Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Rabbiner Zitron genießt den Ruf eines tüchtigen Talmudisten und verfügt auch über ein reiches Maß weltlichen Wissens. Er ist der europäischen Hauptsprachert durchaus kundig und spricht fließend hebräisch in der hier gebräuchlichen sephardischen Aussprache. Von Pethach-Tikwah begab sich Rabbiner Zitron für einige Tage nach Jerusalem zum Besuche seiner dort wohnenden Mutter. Auf der Rückreise wird er einige jüdische Kolonien besuchen. Rußland Von der Messe in Nischni-Nowgorod In Nischni-Nowgorod findet gegenwärtig die berühmte Messe statt, zu der sich auch diesmal, wie alljährlich, zahlreiche jüdische Kaufleute eingefunden haben. Denn die Messe von Nischni-Nowgorod ist von ungeheurer Bedeutung für eine Reihe von Handels- und Industriezweigen, in denen die Juden hervorragend tätig sind. Bis jetzt glaubte auch die Regierung, gegen den zeitweiligen Aufenthalt der jüdischen Kaufleute in Nischni-Nowgorod nicht einschreiten zu sollen und machte auch durch direkte Verfügungen eine Ausnahme vorn Gesetz. Im laufenden Sommer soll jedoch mit der bisherigen Praxis gebrochen werden. Alle Juden, die nicht über das allgemeine Wohnprivileg verfügen, verfallen nach einer kürzlich aus Petersburg eingetroffenen Ministerialverordnung der Ausweisung, ungeachtet dessen, daß die Messe darunter in ganz außerordentlichem Maße leidet. Die sinnlose, handels- und verkehrsfeindliche Maßnahme hat nicht nur die Juden, sondern auch die christliche Kaufmannschaft in die größte Unruhe versetzt, so daß der Präsident der Messe sich veranlaßt sah, in einem langen Telegramm an Stolypin um die Zurücknahme der schädlichen Anordnung angelegentlichst zu bitten. Er weist darauf hin, daß die Durchführung der angedrohten Maßregel auch den Nichtjuden einen nicht wieder gut zu machenden Schaden bereiten würde; nicht nur die Millionengeschäfte, welche die nach Nischni-Nowgorod kommenden Juden gelegentlich der Messe mit dem Auslande machen, würden verloren gehen, auch die jüdischen Handwerker, die jahraus, jahrein bedeutende Arbeiten bei der Sortierung, Färbung, Zuschneidung der Stoffe usw. verrichteten, seien unentbehrlich. Obwohl nun das wohlbegründete telegraphische Gesuch auch die Gutheißung des örtlichen Gouverneurs gefunden hat, ist es bei dem gegenwärtigen judenfeindlichen Kurs der russischen Regierungspolitik sehr zweifelhaft, ob Stolypin den allseitigen Wünschen stattgeben wird. Ausweisungen aus dem Krankenhause Immer rücksichtsloser und grausamer wird die Abschiebung „wohnrechtsloser" Juden in den Pferch des Ansiedlungsrayons durch die russischen Polizeibehörden gehandhabt. Das neueste Heldenstücklein auf diesem Gebiete hat sich das Odessaer Stadtamt geleistet. Es erließ eine Verfügung, die nach dem „Rjetsch" auch schon zur Ausführung gelangt ist, wonach die jüdischen Patienten der Walichowska-Abteilung des städtischen Krankenhauses unverzüglich das Stadtgebiet zu verlassen und sich nach dem Ansiedlungsrayon zu begeben haben. f^HüACHRICHTEN jjj] Die Beisetzung Joseph Israels. Über die Beisetzung Israels, die am 15, d. in Scheveningen stattfand, wird berichtet: Es war ein Tag, der des Künstlers Israels würdig war. Israels war der seinem Wesen fremden, trägen, heißen Witterung zum Opfer gefallen. Wie ballt sich zu seinem Begräbnis ein Himmel von phantastischer Wildheit zusammen! Als eine letzte Huldigung. Für den Meister war es der Himmel, den Israels liebte, mit seinem Spiel von Licht und Schatten, mit seinen bizarren Wolkenmassen. Besonders großartig offenbarte sich diese Schönheit über dem jüdischen Friedhof. „ Dieser entbehrt wohl allen Schmuckes. Graue Denkmäler stehen da halbverdorrt vom Sande, eine Dünenlandschaft besonderer Art. Vom Sterbehaus an bis zum Begräbnisplatz stand eine dichte Menge, alle Stände waren vertreten, vom Trödler auf der Judengasse an, der seinen Laden geschlossen hatte, um den großen Mann zu ehren, bis zu den berühmtesten Universitätsprofessoren, den hohen Militärs und den angesehensten Mijnheers. Stark vertreten war auch der Arbeiter- und Bauernstand. Jeder Holländer weiß, was Israels war. Zahllos waren die Künstlerdeputationen aus aller Welt; auch