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Die Welt · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sozialdemokratie, besonders beschäftigen, so geschieht es nicht, weil wir Juden etwa stolz darauf sein könnten, daß dieser bedeutende Geist vom jüdischen Volke der Menschheit geschenkt wurde, sondern weil Lassalle ein Schulbeispiel dafür ist, wohin große Männer gelangen und wie zwiespältig ihre Taten sind, wenn sie nicht fest in ihrem Volkstum wurzeln, sondern wie ein entfesseltes Reis im Winde hin und her schwanken. Lassalle, der Jude, war deutscher Patriot. In seiner bedeutendsten Dichtung, dem 1859 erschienenen Trauerspiel „Franz v. Sickingen**, brachte er ein deutsches, von glühendstem Patriotismus getragenes Werk. Er fordert u. a. in diesem Stück einen protestantischen Kaiser an der Spitze des auch von ihm erstrebten deutschen Einheitsstaates — länger als ein Jahrzehnt vor der Proklamierung des Deutschen Reiches! Auch in seinen politischen Broschüren zeigte er dieselbe Gesinnung. So hat er z. B. in seiner Arbeit: „Der italienische Krieg und die Aufgabe Preußens" zwar die Neutralität Preußens Frankreich gegenüber gebilligt, dann aber geraten, Preußen solle den günstigen Augenblick, in dem seine Gegner beschäftigt waren, benutzen, um über Österreich herzufallen und so den Dualismus in Deutschland zu beseitigen. Mit Ausschluß Österreichs sollten dann die deutschen Stämme unter einer demokratischen Regierung geeinigt werden. Ja, als dieser Plan nach dem Frieden von Villafranca nicht mehr verwirklicht werden konnte, soll Lassalle sogar zu Garibaldi gereist sein, um diesen zu einem Freischarenzug gegen Österreich zu bewegen und auf diese Weise die Einheit Deutschlands herbeizuführen. Lassalle, dieser begeisterte Patriot, der nachherige Begründer der Sozialdemokratie, weist dem Staate eine hohe, äußerst bedeutsame Aufgabe zu. Da ist nur von Aufbauen und nie von Zerstörung die Rede. Oberhaupt darf er, besonders in seinen wissenschaftlichen Arbeiten, nicht als ein Verächter des Staates aufgefaßt werden. Lassalle erklärte den Staat als die Gesamtpersönlichkeit aller, berufen, die Kultur, die Wohlfahrt und die Sittlichkeit aller seiner Bürger zu fördern. So gab er der deutschen Nationalökonomie neue Anregungen, denen sie auch heute noch folgt; erst mit seinem Auftreten entstand eine neue kritische Bewegung in dieser, die dem Staate auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete eine positive Tätigkeit zuerkannte. Der größte, besonders auch innere Widerspruch besteht aber darin, wie sich dieser ursprünglich hervorragende Gelehrte zu einem gemeingefährlichen Demagogen entwickelt hat. Sein philosophisches Hauptwerk: „Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln von Ephesos" (1859) erschien den maßgebenden Gelehrten als eine bahnbrechende Forschung. So rühmte z. B. Alexander von Humboldt den freien und kühnen Fortschritt Lassalles mit begeisterten Worten. Lassalle zeigt sich in diesem Werke, das den Beweis zu führen sucht, daß Herakleitos ^der Dunkle schon das ganze System der Metaphysik behandelt habe, als ein begeisterter Bewunderer alles Aristokratentums. Wie ja bei einem Juden mit der ruhmvollen Vergangenheit seines Volkes erklärlich, feiert er wiederholt das „Einzige, was ewig bleibt", den Ruhm. Er feiert in seinem Helden den Diktator des Geistes, den Obermenschen. Auch in seinem zweiten philosophisch-juristischen Hauptwerke: „Das System der erworbenen Rechte" (1862) sucht er das Aufsehen der Zeitgenossen nur durch seine geistreiche Darstellung und die Fülle neuer hervorragender Gedanken zu erregen und befleißigt sich auch in der Polemik eines gemäßigten Tones. Dann aber ging ihm im politischen Kampfe, den er einem Leben als Hochschullehrer vorzog, die nötige Ruhe verloren; die Würde des Gelehrten, die anerzogene Feinheit des Gebildeten fielen von ihm ab und er zeigte sich fortab als Demagog von reinstem Wasser. In seinen Flugschriften und Reden — besonders als Redner und Agitator war er einer der begabtesten — zeigt er sich als Revolutionär, der die Erregung des Klassenhasses gewerbsmäßig betrieb. Er reizte die Begehrlichkeit der Besitzlosen in maßloser Weise. Und dies alles — warum? Dieser ursprünglich aristokratisch veranlagte Mann mit den noblen Passionen war von einer beispiellosen Herrschsucht und Eitelkeit erfüllt. Er wollte sich, ganz gleich mit welchen Mitteln, eine bedeutende Stellung erwerben, um zu einem ausschlaggebenden Faktor im politischen Leben zu wrerden. So hat er verschiedene Unterredungen mit Bismarck gehabt, und erst, als diese Annäherungsversuche ihn nicht zu seinem Ziele führten, suchte er sich eine Macht zu schaffen, indem er sich zum Präsidenten des „vierten Standes" machte. Und der Erfolg? Nachdem dieser bedeutende Mann kaum 40 Jahre alt durch eine Kugel im Duell eines rothaarigen Edelfräuleins wegen niedergestreckt war, muß er sich von der Nachwelt das harte Urteil gefallen lassen, daß er seine großen Gaben schmählich vergeudet hat. Er hat einen Zwiespalt hinein getrieben zwischen Reich und Arm, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der sonst vielleicht nicht in so schroffer Form hätte auszubrechen brauchen. In gemeingefährlicher Weise hat er die schlechten Instinkte der Massen entfesselt und durch den wüsten Ton, den er in die Versammlungen trug, auch die parlamentarischen Sitten verdorben» Las salle hat durch sein Wirken nur zerstörend, nicht aufbauend gewirkt. Wie erfolgreich hätte aber ein derartiger Geist schaffen können, wenn er festgewurzelt in seinem Volkstum und im Zusammenhang mit gleichstehenden Genossen versucht hätte, seinem Volk ein Führer zu sein! Ein Mann wie Lassalle hätte das jüdische Volk auch zu der damaligen Zeit einen großen Schritt vorwärts führen können, und er hätte sich dann auch noch für die spätesten Zeiten den so heiß erstrebten Ruhm erworben; denn nur gute Taten erwerben ihrem Urheber dauernden Nachruhm, andere — bleiben berüchtigt! Als einzige Entschuldigung für diesen in der Irre gehenden Sohn des alten Volkes kann gelten, daß damals eben noch die Genossen fehlten. So suchte er im fremden Volkstum ein Führer zu werden und scheiterte kläglich, als Forscher und.— als Mensch. Darum mag das Leben Lassalles eine Warnung sein.

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