Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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924 DIE ELT Nu. 35 Nö. nationalen Gesichtspunkt erfolgen. „Politisch" in des Wortes ureigenster Bedeutung heißt Bürgersinn, Gemeinsinn. Also die Erweckung des nationalen, alljüdischen Gefühls, die Interessierung des Gesamtjudenturns für die jüdische Not, die wir alle verspüren. Demgemäß setzen wir an den Ausgangspunkt unserer Arbeit die Proklamierung der Nation als politischen Einheitsbegriffes. Darin hat sich auch jetzt in Basel nichts geändert. Unser Programm bleibt uneingeschränkt aufrecht, und wenn nicht alle Zeichen täuschen, so stehen wir gerade jetzt vor einer Zeit der nationalen Expansion. Die Beschlüsse auf Verbreitung der hebräischen Sprache sind ein deutliches Signal. Ebenso die Palästinaresolutionen und unser fester Entschluß, die Aufklärungsarbeit in der Türkei unbeirrt und im gleichen Sinne wie bisher fortzuführen. Das Mittel, das man uns rät, dem Verleumdungsfeldzug der Alliance dadurch Boden zu entziehen, daß wir das politische Ziel einfach über Bord werfen, lehnen wir ab. Wenn mich jemand auf der Straße einen Wegelagerer schilt, so werde ich ihn beim Kragen nehmen, nicht aber mich erschießen. Und wenn noch weiter Böswillige oder Unvernünftige mit perverser Impression unsern geheimen politischen Zielen folgen wollen, so mögen sie das immerhin tun. Wir werden nicht mehr widerlegen. Die Arbeit drängt!" - Der Kommers in Basel Es wäre überflüssig, der altbewährten Gastfreundschaft der Basler Juden ein besonderes Wort zu reden, wäre man nicht dazu veranlaßt durch gewisse unerquickliche Vorgänge, die den Schein erwecken könnten, als ob die Judenschaft Basels in irgendeinem Zusammenhang damit stände. Es ist daher nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine Genugtuung, festzustellen, daß die Baseler Juden auch diesmal, wie bei den vorangegangenen Kongressen, den Kongreßteilnehmern eine wohlwollende und entgegenkommende Haltung bezeugten. Das beweist nicht nur die von einigen Hundert Mitgliedern der Gemeinde dem Kongreß überreichte Adresse, sondern auch das rege Interesse, das den Kongreßverhandlungen entgegengebracht wurde, und die äußerst zahlreiche Beteiligung aus den besten Kreisen der jüdischen Gesellschaft Basels an dem Gartenfest im Sommerkasino, über das bereits berichtet wurde, und am großen Festkommers in der Burgvogteihalle. Dieser fand am 13. August statt. Die sehr geräumigen Säle der - Burgvogteihalle waren schon gegen 9 Uhr abends derart überfüllt, daß viele keinen Einlaß mehr finden konnten. Etwa 200O Personen waren erschienen, um dem Festkommers, der als das Fest der Jugend bezeichnet werden darf, beizuwohnen. Von der Galerie sah ein Kranz schmucker Damen in festlichen Toiletten interessiert dem bunten Treiben unten im Saale zu, in dem sich die Delegierten, Journalisten und Studenten zum „löblichen Tun" zusammenfanden. War die Veranstaltung von vornherein mehr als Volksfest denn als Kommers gedacht, so erhielt sie jedoch alsbald das Gepräge eines Studentenkommerses infolge der zahlreichen Beteiligung von seiten der zionistischen Studentenschaft Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Von den offiziell vertretenen Korporationen sind zu nennen: der B, J. C, das K. Z. V., die „Maccabäa", Zürich und der Jüngst ins Leben gerufene jüdische Studentenverein „Nehardäa", Basel. Die drei Verbindungen im K. Z. V. und die „Maccabäa" hatten je drei Chargierte in Wichs entsandt, die an verschiedenen Tischen plaziert wurden. Sie hatten die nicht sehr dankbare Aufgabe, während der Darbietungen, Reden und Gesänge für Ruhe zu sorgen. Es herrschte überall „Stimmung". Mit nicht endenwollenden Hedadrufen wurden die mit ihrer Fahne erschienenen Chargierten der „Maccabäa" empfangen. Dem indes erschienenen David Wolffsohn jubelten die vielen Anwesenden stehend minutenlang zu. Dies war das Zeichen zum offiziellen Beginn des Kommerses. Zunächst fand eine Begrüßungsansprache des Kommersleiters, Herrn Dr. Brunschwig, statt. Dann wurde von der Bühne herab ein Prolog gesprochen, der dem Sinne des Festes galt. Mit großem Beifall wurden die jüdischen Turner aus Zürich begrüßt, die durch Vorführung von Freiübungen, Keulenschwingen und P/ramiden eine Leistungsfähigkeit bewiesen, die laute Anerkennung fand und durch Überreichung eines Kranzes ausgezeichnet wurde. Bs folgte nunmehr Gesang auf Gesang, Ansprache auf Ansprache. Von den Reden seien erwähnt die des Herrn Dr. Pinkus, der die Versammelten im Namen des schweizerischen Zionistenverbandes begrüßte, und die von David Wolf f söhn, der in kernigen