Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 35 - - DIE] sein, daß mit der Kmlturfrage das .Allerhei ligste des zionistischen Gedankens betreten worden war. Es ist selbstverständlich, führte Dr. Lewin weiter &us, daß die Art den Kulturarbeit, die der Kongreß der neue:» Leitung zur Pflicht gemacht hat, davon abhängig sein wird, ob der Leitung die Möglichkeit zur großzügigen Durchführung dieses Kongreßbeschlusses geboten wird. Die erste Vorbedingung für die Arbeit sei aber schon gegeben — durch die entschieden kundgegebene Willerisrneinung des Kongresses. In erster Linie muß die Organisation nach Ansicflit Dr. Lewins alle diejenigen Bestrebungen moralisch und nach Möglichkeit auch materiell fördern, die die Aimlherung der jüdischen Bevölkerung des Orients und Palästinas an unsere Bewegung und m das nationale Judentum bezwecken. Auf diesem Kongreß habe man deutlicher als auf seinen Vorgängen das starke Band, <las die zionistische Bewegung mit Palästina verknüpft, wahrgenommen. Dieses Band soll jetzt noch erig«r geschlungen werden. Dr. Lewin ist der Meinung daß das Palästinaressort des E. A. C. aufgelöst werden müsse, daß es nunmehr überflüssig geworden sei. Da sämtliche Mitglieder der Leitung ihre Arbeitskraft auF Palästina konzentrieren werden, habe ein« besondere Abteilung Fiir die Pälästinatätigkeit keinen Sinn mehr. Diese werde jetzt die vornehmste gemeinsame Aufgabe des Actions-Comitis bilden- In Nr. 181 der „Hazefira" wird der Enhalt einer Unterredung wiedergegeben, desi der Kongreßberichterslatter dieses Blattes mit Herrn Hermann Struck hatte. Auf die Frage, welche Haltung der „Misrächi" gegenüber den Beschlüssen des Kongresses zur Kulturfrage einnehmen werde, antwortete Struck, die Entscheidung hierüber bleibe einer außerordentlichen Misrachikonferenz vorbehalten, die in einigen Woclien stattfinden werde. Seine eigene Meinung sei die, daß für die Misrachisten die Möglichkeit wohl bestehe, auch fernerhin in der zionistischen Organisation zu verbleiben. Er habe vor der Abstimmung über die Kulturresolutionen nicht gesagt, der „Misrächi" werde im Falle der Annahme «lieser Resolutionen aus der Organisation austreten, sondern habe nar erklärt, daß der „Misrächi" sich vorbehalte, die Konsequenzen aus der Abstimmung zu ziehen. Diese Konsequenzen könnten aber auch ganz anderer Art sein. So z. B. halle er es für möglich, d.aß die Misrachisten die Verantwortung für die Kulturarbeit der neaien Leitung überlassen, ihrerseits aber jede Mitwirkung an der Kulturarbeit verweigern werden. Sie werden lediglich die Tachkemonischule fördern und ihre eigene, kürzlich ins Leben gerufene Kulturorgan isation ausbauen. Wenn aber auch beschlossen weiden sollte, aus der zionistischen Organisation nicht auszutreten, so sei es doch wahrscheinlich, daß der „Misrächi" von nun an auchNi c litschekelzahler in die Reihe seiner Mitglieder aufnehmen, aber nickt aufhören wird, eine zionistische Vereinigung zu sein. Dies wäre übrigens kein Novurn, da auch die Organisation der Poale-Zion niclitschekelzahlende Mitglieder besitze, die dem Gesamtverbande bloß als« Sozialisten von nationatljüdischer Gesinnung angehören, einen direkten Anschluß an die zionistische Organisation jedoch ablehnen. Im weiten misrachistischen Kreisen sei man überzeugt, dem „Misrächi" würden sich gro&e Massen gesetzestreuer