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Die Welt · 1911-09-01 · 35 (1.9.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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922 0IE2HKLT No. 3* ausgezeichnet erfaßt, wie die verschiedenen Resolutionen beweisen, die sich alle nach dieser Richtung hin bewegen. So fordert z. B. eine Resolution die Vergrößerung der Geldmittel der P. L. D. C, eine zweite die Einrichtung langfristigen Agrarkredits durch die Anglo Palestirie Company, das heißt mit anderen Worten die allmähliche Festlegung der Kapitalien unserer Kolonialbank in Palästina. Ferner hat der Kongreß im Prinzip die Gründung von Musterfarmen in der Umgebung der palästinensischen Städte beschlossen, um eine Annäherung des alten Jischub an die landwirtschaftliche Ansiedelung herberzuführen, endlich hat der Kongreß auch den Bau von Arbeiterhäusern in den galiläischen Kolonien beschlossen. (In Judäa geschieht dies bekanntlich schon jetzt.) Im allgemeinen findet die neue Leitung in bezug auf die Palästina- Tätigkeit ein sehr ausgedehntes Arbeitsfeld vor. Es handelt sich nur darum, in welchem Ausmaß ihr die Mittel für eine solche Tätigkeit zur Verfügung stehen werden. Jedenfalls kann man hoffen, daß die neue Leitung ihr möglichstes tun wird. Sie hat den großen Vorzug der Einheitlichkeit und bedeutet im Grunde den endgültigen Sieg der realen Richtung und den Verzicht auf die „große" Politik. In der Tat konnte der Kongreß sich überzeugen, daß die Arbeiten sämtlicher Institutionen erfolgreich waren und die pessimistische Stimmung, wie sie in dem Briefe des Herrn Kann zum Ausdruck gelangt war, durchaus unbegründet ist. Das neue Actions-Comite, dessen Vorsitzender Professor Warburg ist, bedeutet also das Festhalten an der bisherigen Richtung der Arbeit und die Ausgestaltung dieser Arbeit nach allen Seiten hin". „Hazefira" veröffentlicht im Feuilleton ihrer Nr. 182 Gespräche ihres Kongreß-Korrespondenten mit David Wolff söhn, Dr. Alexander Marmorek und Dr. Schemarja Lew in über die Ergebnisse des 10. Zionistenkongresses. Herr Wolff söhn äußerte sich über seine Eindrücke vom abgelaufenen Kongreß wie folgt: „Mit der Arbeit des 10. Zionistenkongresses bin ich sehr zufrieden. Vor allem machte die parlamentarische Ordnung, die auf dem Kongreß herrschte, einen ausgezeichneten Eindruck. Überall, bei allen Delegierten und bei allen Parteien und Fraktionen waltete strenge Disziplin. Wir haben von den Kongressen viel gelernt, — bei dem 10. Kongresse konnte man das deutlich sehen. Der Kongreß ist zu einem wahrhaften Parlament geworden. Einen großen Fortschritt sehen wir auch darin, daß die verschiedenen Strömungen des Kongresses — abgesehen von unserrn rechten und linken Flügel, dem „Misrachi" und dem „Poale Zion" — begonnen haben, sich in zwei große Hauptströme, in zwei große Parteien mit fest umgrenzten Anschauungen zu scheiden. An Stelle der verschiedenen Fraktionen, Gruppen und Parteischattierungen hatten wir jetzt zwei große Hauptparteien, die miteinander um die Geltendmachung ihrer Anschauungen und Grundsätze rangen. Dies ist ein Glück für das jüdische Parlament im Hinblick auf die bekannte Erfahrungstatsache, daß je 300 Juden 400 Meinungen haben. Zwei Parteien können immer Verhandlungen miteinander anknüpfen, sich verständigen, Kompromisse schließen und der Tätigkeit des Kongresses und der Bewegung einen Antrieb