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Die Welt · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Rückständigkeiten stößt. Noch ist die neue Türkei nicht am Ziele ihrer Laufbahn, manche hohe Güter kulturellen Aufschwunges wurden zwar noch nicht errungen, aber sie sind als Kampfpreise und Strebeziele aufgestellt worden. In dieser Beziehung besteht kein Gegensatz zwischen Thron und Regierung, zwischen Regierung und Volk. Wohl müssen wir uns sagen: ein Volk soll sein Schicksal nicht aus Herrschers Hand erwarten, sondern sich selbst durch eigene Kraft sein Los bereiten und erhalten; das Übermaß von Abgötterei, das jetzt immer mehr mit Personen getrieben wird, muß eine Mahnung sein, auch den besten und edelsten Fürsten gegenüber Maß zu halten. Aber es ist begreiflich, daß auch diejenigen, die jede Art von Byzantinismus grundsätzlich verwerfen, einer Regierung, wie es die jetztige türkische Regierung ist, mit Zuneigung, mit Vertrauen und Hoffnung entgegenkommen müssen. Der jetzige Herrscher der Ottomanen gab mehrfach zu erkennen, daß er bei seinen Regierungshandlungen nicht die Neigungen und Sonderinteressen einer einzigen Nationalität, einer einzigen Konfession oder eines einzigen Standes, sondern die Wohlfahrt und die Bedürfnisse des ganzen Gesamtreichs ins Auge fassen werde. Und wer wird daran zweifeln, daß Kronprinz Youssouf die Lebensaufgabe wählen wird, wie ein neuer Youssouf Abou-Jakoub, das ererbte Reich zum Boden eines ersprießlichen Aufstrebens zu machen, wo der Fortschritt, wie einst im goldenen Zeitalter Andalusiens, in der Förderung des Volkswohles und Bildung des Volksgeistes bestehen soll? Ergibt es sich ja mit eiserner Notwendigkeit aus der ganzen letzten Entwicklung, daß die jetzt auftretenden Erben des ruhmreichen Osmanenthrones Bannerträger und Herolde des Fortschritts sein müssen. Was aber gibt dem ganzen Umgestaltungsprozeß des ottomanischen Reiches mehr Inhalt und Richtung als die Einwanderung arbeitstüchtiger und unternehmungslustiger Menschen, die nicht nur ihre Energie, sondern auch ihre Liebe und Begeisterung mitbringen? Der Ausbau, die Aufschließung des Landes, die Nutzbarmachung der heimischen Bodenkräfte und Hilfsquellen, die Steigerung der Produktionskraft, die Hebung der Landeskultur, das sind die Aufgaben, die sich der Zionismus mit Bezug auf Palästina gestellt hat. Kann es für den Fortschritt des ottomanischen* Reiches etwas Ersprießlicheres geben, als daß wir das in Palästina Geschaffene in stetem Fortschritt zeit- und zweckgemäß ausbilden und verbessern, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes mit gerechter und fester Hand unter pflichtmäßiger Wahrung der Gesamtinteressen, auf dem Boden der bestehenden staatsrechtlichen Verhältnisse und der verfassungsmäßigen Gestaltung umsichtig und sorgsam pflegen? Überall, wo der Fortschritt ernstlich gepflegt wird, gewähren die Regierungen den Ansiedlern Unterstützungen, erlassen ihnen die Renten, setzen sie auf ihren Domänen an, leisten ihnen Hilfe beim Bau der Gebäude und Einrichtung der Wirtschaften, stellen ihnen einen angemessenen, allmählich zu tilgenden Kredit bereit usw. Im gegebenen Falle ist es der Zionismus, der diese schwierigen Aufgaben löst. Voll guten Willens, die Aufrechterhaltung der ottomanischen Großmacht und ihrer Weltstellung, welche allein Freiheit und Wohlstand gewährleisten, und von der allein wir Schutz gewärtigen, als selbstverstsändliche Bedingung des Erfolges betrachtend, weiß [sich der Zionismus eins mit all den treibenden Kräften, die ein kräftiges Vorwärtsstreben des ganzen Orients fördern. : Youssouf Yzzedin wird die Wahrnehmung machen, daß dem türkischen Volke auch von den fremden Fürsten und Völkern eine warme Sympathie entgegengebracht wird; durch Anknüpfung von Freundschaftsbanden wird er den Frieden und die Wohlfahrt des Osmanenreiches sichern. Das jüdische Volk schließt sich aus vollem Herzen allen Kundgebungen der Verehrung und Sympathie an, welche dem prinzlichen Gaste freudig zufliegen. Unsere Verehrung und Sympathie gilt dem Prinzen, der nach schweren Heimsuchungen die ruhmreiche Anwartschaft übernommen, um sicherlich zur Erfüllung zu machen, was seinen Völkern als Verheißung vor der Seele schwebt. Aber nicht allein die dauernde Gemeinschaft allgemeiner Interessen und menschlicher Ziele, nicht allein die gereifte Einsicht des Geistes machen diese Sympathie volkstümlich in unsern Kreisen. Was uns betrifft, so findet dieselbe auch eine mächtige Fürsprache in dem Gemüt und den Gefühlen unseres Volkes. Uns verbinden mit dem Orient die größten geschichtlichen Erlebnisse; uns verknüpft mit dem edelmütigen Volke der Osmanen das unvergeßliche Andenken der Beweise des Wohlwollens, die es uns in schweren Zeiten gegeben; eine halbe Million unserer Brüder leben unter dem Schutze dieser Regierung und sind bestimmt, am Aufschwünge dieses Reichs einen wirksamen und gebührenden Anteil zu nehmen; — und was für uns das allerwichtigste ist: dort ist Palästina, die Heimat unserer Geschichte, das Ziel unserer Begeisterung und unserer Energien. Die überwältigenden Eindrücke, welche die Zustände des Abendlandes und die Schöpfungen der modernen Kultur auf das Gemüt des türkischen Kronprinzen hervorbringen müssen, werden ihn für freisinnige Reformen noch geneigter als bisher machen. Wir sind voll des Vertrauens, daß das Ottomanische Reich alle Lockungen und Versuchungen zum Rückfall in die alte Reaktion siegreich zurückweisen und auf der Bahn einer großen kulturellen Entwicklung wacker vorwärts schreiten wird. Daß der Erfolg unserer Arbeit auch zumNutzen des ganzen, zu neuem Leben erwachenden Orients gereichen wird, das wird langsam aber sicher in das Bewußtsein aller dringen, denen die hohen Aufgaben der Zivilisation am Herzen liegen. Darauf beruht unsere unerschütterliche Zuversicht. Tredegar Der Riesenstreik, den die Schaffner und Heizer der englischen Eisenbahnen zur Erzwingung ihrer Anerkennung als vollgültige Kontrahenten des Arbeitsvertrags durchführten, warf seine Wellen auch nach dem vom Streikzentrum ziemlich abgelegenen Südwales. Die Kohlenhäuer und Huntezieher, die dort in schwerem Mühen die schwarzen Diamanten aus der Erde fördern, hörten den Lärm des Lohnkampfes von ferneher heranbrausen und sie beschlossen, den um Recht kämpfenden Arbeitsgenossen einen Beweis ihrer solidarischen Sympathie zu geben. Agitatoren, die man nie im Lande gesehen hatte, tauchten auf, hielten in Wirtshäusern und vor den Schachtmündungen Reden, bewogen die Bergleute, sich dem Ausstand anzuschließen, um zu erzielen, daß alle Räder stille stehen. Sie paßten sich

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