ihr Gegenteil wenden kann. Eine größere Verkennung und Schmähung verdienter Männer ist wohl kaum zu denken. Da bemühen sich Leute, die mit allen Fasern an ihrem Volkstum hängen, ein 2000 jähriges Goluth zu überwinden und gerade am Werke der Makkabäer, die Renaissance des Volkes auf jüdischer Grundlage, anzuknüpfen (was sie auch alljährlich mit einer Wallfahrt zu den Makkabäergräbern symbolisch zum Ausdruck bringen) und nun müssen sie sich es gefallen lassen, von einem objektiv sein wollenden Juden, mit jener Bande von Volksverrätern aus der palästinisch-hellenistischen zusammengewürfelt zu werden! Stern schreibt: „Wenn Herr Feldmann sagt, aus welchem Buche außer der Bibel der nationaljüdische Lehrer seine Ideale schöpfen könne, so weise ich ihn darauf hin, daß die Lehrerkreise, die er im Auge hat, die Bibel in einer Weise lesen und erklären, daß von den jüdischen Idealen zweier Jahrtausende nicht viel übrig bleibt Schade, daß Herr Feldmann uns unwissenden Westlern nicht verrät, wie das gemacht werden kann bzw. gemacht wird, daß Lehr er und Schüler aus ihr (der Bibel) trotzdem Ideale fürs Leben schöpfen." Nun, ich bin gerne bereit, was ich darüber weiß, mitzuteilen. Voraus möchte ich nur zwei persönliche Bemerkungen schicken. Erstens, die Herren vom Jaffaer Gymnasium gehören, aus die Sache nicht betreffenden Gründen, nicht zii „meinen Freunden", wie sich Herr Stern ausdrückt. Was ich also über das Gymnasium aussage, ist unparteiisches Zeugnis. Zweitens habe ich mich in meiner jüngsten Jugend in einem altjüdischen Glieder gründlich, vielleicht gründlicher als es üblich ist, mit der Bibel befaßt. Meine gute Muiter gab mir für jedes Kapitel, das ich auswendig wußte, einen Kreuzer österreichischer Währung und ich schluckte die Kapitel und die Kreuzer. Auf diese Weise hat mich ein lebendiger Bibelunterricht seit meiner Kindheit interessiert. Wenn ich also auch kein Lehrer und kein Wissenschaftler überhaupt bin, darf ich mir dennoch einigermaßen ein Urteil über den Bibelunterricht erlauben. Nun ich habe vor Jahren dem Bibelunterricht Mossinsohns beigewohnt. Als ich nachher darüber befragt wurde, konnte ich meine Stimmung nur in zwei hebräischen Worten ausdrücken: Oru Enai. Es wurde hell in meinen Augen! So schön habe ich es doch in meiner Kindheit nicht gehabt. Was habe ich mich alle Zeit gewunden und gequält, um einen Zusammenhang zwischen Vers und Vers zumindest zu erfühlen. Und hier war alles so klar, so lebenswahr so unsäglich schön. Herr Mossinsohn hat damals ein Kapitel ausHoschea gelesen und erklärt. Vom sogenannten praktischen Judentum, von den von Herrn Stern geforderten Idealen zweier Jahrtausende war nichts zu hören. Es stand ja auch kein Wort darin und hätte auch darum erst müssen hineingeheimnißt werden. Nein, es war bloß Hoschea und seine Ideale, der gelesen, seine Epoche, die erklärt wurde. Und das war viel, sehr viel! Wie es gemacht wird, daß Lehrer und Schüler Ideale fürs Leben auf diese Weise schöpfen? Lieber Freund und Gesinnungsgenosse, gemacht wird so etwas nicht, es wird erlebt. Glühende Liebe zu Palästina, stahlfeste Anhänglichkeit an Volk und Sprache, die Führung eines rechtschaffenen und produktiven Lebens, das alles sind Ideale, die in Palästina täglich fürs Leben verlangt werden. Das alles erlebt die jüdische Seele im Gymnasium täglich. Es genügt eine Stunde mit dieser Gymnasialjugend zu verbringen, um zu sehen, daß sie von diesen Idealen voll ist. Ich habe diesen Aufsatz mit der Absicht begonnen, einige wenige Worte der Erwiderung zu schreiben. Wider meinen Willen ist es ein langer Aufsatz geworden. „Wes das Herz voll ist, geht der Mund über." Ich habe manche meiner schönsten Stunden in Palästina in den hebräischen Gymnasien erlebt und das hat sich auf dem Papier hier zum Ausdruck durchgedrungen — freilich bei meiner Unkenntnis der deutschen Sprache in recht mangelhafter Weise. Was Herzl einer Kischinever Waise ins Sidur geschrieben hat: „Wann betracht' ich als gelungen Erst mein Müh'n auf dieser Erden? Wenn aus armen Judenjungen Stolze junge Juden werden!" ist hier in Erfüllung gegangen. Nicht umsonst strömen den Gymnasien Schüler aus aller Herren Länder zu. Unser Volk fühlt, daß hier eine Brücke über 2000 Jahre der Schmach und Entselbstung zu freier, jüdischer Eigenart geschlagen wurde, daß diese Stätten wahre Jungbrunnen sind. Schön ist es auch, daß man nicht hier an jedermann mit der Gretchenfrage: „Nun sag, wie hältst du's mit der Religion?" herantritt, daß man nicht das, was in den tiefsten Schacht des menschlichen Herzens gehört, vor aller Welt bloßlegt. Religion ist Heiligkeit, ist Liebe und Entsagung. In diesem Sinne gibt es auch hier praktische Religion. Herr Stern hat es für nötig gefunden, in seiner Erwiderung auch die Brenner-Affäre in Erinnerung zu bringen, um so ein richtiges Gruseln zu erzielen. Alle seine diesbezüglichen Ausdrücke