und launigen Worten seiner Genugtuung Ausdruck gab, nach mühevoller Arbeit bei der Jugend sich erholen und ausruhen zu dürfen. Dieser Anlaß wurde benutzt, um dem verehrten Führer durch eine stürmische Huldigung das unerschütterliche Vertrauen kundzutun. Ferner hielten Reden Prof. Dr. Warburg, N. Sokolow, Dr. Daiches, Dr. Zollschan (im Namen der anwesenden österr. Studenten) u. a. m., die immer wieder auf die Hoffnung unseres Volkes, die akademische Jugend, ausklangen. Es sprachen noch Dr. H. Löwe für den B. J. C, D. Dobranicki im Namen der J. N. V. „Maccabäa", Zürich und Ch. Lauer für die „Nehardäa", Basel. Um 11 Uhr schloß der offizielle Teil. Die judenfeindlichen Ausschreitungen in England Aus London wird uns gemeldet: Die antisemitischen Unruhen in Südwales dauern fort. In der Stadt Monmoutfishire kam es Mittwoch den 23. August von neuem zu starken Ausschreitungen des Pöbels. Plünderungszüge wurden unternommen und viele Personen mißhandelt. Das Londoner Komitee der britischen Juden erhob im Ministerium des Innern Vorstellungen und erhielt das Versprechen, daß weitere Truppen nach Monmouthshire abgehen würden, um die Ruhe wieder herzustellen. — Seit dem Ausbruch der Judenhetzen in Südwales ist es auch im Londoner Juden viertel zu allerlei Feindseligkeiten gekommen, die jedoch keinen gewalttätigen Charakter hatten. Ferner meldet man uns aus London unter dem 25. d. M.: Immer neue Hiobsposten treffen stündlich aus Südwales ein. Das Volk hat sich nicht nur nicht beruhigt, es geht in seinem sinnlosen Wüten immer weiter und nimmt die bedrohlichste Haltung gegen die Juden ein. Die Hauptschuld an den immer gefährlicher ausartenden „Riots", wie man die „echt - russisch" anmutenden Pogrome hier beschönigend nennt, mißt man den gewissenlosen antisemitischen Demagogen zu, die die Wut des Pöbels in unverantwortlicher Weise schüren und unaufhörlich neues Vorgehen gegen die Juden predigen. Die schweren Ausschreitungen in Monmouthshire sind keineswegs zu Ende. Im ganzen Lande erregt es das peinlichste Aufsehen, daß das Militär, obwohl es in genügender Anzahl vorhanden war, dennoch nicht helfend eingriff und den Überfallenen Schutz gewährte. Die Miliz tat nicht das geringste, die Ausfälle der Wütenden zu verhindern, sondern sah dem schrecklichen Treiben, ganz nach russischem Muster, teilnahmslos zu. In Tredegar standen allein 150 Mann, iünf Offiziere und eine Eskadron Husaren unter dem Befehl eines Majors. Fast zweihundert Mann befanden sich in der Nachbarschaft, undinCardiff lagen tausend Mann Infanten e. Trotz dieser soldatischen Schutzmacht überfielen die Aufrührer Mittwoch den 23. August nochmals die jüdischen Häuser, drangen mit Gewalt in die Läden ein, zertrümmerten die Einrichtung und streuten die Ware=n auf die Straße. Die Beute, die sie mitnahmen, wurde ihnen zwar zum Teil von der Polizei abgenommen. Unterdessen predigten die Hetzer weiter den „gerechten Kampf gegen die jüdischen Schädlinge". Die sonst als friedlich bekannten Bergarbeiter sind plötzlich in wilde Meuterer verwandelt. Ganz England steht vor einem Rätsel. Von einem Abflauen der Pogromstimmung kann keine Rede sein. Immer weitere Kreise werden von dem Taumel ergriffen, sogar die besseren, gebildeten Gesellschaftsschichten. Die jüdische Bevölkerung hegt die größte Besorgnis, und wenn die Sache nicht in allerkürzester Zeit unterdrückt wird, kann die Bewegung Dimensionen annehmen, die man jetzt bei allem Pessimismus dennoch nicht anzunehmen wagt. Bemerkenswert ist, daß die Bewegung, die zu Ende der letzten Woche in Monmouthshire ausbrach und auch nach Breconshire übergriff, jetzt bereits das eigentliche Wales, und zwar die Grafschaft Glanniorganshire erreicht hat. Sie springt von Tag zu Tag auf neue Ortschaften über, während sie in ihrem Ursprungsgebiet um Tredegar nachzulassen scheint. Donnerstag abends griff die Menge in der Ortschaft Bargold eine Anzahl jüdischer Läden an und wurde erst nach wiederholten Vorstößen der Polizei vom Militär durch Bajonettangriff zerstreut. In Gilfach kam es während der Nacht zu ähnlichen Szenen und in Senghenzod wurden heute morgen zwei jüdische Geschäfte eingeäschert. In den betreffenden Siedlungen dauerte während der Na.cht ein wahrer Guerillakrieg an, den organisierte Banden der Plünderer mit der durch Infanterie verstärkten Polizei führten. _ Die Juden und die albanische Frage Vor einigen Wochen ist, wie wir seinerzeit ausführlich berichteten, in verschiedenen westeuropäischen Zeitungen zur gleichen Zeit ein Artikel erschienen, in welchem die Schuld an den blutigen Vorfällen in Albanien den jüdischen Mitgliedern des jungtürkischen