nach vorwärts geben. Wenn zwei große Kräfte vorhanden sind, fällt die Befürchtung weg, es könnten andere Gruppen oder Fraktionen kommen und niederreißen, was die zwei Hauptparteien, die den vornehmsten Platz auf dem Kongreß einnehmen, aufgebaut haben. Was die neue Leitung betrifft, so kann man über eine eben erst geschaffene neue Form nichts Bestimmtes sagen. Anfangs, als ich die Leitung übernahm, lastete die große Verantwortung sehr schwer auf mir und ich empfand meine Aufgabe als eine große Bürde. Es schien mir, als könnte ich alle die Arbeiten niemals ausführen. Trotzdem lernte ich im Laufe der Zeit aus Erfahrung die richtigen Arbeitsmethoden und eignete mir die erforderliche theoretische und praktische Sachkunde an. Hoffen wir, daß auch die neue Leitung sich mit der ihr obliegenden Aufgabe gründlich vertraut machen und allmählich die nötige Übung erlangen wird. Wir werden sie darin nach Kräften unterstützen. Ob die neue Leitung die Aufgaben, die an die Bewegung herantreten, erfüllen, ob sie die in sie gesetzten Hoffnungen rechtfertigen wird, das wird die Zukunft lehren. Diese Frage werden wir erst auf dem nächsten Kongreß beantworten können.* Dr. Alexander Marmorek sprach sich dem Mitarbeiter der „Hazefira" gegenüber dahin aus, daß die zwei Hauptströmungen der Bewegung, die politische und die praktische, sich seiner Ansicht nach niemals zu einem einzigen Strom werden vereinigen lassen. Jede der beiden Parteien wird die einmal eingeschlagene Richtung weiter verfolgen, aber beide werden in der Bewegung bleiben und in derselben den ihnen zukommenden Platz in Anspruch nehmen. Mögen die beiden Strömungen noch so sehr divergieren, so müssen doch beide im Interesse des zionistischen Ideals, das uns allen heilig ist, ein Mittelweg finden, irgendein Kompromiß, das ihnen erlaubt, nebeneinander zu wirken, ohne die Einheit und Integrität der Bewegung zu stören. Diese Mission, führte Dr. Marmorek weiter aus, habe der 10. Kongreß erfüllt. Er habe die goldene Mittelstraße gefunden und dazu beigetragen, den Frieden zwischen den kämpfenden Parteien herzustellen. „Unsere Gegner, die politischen Zionisten, verlangten, daß wir ihnen die Leitung überließen — diesen Wunsch haben wir ihnen gewährt. Es mußte dem unleidlichen Kampf, der sich seit dem Haager Kongreß hinzog, endlich ein Ende gemacht werden. Eine Bürgschaft haben wir uns jedoch vorbehalten: die Finanzinstitute, die Bank und den Nationalfonds, den Aufsichtsrat — in diesen Körperschaften werden auch weiterhin die Vertreter des politischen Zionismus, die das Vermächtnis unseres großen Führers wahren, die Vorherrschaft ausüben." Das Gespräch kafn auf den Zwischenfall mit dem „Misrachi" und die Drohung der misrachistischen Delegierten auf dem Kongreß. Marmorek sprach sich anerkennend über die Haltung des Rabbiners Rabbinowitz aus Liverpool aus, der erklärt hatte, er würde auch im Falle des Austritts sämtlicher Misrachisten weiter in der zionistischen Organisation verbleiben. Diese mutige Äußerung, sagte Dr. Marmorek, habe auf ihn einen gewaltigen Eindruck gemacht. Was die Forderung des Rabbiners Rabbinowitz betreffs der unbedingten Einhaltung der Sabbathruhe betrifft, so sei er, Dr. Marmorek, damit durchaus einverstanden. Der Sabbath sei ein nationaler Ruhetag, der unter allen Umständen beobachtet werden müsse. Der Zionismus sei eine Volksbewegung und als solche mit der Religion