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Die Welt · 1911-09-01 · 35 (1.9.1911) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 35 DIE3^ELT 927 Brief aus Konstantinopel (Von unseran Berichterstatter) Ungewißheit In der politischen Lage der Türkei ist eine Unklarheit eingetreten, die es schwer macüit, die fernere Entwicklung auch rar für einige Wochen vorauszusagen. Die Kammer ist noch in d«n Ferien, da fehlt es an dem Resonanzboden, der sonst die leisesten Regungen Jer politischen Atmosphäre hörbar wiedergibt. Sicher ist nur eins: nämlich die Unsiciierheit der Situation. Alles schwankt und kann jeden Augenblick andere Gestalt gewinnen. Die Regierung ist in Transformation begriffen* Der Minister des Auswärtigen liiat bereits abgedankt und die Botschaft in Paris übernommen, andere Minister werden folgen. Eine Entscheidung wird von dem Verlauf des auf d«n 18. September nach Saloniki einberufenen Kongresse des Körnitz&s für Einheit und Forschritt erwartet, der endlich klar zu zeigen hab«en wird, ob da_s Komitee überhaupt noch eine starke Majoritätsmadit besitzt und ob diese heute rechts oder links liegt, oder ob es in zwei einander nicht nachgebende Hälften dauernd zerfallen ist. Es wird ziemlich allgemein von der Wiederkehr eines radikalen Kabinets gesprochen, dessen Haupt „der Jude" Dschawid Bej oller der Generalsekretär des Komitees Hadschi Adil Bej bilden sollen. Bezeichnend hierfür ist der pLitoliche Abbruch der großen Projuagandareise Dschawid Bejs in Anatolien und seine schleunige Rüc kkehr in die Hauptstadt. Sollte Dschawid Bej tatsachlich die Regierung übernehmen, dann haben sich die ottomanischen Juden darauf gefaßt zu machen, wieder einnul mehr oder weniger intensiv in die politische Diskussion hinzugezogen zu werden. Denn ein Dönm6 mag so gut rnuselmanisdi wie immer sein wollen — er wird von den Türken doch nie anders denn als Juile betrachtet werden. Änderung der jurigtii rkischen Politik gegenüber den Nationalitäten Die Regierung wie die maßgebenden Mitglieder des Komitees scheinen zu der Einsicht zu gelangen, daß sich mit der scharten Note gegenüber dem ausgesprochenen nationalen Bewußtsein ßer nichtturkiscluen Völker nicht durchkommen läßt und daß je<le Türkisierungrpolitik, weil völlig aussichtslos, fallen gelassen werden muß;, Als Niederschlag dieser Oberzeugung ist das weite' Entgegenkommen aufzufassen, zu dem sich kürzlich die Regierung d«n Forderungen der Patriarchate gegenüber entschlossen hat. Diese haben in fast allen Fragen — es handelt sich vornehmlich um das Schulwesen und die militärisc rte Dienstpflicht — den Sieg davon getragen. Das meiste von de*m, was in ihren bald bittenden, badd heftigen Tattiken enthalten und so oft Gegenstand chauvinistischer Entrüstung nnd Zurückweisung von türkischer Seite gewesen war, ist jetzt als garnicht so übertrieben, als berechtigt und realisier!) ar anerkannt worden. Das wesentlichste hat zu diesem Erfolge die geschlossene: Einhelligkeit aller christlichen Kirchenhäupter der Türkei beigetragen, die ihren jahrzehntelangen Hader begruben, u m die Kultürautonomie ihrer Nationen zu retten. In der letzten Zeit haben sie überhaupt nur noch gemeinsam ihre Forderungen vertreten und so am Ende ihr Ziel erreicht. Das ottomanische Großrai)l)inat hat an diesen Kollektivschritten der Kirchen fürsten nicht t eingenommen. Es sei hier nicht entschieden, ob das eine politische Notwendigkeit oder ein politischer Fehler war. Jedenfalls sind im den großen Konzessionen, die die Regierung Jen Patriarchaten macht, die Juden offiziell nicht m iteinbegriffen, Nur von christlichen Schulen und Soldaten ist in d«n Verhandlungen und deren protokollarischen Ergebnissen die RecSe. Es ist zwar, gemäß dem in der Türkei bisher herrschenden historischen Usus, zu erwarten, daß alles, was für die ottomanisch«n Christen gilt, auch auf die Juden Anwendung findet. Aber es wird doch dringende Pflicht des Cfiiachambaschi sein, wenigstens jeftzt in die Angelegenheit einzugreifen und zuzusehen, daß auch offiziell aus den Privilegien der Christen Privilegien der Nichtmohamedaner werden. Sonst könnte es geschehen, daß die griechischen und armenischen Schulen autonom: bleiben, ihre Sprache und ihr Programm selbst bestimmen, sich selbst verwalten können, gleicle Rechte mit den Regierungsschiulen haben, aber nur die jüdischen nicht und daß den jüdischem Rekruten die Erleichterungen