Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 36 DIE^ELT 945 geschickt dem genius loci an. Da die Bergarbeiterschaft fast gänzlich aus fanatisch katholischen Iren besteht, so diesen die fremden Redner auf die Juden hin, die hier wie anderwärts ein „parasitäres" Dasein führten. Die sozialistischen Doktrinen von dem Wesen des ewigen Kampfes zwischen Kapital und Arbeit:blieben den einfach und ursprünglich. Denkenden unverständlich. Aber die Leh:re von den Juden erfaßten sie gleeich, da sie sich ihrem ursprünglichen Instinkt, der dem volks- und glaubenslremden Einwanderer haßt, näherte. In aller Welt wendet sich der sklavisch Gesinnte., wenn er seine Kräfte nach freiem Ermessen regen will* gegen den, der noch weniger gilt« Und so warfen ssich die Bergarbeiter, «die ihren Brüdern ihre Teilnahme beweisen wollten, auf de Juden, die noch machtloser sind als sie selbst. Sie plünderten und raubten und brandschatzten in einem raseruten Paroxysmus vier Tage lang die kleinen jüdischen Krämer in einer ganzen Reihe von Provinzstädten, vier Tage lang, ungehemmt und ungehindert von der müßüg zusehenden staatlichen Autorität Und das Ende wir dann die Erscheinung, die mm seit unvordenklichen Zeiten aus allen Herden der antijü.lischen Propaganda kennt: Die Juden verließen den Schauplatz der „riots". Sie flohen aus Monmouthshire, aus Tr eidegar, aus Breconsh ire, Qlanmorganshire, Bargoed, «Qilfach, Senghenzod, alles Punkte eines ausgedehnten Bergwerksgeländes, die sich über seine Fläche und seine Peripherie verteilen. So übertrug man die russischen Pogrome auf englisches Land. Nicht in all ihren Attributen: man rerlegte sich nur auf das Hab' und Qut der Juden'; ihr Leben blieb unangetastet. Diesen Minenarbeitern blieb es vorbehalten, in der antisemitischen Skala vom Boykott bis zum Pogrom den Komparativ zu erfinden. Man nennt ihn „riot". Die Idealisien, die vor jeder Wirklichkeit zag die Augen schließen, sind auch hier mit einem raschem Trost bereit! Es war in Südwales nur ein Zufall. Es gibt dort, wie sie sagen, nur jüdis-che Kolonialwarenhändler, nur jüdische Hausbesitzer. Und gegen diese als Berufsträger, weil sie die Butter verteuerten und die Mietzinse erhöhtem, richtete sich die Wut der rohen Gesetzwidrigkeit. Das ist aber nichl wahr. Die Untersuchung hat festgestellt^ daß es keinen einzigen jüdischen Kolonialwarenhäiidler in jener Gegend gibt und daß in der ganzen Grafschaft keine nennenswerte Anzall von Häusern in jüdischem Besitz ist. Aber von den Zerstörungsakten abgesehen, für die man eventud! eine Rechtfertigung in den entfesselten Instinkten einer bis zum Wahnsinn erregten Menge finden mag, gibt es noch andere, weit grellere Symptome, deren eines wir schon erwähnt haben und das in allen Zeitungsberichten regelmäßig wiederkehrt. Dte zur Hilfe herbeigeholten Truppen standen in allen Stunden des Aufruhrs; ruhig Gewehr bei Fuß. Und in den Tagen nach dem ersten Aufflammen des Furors in Tredegar wurde die Wiederholung angekündigt und tra.t pünktlich ein, ohne daß die Behörden ihre Vorbeugungsmaßregeln getroffen hatten. Was aber besonders hervorsticht, ist die Versteigerung der geraubten Waren bei hellichtem Tage vor den Behörden an Händlerkonsortien, die sic h nach geschehener Tat sofort einfanden, um etwas zu ver dienen. Nicht die rasch.e Zerstörung durch alkoholisierte «erregte Menschen ist c$, was zum Nachdenken zwingt; sondern die Tatsache, (biß in Engländern freien demokratischen England, das beleidigte Rechtsgefühl auch nur einen Tag lang ohne Satisfaktion verbleiben durfte, redet lauter und deutlicher als dte Steine, die in die Fenster der jüdischen Wohnungen klirrten. Denn dies mag — wir vollen sehr objektiv sein — in der ersten Hitze geschehen sein. Für das Bereithalten von Karren aber zum Fortschaffen geraubten Eigentums gibt es keiiK Milderungsumstände. Vielleicht aber liegen solche in der psychologischen Vorbereitung der Krawalle. Wir haben schon yon den brutalen Hemmungszuständ^i gesprochen, die di&Rechtssicherfceit zurückdrängen, wenn auf der andern Seite Juden stehen, Wir haben es mit Erscheinungen zu tun, die unabhängig von Klima und Landesgrenzen bleiben. Die Ereignisse in Südwales Linterscheiden sich von jenen' in Kischinew oder Karow oder in Rumänien, Persien, Marokko nur durch die Form, durch die mehr minder logiscle oder zivilisierte äußere Durchführung. Im Wesen sind sie gleich. Und sie werden es bleifcen und werden sich wiederholen, solange das Judentum in der ganzen Welt atomisiert bleibt, solange es nicht in seiner bestimmenden Mehrheit aus jenen Positionen zurückgezogen werden kann, in denen es sich verbluten muß, solange die Juden die Lage ihres Volkes nicht verstehen, Gestern Rußland, leute England . . . Dej Gegensatz zwischen Idee und Wirklichkeit zeigt sich im Leben des jüdischen Volkes ebenso tief wie im Leben eines jeden andern Volkes, das nach langem Schlummer zum Bewußtsein seiner nationalen Existenz erwachte, einer jeden Klasse-, die sich auf ihre Rechtsansprüche besann. Nicht Sittlichkeit, Takt, Anstand halten die Welt zusammen, sondern die Probleme der Macht. Wer keine Macht hat, hat kein Rechl Wir müssen von dem Beispiel mderer Völker lerne«. Die österreichischen Tschechen sind, ohne die staatliche Unabhängigkeit zu besitzen, der politisch stärkste Macli tfaktor in der Monarchie geworden., weil sie in geschlossener, organisierter Masse wohnen und weil sie die nationale Organisation als besten Schulz zur höchsten Vollendung gebracht haben. Sie sind darum auch in der Lage, für jeden Volksgenossen einzutreten, dem aus seinei nationalen Zugehörigkeit Schaden entsteht. Von ihnen können wir erfahren, daß Macht im politischen Sinne als erste und notwendigste Voraussetzung die einheitliche, nationale Siedelung und gesunde Berufsgliederung bedingt. Und deshalb liegt im Zionismus, der von dein nationalen Prinzip ausgeht, die einzige mögliche Rettung des Judentums; er lehrt den Einzelnen, hinter das Ganze zurückzutreten, weil nur in der Wohlfahrt des Ganzen sein Heil beruht. Wenn sich das Judentum im Sinne des Zionismus national organisiert und konzentriert, dann werden die Vorfälle von Tredegar unmöglich oder nur traurige Zufälle sein. Heute sind sie Symptome unserer Lage. j. 1. Ferdinand Lassalle Zum 31. August 1911 Von Zahnarzt Alfred Lichtwitz in Guben Am 31. August jährte sich zum 47. male der Tag, an welchem allzufrüh und ganz unerwartet eine der merkwürdigsten und interessantesten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts die Augen geschlossen hat, Und wenn es angebracht erscheint, daß auch wir uns mit Ferdinand Lassalle, dem Begründer der deutschen