aufs engste verknüpft, müsse also sehr auf der Hut sein, die religiösen Gefühle des Volkes nicht zu verletzen. Dr. Marmorek erzählte, er habe in Paris eine Poliklinik gegründet und in dieser Anstalt vollste Sabbathruhe eingeführt. Toleranz sei auf beiden Seiten nötig, sowohl bei den Misrachisten, wie bei den Freisinnigen, aber nicht nur Toleranz, sondern peinlichste Respektierung der Empfindungen des Volkes; dann werden die verschiedenen Richtungen Hand in Hand gehen können in unserer national-zionistischen Bewegung. Dr. Schemarja Lewin bemerkte dem Korrespondenten der „Hazefira" gegenüber, der Schwerpunkt des X. Kongresses, der Kampf um die Leitung, sei in Wirklichkeit ein Kampf um die Herstellung des ursprünglichen Charakters der zionistischen Bewegung gewesen. Es habe sich darum gehandelt, dasjenige Moment in den Vordergrund des Zionismus zu stellen, ohne dessen Vorhandensein unsere Bewegung ihren idealen Grundzug verlieren müßte und eine blo>ße praktische „Unternehmung" bliebe. Dies sei die wahre Bedeutung der Kulturfrage, die man in den Kongreß und in das zionistische Programm hineingetragen habe. Da aber die verschiedenen Strömungen durch Persönlichkeiten vertreten waren, die als die Träger der betreffenden Anschauungen gelten; darum schien es, als handelte es sich um einen Personenkampf. Das schönste äußerliche Moment des Kongresses war nach Ansicht Dr. Lewitis «die Haltung der Zuhörerschaft auf den Galerien. Hunderte von Personen saßen sieben Tage hindurch ununterbrochen in der größten Enge und Hitze im Saale, fehlten bei keiner einzigen Sitzung und nahmen beispielsweise an der Organ isationsfrage. dasselbe ernste und .gespannte Interesse, wie an den andern „kurzweiligem" Fragen. Es war unverkennbar, daß es nicht, wie zum Teil in frühern Jahren, die bloße Schaulust und Neugierde war, die die Leute hergeführt hatte, sondern daß der Kongreß sie sehr lebhaft interessierte und der Zionismus ihrem Herzen sehr nahe ging. Das zweite bedeutsame Moment des Kongresses sei der Sieg der hebräischen Sprache gewesen. Wohl konnte die erste hebräische Sitzung des Kongresses nicht den Eindruck vollster Natürlichkeit und Ungekünsteltheit machen; man merkte, daß es hauptsächlich eine Demonstration war, allein diese Sitzung bedeutet immerhin einen großen Fortschritt; sie ist ein Zeugnis für die Entwicklung des hebräischen Selbstbewußtseins und läßt uns hoffen, daß die hebräische Sprache in Zukunft nicht bloß die offizielle Sprache des Kongresses sein wird. Noch eine andere Sache müsse hervorgehoben werden: die Disziplin, die auf dem Kongreß herrschte und deren Erfordernissen sich alle, die Sieger wie die Besiegten, fügten. Bis zum letzten Moment war die Stimmung auf dem Kongreß äußerst erregt; auf der Galerie und im Saal erwartete man jeden Moment einen heftigen Sturm. Manche bangten vor einem solchen, aridere wieder hätten den lodernden Ausbruch der Parteileidenschaften nicht ungern gesehen, aber die Befürchtungen der einen und die Hoffnungen der andern gingen nicht in Erfüllung. Zu den schönsten Momenten des Kongresses gehörte die Kulturdebatte. Jedesmal, wenn man über die hebräische Wiedergeb urtstewegung sprach, erfolgte wie durch einen Zauber ein völliger Wandel in der Stimmung des Kongresses. Man fühlte sich gehoben, enthusiasmiert, uns es kam so recht zum Bewußt-

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