und Konzessionen abgehen, die die christlichen genießen werden. Erfreulicherweise ist durcli das Entgegenkommen der Regierung auch die Frage der Lehrer ausländischer Untertanenschaft, die eine große Sorge für das jüdische Schulwesen war, in günstigem Sirrnie erledigt worden. Brand und Cholera Endlich ist die wochenlang erwartet« Kommission der Hilfsorganisationen zusammengetreten. Sie besteht aus Vertretern des Hilfsvereins der deutschen Juden, der Alili a.nce Israelite, des Ordens Bne Berith und des Großrabbinates. Zum Vorsitzenden dieser Kommission ist der Präsident der Großloge des Orients, J. Niego, gewählt worden. Die Arbeiten beginnen mun unverzüglich. Die Zentrale der Bne Berith in ChniJcago hat sich mit einer dritten Sendung von 5000 Franken eingestellt, so daß die Logen bereits 15000 Frs. überwiesen haben. Die Cholera hat in Hasköj, dank dess überaus energischen Eingreifens des neuen Stadtpräfekten, ganz bedeutend nachgelassen, so daß eine völlige Rettung des Ortes ms der Gewalt der Seuche zu erhoffen, ist. Gleichwohl ist die ökofli omische Krise durch die massenhaften Häuser- und Straßensperrungen eine andauernd schlimme. Leider hat die Krankheit sich nach einem anderen, zumeist von Juden bewohnten Viertel, nämlich der Sommerfrische Bujukdere am Bosporus, hinübergepflanzt Aber hier sind die Leidenden besser situierte Leute, und au cfi hier hofft man, bald der Seuche Herr zu werden. Palästina Eine Verfügung des Großwesits zum Schutze der jüdischen Bevölkerung Palästinas Wie die in Jerusalem erscheinendeüi^bräische Zeitung „Hacheruth" erfährt, hat der Großwesir infolge der wiederholten Vorstellungen des Großrabbiners Haim Nah um den neuen Pascha von Jerusalem telegraphisch angewiesen, den Sicherhe ÜsVerhältnissen in den jüdischen Kolonien, namentlich im Galiläa, sein besonderes Augenmerk zuzuwenden und darauf zu achten, daß den ottomanischen Juden beim Erwerb von Grund und Boden keine Schwierigkeiten seitens der lokalen Behörden in den Weg gelegt werden. Der Pascha hat die ministerielle! Verfügung bereits an die Kaimakams in der Provinz telegraphisch vr&itergeleitet. Die Nachricht hat unter der jüdischen Bevölkerung des Landes große Befriedigung hervorgerufen. Die Mandel- und Ethrogimeirnte in Palästina Die Mandelernte in Pethach-Tikwah hat in diesem Jahre verhältnismäßig geringe Erträge geliefert. Ein Teil der Früchte ist auf den Jaffaer und Jerusalemer Markt gelangt, wo sie gute Preise erzielen. Auch die Ausfuhr der Mandeln hat bereits begonnen. Die Ethrogim sind heuer quantitativ und qualitativ vorzüglich geraten und stehen hoch im Preise, Ja die Ernteergebnisse in Griechenland, dem Hauptgebiete der Etlirogimproduktion, diesmal sehr ungünstig waren und auch in Marokko der Ertrag der Pflanzungen infolge der dortigen Wirren äußerst gering ist. Rabbinerinstallation in Pethach-Tikwah Am 8. d. M. hielt der neugewählte Rai) Wner von Pethach-Tikwah, Herr A. J. Zitron aus Wilna, seinen feierlichen Einzug in die Kolonie. Die Vorsteher der Kolonie waren tags zuvor dem neuen Rabbiner nach Jaffa entgegengefahren und holten ihn hier vom Dampfer ab. In Jaffa besuchte Rabbiner Zitron den zurzeit hier weilenden Chacham-Baschi von Saloniki, R. Jacob Meir, der ihn auf das herzlichste begrüßte und zu seinem Amtsantritt nach Pethach-Tikwah begleitete. Auch viele angesehene Jaffaer und Jerusalemer jüdische Bürger geleiteten in einem langen Wagenzuge den neuen Rabbiner von Pethach-Tikwah nach seinem Amtssitz. Freudige Festesstimmung herrschte in der Kolonie, wo jung und alt vor der blumengeschmückten Pforte Aufstellung nahmen, die dem neuen Rabbiner zu Ehren errichtet worden war. Als der Wagen, in dem Rabbiner Zitron und Rabbi Jacob Meir saßen, sich der Kolonie näherte, stimmte die „Tisinoreth" (Musikkapelle) der Kolonie einen Begrüßungsmarsch an. Der Vorsitzende des Waad trat vor und entbot dem neuen religiösen Oberhaupt der Kolonie in herzlichen Worten den Willkommgruß der ganzen Gemeinde. Nach einer kurzen Erwiderung des Rabfciners setzte sich der Zug wieder in Bewegung, und man begal> sich nach der festlich geschmückten Talmud-Thora-Schule, ein Schülerchor den Rabbiner empfing und der Direktor der Anstalt eine Begrüßungsansprache hielt. Am Abend versammeltem sich in den Amtsräumen des Waad sämtliche Bewohner der Kolonie zur Begrüßung des neuen Rabbiners.

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