Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Np. 35 DIE] ist, andauernd und unverdrossen zionbrtische Gegenwartsarbeit zu verrichten. Die zionistische Arbeit Ii a.t aufgehört, ausschließlich Mittel zu sein, ist vielmehr zugleicli JQegenwarts- und Zukunfsarbeit, ist Selbstzweck geworden. Auch die zionistischen Kongresse sind also nicht mehr, wie es zuerst schien, bloße vorbereitende Veranstaltungen, lediglich dazu bestimmt, die Bewegung dem Endziel entgegen zu führen, sondern sie sind im Laufe der Zeit zm einer dauernden nationaljüdischen Einrichtung, zu einer allgemein jüdischen Tribüne geworden, auf der unsere nationalen Bedürfnisse Wim Zeit zu Zeit erörtert und die Richtlinien für unseren zukünftigen Weg aufgestellt werden. Der Zionistenkongreß ist die erste allgemein-jüdische Institution, die unser Volk seit dem Verlust seiner Heimat besitzt, Alle bisherigen jüdischen Beratungskörperschai»eii hatten lediglich lokalen oder provinzialen Charakter. Es ist niun Torheit, von einer beständigen und dauernden Institution wie dem Zionistenkongreß stets Überraschungen, grundstürzende Losungen zu erwarten. Jeder einzelne Kongreß kann und soll nur einen Abschnitt in der praktischer? Arbeit des Zionismus darstellen, einen Abschnitt in der nach Lage der Verhältnisse erforderlichen Gegenwuttsarbeit sowohl in Palästina, als in der Diaspora. Wie jede menschliche Tätigkeit kann auch unsere zionistische Arbeit nicht zu alle» Zeiten auf der Höhe sein. Irrtümer und Fehltritte sind unvermeidlich, und es müssen dann Verbesserungen und mannigfache Ärdeerungen an Hand der gewonnenen Erfahrungen vorgenommen werden, was viel Zeit und Mühe erfordert. Unter, diesem Gesichtswinkel müssem wir die letzten zionistischen Kongresse und namentlich den 10. Kongreß betrachten. Auf diesem Kongreß wurden zahlreiche Einrichtungen, die für die volkstümliche, zionistische Arbeit von großer Wichtiglieit sind, gekräftigt und auf sichere Grundlage gestellt Es wurden Änderungen in der Leitung der zionistischen Arbeit vorgenommen mnd damit wurde die Krise, die in den letzten Jahren zutage getrteteen war, beendet. Schließlich wurde ein Versuch gemacht, das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen, zum Teil gegensätzlichen, geistigen Strömungen innerhalb der zionistischen Bewegung insbesondere zwischen der religiösen und der freisinnigen Richtung herzustellen. Wenn es bis jetzt noch nicht gelungen ist, dieses Gl e ichgewicht endgültig herbeizuführen — was ja unter den gegenwärtigen Umständen nicht zu verwundern ist — so ist doch immerhin von beiden Seiten der Versuch unternommen worden, einand er näher zu treten und der Gegenseite diejenigen Zugeständnisse eimzuräumen, die eine ernste Geistesrichtung überhaupt machen kann, ohne ihre heiligsten Grundsätze preiszugeben. Es besteht die begrriindete Hoffnung, daß die Einigkeit, die beide Richtungen gesucht haben, schließlich auch gefunden werden wird, so daß unsere Bewegung ihre fruchtbare Tätigkeit ohne Störungen von Innen fortselaen kann. Wenn wir noch in Betracht ziehen, daß diesmal die demonstrative und erziehliche Wirkung der Zionistenk O'tigresse besonders, klar hervorgetreten ist, daß das Verhältnis der großen jüdischen Öffentlichkeit zum Kongreß das der reinsten Sympathie und der lebhaftesten Teilnahme war, daß schließlich die echte Begeisterung auf diesem Friedenskongresse viel stärker