fehlte kein Maler und kein Bildhauer. Alle Badegäste aus Scheveningen strömten herbei. Um 1 Uhr nachmittags kam der Sarg an. Inzwischen waren auf dem Friedhof erschienen die Minister des Auswärtigen, der Landwirtschaft und des Handels, Vertreter des königlichen Hauses, der Bürgermeister vom Haag, Professor Max Liebermann aus Berlin und der Präsident des jüdischen Frauen Vereins aus Frankfurt a. M. Nach einer ergreifenden Rede des Rabbiners wurde der Sarg aus der Leichenhalle zum Grabe gebracht. Dort traf Minister Talma ein. Er sprach namens der Regierung. Es sei eine Pflicht der Regierung, sagte er, vor dem Lande und den Welten laut zu bekennen, wie dankbar Holland diesem Manne sei, wie unersetzlich sein Verlust sei. Dann sprachen die Abgeordneten der Künstler und die Freunde des Verblichenen. Ein wahrer Berg von Blumen türmte sich über dem Grabe, doch die meisten konnten sich von diesem Hügel der Dankbarkeit kaum trennen. Man konnte sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen, daß der Patriarch aus der Kunst, der gleichzeitig der Anreger, Freund nnd Förderer der Jugend war, nicht mehr zu den Lebenden der holländischen Erde zähle. Tierschutekongreß Vom 2, bis 5. August tagte in Kopenhagen im Hotel l'Angleterrder 16. Internationale Tierschutzkongreß, dessen Verhandlungen für uns einiges Interesse besitzen, da man sich auch mit der Schächte frage beschäftigte. Den Anlaß gab ein Referat einer Finnländerin, Frl. von Konow, die ein wütendes, die jüdische Religion schwer beleidigendes Pamphlet gegen das „tierquälerische Schächten" verlas, das, wie sie stolz mitteilte, durch ihre Agitation in Finnland untersagt sei. Im Laufe des Kongresses erhielt diese Rednerin dann abermals das Wort zu einem Referat, das sich in vielleicht noch gesteigerter Feindseligkeit gegen das Judentum bewegte. In der Diskussion wurden ihre Ansichten von Rabbiner Dr. Wohlstein (Malrnöj, Dr. Biberfeld (Berlin), Oberrabbiner Dr. Löwenstein (Kopenhagen), und besonders energisch von unserm Gesinnungsgenossen Dr. Louis Frankel (Kopenhagen) bekämpft Der Kongreß nahm dann folgende Resolution an: „Die Schlachtung darf nur nach vorhergegangener Betäubung des Tieres erfolgen oder so, daß der Kopf möglichst schnell vom Rumpf getrennt wird." Der ungarische Ministerpräsident und der amtliche Antisemitismus Der aus dem ungarischen Grenzstädtchen Sztropkö von der antisemitischen Grenzpolizei ausgewiesene jüdische Tischler Moritz Tkäts war, wie bereits gemeldet, beim Ministerpräsidenten Grafen Khuen-Hederväry in Audienz erschienen, um die Zurücknahme des ungerechten Ausweisungsbefehls zu erbitten. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich der Ministerpräsident, wie erinnerlich, sehr abfällig über die auch in amtlichen Kreisen immer mehr zutage tretenden antisemitischen Tendenzen. Nunmehr hat der Ministerpräsident nach Prüfung der Akten den Ausweisungsbefehl annulliert und die Grenzpolizei hiervon telephonisch in Kenntnis gesetzt, indem er sie zugleich ermahnte, in Zukunft derartige Obergriffe zu unterlassen. Ein neues hebräisches Wochenblatt in Amerika Am 1. September d. J. wird in New York die erste Nummer einer neuen hebräischen Wochenschrift, die den Namen „Had'ror" (Die Freiheit) trägt, erscheinen. Der Redakteur dieser neuen Zeitung ist der bekannte hebräische Schriftsteller Rüben Brainin. Unter den Freunden der hebräischen Literatur in Amerika setzt man große Hoffnungen auf das Erscheinen der neuen Zeitschrift, die eine seit vielen Jahren in weiten Kreisen der hiesigen Judenheit schmerzlich empfundene Lücke ausfüllen soll. Donnerstag den 31. August findet im großen Saale der Cooper Union eine von dem Verein „Achi-Eber" veranstaltete Fest- und Propagandaversammlung zu Ehren der neuen Zeitung statt. In dieser Versammlung werden u. a. Dr. J. L. Magnes, Mr. J. Barondess, Rev. H. Masliansky und Rüben Brainin selbst das Wort ergreifen. Man hofft, daß diese Versammlung sich zu einer machtvollen Kundgebung der hebräischen Renaissancebewegung in Amerika gestalten und dem „Had'ror" wie der junghebräischen Literatur überhaupt zahlreiche neue Freunde und Förderer zuführen wird. Schluß des redaktionellen Teiles