Juden anschließen, 'venn der Beitritt nicht von der Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation, wie sie die Zahlung des Schekels in sich schließt, aMiingig gemacht würde. Der Versuch einer Aufnahme nichtzionistr.seher Mitglieder wird zeigen, ob die an eine solche Umgestaltung des „Misrächi" geknüpften Erwartungen sich erfüllen werden. Freilich wäre damit zugleich ein vorbereitender Schritt zur vollständigen Trennung getan fiir den äußersten Fall, daß die Kulturgefabr tatsächlich akut werden sollte. * * * Der Vollständigkeit halber seieii hier no«ch die Schlußsätze eines Artikels wiedergegeben, in welchem Dr. S. R. Landau, der Herausgeber der „Neuen Nation alzeitung", in der „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" seine Ansichten über den Kongreß ausspricht: „Der in Basel ab&ekaltene X. „Jubiläumskongreß" gibt uns die Möglichkeit, die Erfolge der zionistischen Bewegung zu überblicken. Diese Erfolge sind äußerst gering. Das zionistische Programm ist nicht um einen Schritt seiner Verwirklichung nähergekommen; seine eifrigsten Anlilnger sind zur Überzeugung gelangt, daß es undurchführbar ist. Ebenso wenig wie der Sultan Abdul Hamid will das jungturkiscli<e Komitee eine jüdisebe Masseneinwanderung gestatten oder gar Ton der Erteilung öffentlich-rechtlicher Konzessionen etwas wissen, Die europäischen Mächte stehen der Bewegung kühl, ja sogar, wie Rußland, feindselig gegenüber. In einer Debatte, die jöngst im türkischen Parlament stattgefunden hat, wurden der zionistischen Bewegung hochverräterische Motive unterschoben. Mit diesen Tatsachen mußte der letztes Kongreß rechnen; der eigentliche Zionismus im Sinne Herzls stand nicht mehr auf seiner Tagesordnung, Sta.it dessen beschäftigte sich der Kongreß mit der p[ELT 923 Pflege hebräischer Sprache, mit der Schaffung hebräischer Kultur in Palästina, und religiösen Fragen. Selbst die Ernigrationsfrage, dieses brennendste Problem der östLicfien Juden, wurde nur ganz oberflächlich erörtert und bloß die Notwendigkeit der Einberufung eines Emigrationskongresses zugestanden. Dies jüdischen Volksmasseii sehen sich um ihre letzte Hoffaung getäusclt Der Zionismus, der ihnen so viel, alles versprochen hat, kann ihnen nichts bieten. D«r satte jüdische Bourgeois Rußlands oder Qaliziens mag sich in seinen Mußestunden fiir die Pflege hebräischer Kultur und Spraclo erwärmen; das jüdische Millionenproleta. r iat benötigt eine Schölte, von der es nicht vertrieben werden kann, wo seine primitivsten Menschenrechte geschützt bleiben. Und diese Scholle, die ihm der I. Zionistenkongreß für die allernächste Zeit in Aussicht gestellt hat, wurde durch den „Jubiläumskongreß" ganz seinem Horizont entrückt. . . Im Ghetto wird es urieder dunkel! Das Ideal, das ihm jahrelang vorangeleuchtet hat, war nur ein Irrlicht. Das Problem der Judenfrage ist heute mehr denn je nun vom Gesichtspunkte der Emigration in Behandlung zu nehmen. Der bevorstehende jüdische Ernigrationskongreß hat nunmehr das Wort." Dei* Artikel hätte wohl eher in; die Rubrik der bekannten „LokalcBgstudien" gehört. Dort pflegt doch sonst Mausend zu spreche. Den österreichischem Assimilanten vergönnen wir diesen neuest«» Bundesgenossen, dessen Wert dadurch erhöht wird, daß er aus »dem Zionismus emigriert ist. * * In Nr. 34 des „Israel. Gemeindeblatt", Köln, findet sich als „Eingesendet*' folgende Zurückweisung der bekannten Unterschiebungen unserer mysteriösen politischen Ziele: „Mit herzlicher und aufrichtiger Freude sehen wir es, wie: sich nach jedem unserer Kongresse eine lebhafte Diskussion in den jüdischen Blättern entwickelt. Wir wünschen ja nichts weiter. Wir beraten, beschließen und gehen an die Arbeit. Je mehr und eingehender das Judentum unser Wollen prüft, um so rascher muß ihm die Erkenntnis kommeis daß wir auf dem rechten Wege schreitcai. Der Weg mag in Serpentinen laufen, durch Wälder und Gestrüpp sich dehnen, so daS ans selbst, die wir mitten im Drölinen der Maschine stehen, manchmal der Ausblick erschwert ist. Stellen sich d&nn bei denen, die uns beobachten, Mißverständnisses ein, so ist das nicht weiter bedauerlich. Sie mögen uns befragen, ihre Meinung sagen. Wir werden ihnen gerne Rede und Antwort stehen- Denn unsere Arbeit gilt dem jüdischen Volk in seiner Gesamtheit und da wollen und müssen wir den Rat eines jeden hören, dem es ernst ist um las Glück und die Befreiung unseres Volkes, Aioi wir dürfen wohl mit dem Rechte, das jede ehrliche Arbeit verdient, fordern, daß man ernst, wenn auch kritisch, zu uns spiicht. Daß man unsere Aufklärungen auch wirklich hört und — glaubt. (Hier kat die Redaktion des zitierten Blattes ein Fragezeichen eingefügt!) Wenn im täglichen Leben jemand eine Versicherung, die ihm ein anderer aus gleichem Blut und Stamm gibt, nicht anhört oder mar anhört und nicht zur Kenntn's nimmt, dann kehrt man ihm den Rücken. Und wenn unsere Gegner fortwährend behaup ten, die Zioiristen verfolgen irgendein politisches Ziel (das bisher mit Ausnahme David Frescos unJ einiger lächerlicher Dummköpfe noch niemand zu definieren gewagt hat) und unsere Gegenerklärungen nicht gLauben, dann wäre es unsinnig von uns, noch weiter au_f der Agora zu stehen und zu verneinen. Wie das einzelne Individuum so hat auch das Kollektivurn, in unserm Falle eine von altruistischen Motive-Ii geleitete Bewegung, «in Anrecht, die Würde zu wahren und für sich Beachtung zu fordern. Ntclit nur aus gesellschaftlichen Gründen verlangen wir dies, sondern auch aus sittlichen (xründen. Wir dürfen nicht länget zusehen, .wie unsere Organisation, die kräftiger und entschlossener alsjeibre nationalpolitischen Ziele verteidigt, wie eine Bewegung, die alles Lebendige des Judentums in sich schließt, immer wieder der Lüge geziehen wird. Vir haben keine andern Aspirationen als jenfc, die das Baseler Programm in einwandfreiester Diition aufzeigt Wir erstreben das Qliick des Judentums, seine Sammlung in dem Lande seiner Herkunft*. Wir wissen zumindest so gut wie unsere Gegner, daß das Judentum bei einem Zusammenstoß mit der tüllischen Staatsautorität zerschellen muß. Und wir haben aus um je-rer Geschichte gelernt, welches Schicksal so einem kleinen kleinasüatischen Pufferstaat droht* wenn er nicht den Schutz eines großen und wohl bewaffneten Staates genießt Sind die Taus&nde von Intellektuellen, Ärzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Politiker, Journalisten, die unserer Fahre folgen, weltentrückte Träumer? Wir ml>gen Idealisten sein, aber wahnwitzige Verbrecher? Wils ist der politische Zionismus? Die Organisierung des Judent« ins zum Zwecke der Eireichung seiner Konzentration. Diese Organisierung kann, — nach unserer Ansicht, — nur unter dem