war ah sonst, trotzdem von dem szenischen Feuerwerk früheren Kongresse nicht viel zu bemerken war, — wenn wir all dies be:riiicksichtigen, sq. können wir in der Tat von dem 10. Kongresse mit der beruhigenden Oberzeugung Abschied nehmen, daß unsere Bewegung an derjenigen Entwickelungsstufe angelangt ist, der sie seit Bangem zugestrebt hat: die anerkannte Vertreterin des lebendigen, mach nationaler Wiedergeburt strebenden jüdischen Volkes zu sein. Im „Isr. Wochenblatt für diei&ch weiz" (Zürich) führt in Nr. 34 Dr. Felix Pinkus u. a. aus: „Von eminentester Bedeutung war, daß auf diesem Kongreß nun endlich jene Manifestation und jene; authentische Interpretierung des Basler Programms erfolgte, die dme Auseinandersetzung mit der konstitutionellen Türkei bedeutet- „Eine blühende jüdische Provinz im mächtigen ottomanischen Reiche", so legte David Wolffsohn in seiner Eröffnungsrede das piiiische Programm aus und dieser Grundton der BundesbrüderschaFt mit den Ottomanen durchzog alle übrigen rednerischen Äußeramgen, soweit sie politischer Natur waren. Wir werden in Zukumftt mit dieser Interpretierung zu rechnen haben und diejenigen Partdsangehörigen, die sich heute noch als politische Zionisten im Sinne Herzls bezeichnen, werden zugeben müssen, daß die Neuauslegumg des Basler Programms durchaus in der Richtung Herzischer Gedankenbahnen liegt. So hat uns der 10. Zionistenkongneß neben dem Frieden, der Partei ihre Festigung und zugleich die allgemeine Klärung in der zionistischen Gedankenwelt gebracht, Die Geschlossenheit und Würde der Versammlung mußte auf jeden Zuschauer einen tiefen, nachhaltigen Eindruck machen und in ihm das Gefühl erzeugen, daß er in Wahrheit eine Manifestation! des jüdischen Volkes Vor LT 921 sich halb e, dessen Vorhandensein man hier im Westen so leicht bezweifelt Dieser Kongreß hat uns nicht nur Worte gebraucht, sondern Taten und insbesondere die Möglichkeit nntensiver zionistischer Werbearbeit, an die wir nunmehr mit frohem Mute und und mit frischer Hoffnung auf das endgültige Gelingen unserer Bestrebungen gehen werden. Das? „Frankfurter Israelitische Famili&snblatt" kommt Nr. 34 an leitender Stelle abermals auf den Kongrell zu sprechen und sagt u. a,: „Wie ist es nun mit den gefaßten BeschBüssen bezüglich der kulturellen Arbeit in Palästina? Unsere Leser wissen bereits, daß der Komgreß mit überwältigender Mehrheit eine Resolution dahingehend gefaßt hat, die kulturelle Arbeit in Palästina zu organisieren und zen tsalisieren. Dieser Beschluß ist die Frucht tagelanger ernster Arbeit girier zu diesem Zwecke aus berufenen Männern aller Gruppen und Fraktionen — unter ihnen befanden sich auch die bekannten Gaonim Rabbiner Reines, Lida, und Rab Girier Rabinowitz, Liverpool — eingesetzten Kommission. Jeder Teilnehmer dieser Kulturkommission — auch die Redaktion dieser Zeitung war in der Kommission vertreten — wird bezeugen, diaiß fast alle ihre Mitglieds von dem festen Wunsche beseelt wareeni, der Tradition vollauf gerecht zu werden, so daß auch die RablJner Reines und Rabinov&itz, die durch ihre Frömmigkeit und Gielehrsamkeit als Autoritäten gelten, zu der gefaßten Resolution iilire Zustimmung geben bannten. Daß mit dieser Resolution alle wahrhaft traditionell gesinnten und traditionell lebenden Männer, sote-rn sie auf dem Boden dfer Einheit Israels stehen, sich zufrieden geben können, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ist doch diese Resolution dahin gerichtet, daß alle vom Zionismus zu grii nutenden Schulen und Zeütitngen auf der Tradition zu fußen haben! Nur solche Männer feönnen dies als verderblich bezeichnen, drie die Separation als ihr höchstes Ideal ansehen und viele tausende von treuen, begeiste rlen Juden, sofern sie nicht zu ihnen halten, dien „Kanaanitern" gleichstellten; verfolgen sie doch heimlich jene politische Absicht, die traditionellen Zionisten durch Gruseligmachem dem Zionismus zu entreißen und sie an sich zu ziehen. Und wahrlich, die Beschlüsse auf dem kulturellen Gebiete sind keine Laune einzelner und kein Zufall, sie sind vielmehr aus der tiefen Einsicht gekommen, daß sowohl der weiiteie Bestand des Zionismus auch auch die Niederwerfung der bewußten Assimilation einzig und allein durch planmäßige kulturelle Arbeit denkbar ist. Um abe;r mit Verständnis kulturell arbeiten zu können, mußten in die Leitung Russen kommen, die etwas von jüdischer Kultur verstehen, — und nur so ist der Zusammenhang der neuen Leitung mit den Beschlüssen des Kongresses auf dem Gebiete der Kultur zu verstehen. Die „Jüdische Zeitung", Wien,schreibt: „Die Art und Weise, wie siefn der Kongreß mit den Palästina- und Kultuirfragen beschäftigte, zeigte den festen Willen der Organisation, in dliesen eine energische umd tatkräftige Richtung einzuhalten, die schanfeStellungnahme zur Emigrationsfrage, in welcher der zionistische S tandpunkt (Resolution Wotzkin) klar zum Ausdruck kam, beweist, daß keine wichtig e Erscheinung des jüdischen Lebens dem Zionismus m e:hr fremd bleibt. Aus den Verhandlungen werden eine Fülle vo m Anregungen ausgehen, und die Arbeit desTages befruchten. Die straiftfere Zusammenfassung der Organisation wird den Prozeß der steigenden Politisierung der Bewegung befördern!, die nach und nach die feuilletonistischen Anhängsel abstreifen wird, die aus der Zeit übii.g blieben, wo der Zionismus noch keine sachlich positive Arbeit leisten konnte und die Kongresse nur Redetourniere waren. Die »ernste, würdige und streng sachliche Antii Verklärung des Vorsitzenden der neuen Leitung, Prof. Warburg zeiigt, daß wir nunmehr eimer Aera ruhiger aber stetiger Arbeit entgegengehen. Jeder Zionist l.at die unbedingte Pflicht, seine Kräfte forhari zu verdoppeln und mitatiarbeiten an dem unvermeidlichen Aufschwung, den unsere Bewegung nach langen innern Kämpfen jetzt zweifellos nehmen wird." In Mr. 33 des „Jüdischen Arbeiters", des Organes der österreichischen „Poale Zion", widmet B. Locker dein 10. Kongreß eine längere Besprechung. U. a. weist er darairi hin, daß der jüngste Kongreß in weit höherem Maße als alle seine Vorgänger den Nanuen eines Arbeitskongresses verdiene. Die :S'0nst so beliebten „großen Effekte" fehlten auf diesem Kongreß fast vollständig. Der Kongreß habe kein „neues Wort" in die Masse geworfen, sondern bloß das Vorhandene ausgebaut und verbessert. Der Artikelschreiber führt dann noch folgendes aus: „Vor allen Dingen ist auf diesem Kongresse keine einzige neue Institution geschaffen worden. Das ist vielleicht sein HauiptVorzug. Denn die Mittel des Zionismus sind einstweilen noch verhältnismäßig beschränkt und deswegen ist eine Konzentrierung d-er Kräfte auf die Ausgestaltung der schon bestehenden Einrichtungen eine unbedingte N otwendigkeit. Und gerade diese Aufgabe fliat der Kongreß 2