Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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920 .........blE3 >> daß er innerlich zerrissen und gespalten, daß er verarmt sei. Aber unsere Einheit ist größer, als es scheint, der Einfluß und die Macht unserer Idee ist tiefer, als es sich ausdrückt, sie hat größere Schätze, als man zählen kann. Wir selbst sind die Unzufriedenen und das ist gut. Wir sollen nicht in einen Qefühlsdusel verfallen, wir sollen Kritik üben und lernen, wir sollen die Kleinheit unserer Leistungen, die Unzulänglichkeit unserer Mittel unsern großen Aufgaben gegenüber sehen, wir sollen unentwegt bemüht sein auf Kräfte zurückzugreifen, die bisher in unsern Reihen noch ungehoben schlummern, und sie in den Dienst unserer Aufgaben stellen, damit wir über den engen Kreis hinauswachsen. Die Bewegung soll im ewigen Flusse bleiben, neue Kräfte sollen sich zur Geltung emporringen; jede Metamorphose muß alte Gestaltungen zerstören, an denen die Überlieferung mit Zähigkeit hängt, sie muß die Hüllen zerschleißen, die ^lange Zeit ausgehalten und manchen Sturm erlebt 'haben. Das ist Entwicklung. Wir werden auch nunmehr nicht die Zufriedenen sein: wir werden auch jetzt immer und immer wieder die Frage an uns selbst stellen, warum nur ein ganz geringer Teil unseres Volkes von unserer Idee durchdrungen, während doch das ganze Volk diese so richtige und so logisch notwendige Idee anerkennen müßte, und wir werden alle Wege suchen, die zum Herzen und zum Geiste des Volkes führen. Wir haben das gute Recht zur Selbstkritik, aber — unsere Gegner haben wahrlich nicht das Recht, von einem Rückschritt des Zionismus zu sprechen; der X. Kongreß würde sie Lügen strafen. Interessant ist der in einem Teil der gegnerischen Presse zu bemerkende Unmut über den würdigen und ruhigen Verlauf des Kongresses und dessen scharfe Stellungnahme gegen die Ränke und Schliche, die uns par force als politisch um jeden Preis und als illoyal der Türkei gegenüber darzustellen bemüht sind. Einerseits heißt es, der Zionismus habe seine Ziele aufgegeben, anderseits — er sei über diese Fragen nicht einig gewesen. Aber beide Behauptungen sind falsch. Daß der Zionismus seine Ziele aufgegeben oder auch nur seine prinzipiellen Forderungen abgeschwächt habe, wird niemand, der den Verhandlungen des X. Kongresses mit einiger Aufmerksamkeit gefolgt ist, im Ernste behaupten können. Es gab zwar einige ängstliche Naturen, die entdeckt zu haben vermeinten, durch das Geltendmachen der praktischen Arbeit in Palästina, oder die naturgemäße Verschmelzung nationaler gesinnungstüchtiger Choveve Zion mit Zionisten, nachdem die früheren Mißverständnisse geschwunden sind, habe der Zionismus einen Rückzug angetreten, allein KELf No. M diese Entdecker sind Ausnahmen. Für jeden denkfähigen und mit den Bestrebungen unserer Partei und den Grundzügen eines historischen, intensiven Zionismus nur einigermaßen vertrauten Beobachter steht es nach den Verhandlungen in Basel fest, daß der Zionismus, weit entfernt seine Idee abzuschwächen und zu verwässern, sie umgekehrt schärfer zu formulieren und in die Wirklichkeit umzusetzen und seinen Geist und sein Wesen klarer und rückhaltloser auszusprechen entschlossen ist. Er hat nicht aufgehört, politisch zu sein, nur daß er sich nicht mit dem leeren Wort begnügt, sondern sich sagt, worin seine Politik bestehen kann. Er begreift wohl, daß er sich um Politik bekümmern muß, und zwar nicht bloß als philosophierender Zuschauer, sondern zu dem Zweck, Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten, sofern sie seine Zwecke berühren, zu gewinnen. Er weiß, daß er auf der Wacht stehen und seinen Wächterruf erschallen lassen muß, so oft seine Interessen einer Gefahr entgegengehen. Er ist keine vereinzelte Partei mehr im Zionismus; wir alle sind fetzt in dem Punkt einig, daß wir nur langsam und durch systematische Arbeit unserm Ziele näher kommen werden. Also Vormarsch, nicht Rückzug. Auf unsere Ideale und Ziele verzichten wir nicht, allein mit unsern Idealen und Zielen, die wir in Übereinstimmung mit den ottomanischen Interessen uns immer vor Augen halten, wollen wir fortfahren, praktisch zu wirken und unablässig das Interesse des palästinensischen Zionismus zu vertreten. Und jede praktische Errungenschaft wird uns nicht den Wind aus den Segeln nehmen, sondern im Gegenteil unsere Kraft und unser Ansehen nur stärken. Das Land und die Sprache, — die Sehnsucht nach der Heimstätte, wo des jüdischen Volkes höchste Ziele zu freier Entfaltung kommen können, das Verlangen nach dem Einheitsband der Sprache, das sind die Ideale, die immer mehr unsere Seele erfüllen, die uns anspornen und vorwärts treiben werden zu kämpfen, bis der Sieg errungen ist. Das hat der X. Kongreß zum vollen Ausdruck gebracht. Unseren Gegnern wäre es gewiß lieber gewesen, wir hätten uns auf das Gebiet vieldeutiger, zweckloser, allen Verdächtigungen Tür und Tor öffnender politischer Spekulation locken lassen. Aber der X. Kongreß hat allen jenen politischen Gegnern und Verleumdern unserer guten ehrlichen Sache einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Und das ist das schönste Zeugnis für den Erfolg des Kongresses und der schlagende Beweis dafür, daß wir auf dem rechten Wege zum Ziele sind. DER ZEHNTE KONGRESS Pressest) mitten In N. 33 des „Haibri" (Berlin) bespricht Dr. J. L. Aschkenasy an leitender Stelle die Ergebnisse des 10. Kongresses. Er führt u. a. folgendes aus: „Was hat uns der 10. Kongreß gebracht?*1 Diese Frage pflegen wir nach jedem Kongreß zu stellen und geben uns in der Regel selbst die Antwort darauf: Der Kongreß hat die und die Beschlüsse gefaßt, die eine oder die andere Einrichtung geschaffen oder ausgebaut, diese oder jene Frage geklärt, — der Rest war ein wenig Demonstration, ein wenig angenehme Zerstreuung und ein wenig Anregung für die Zukunft. Derartige Antworten hören wir häufig nach jedem einzelnen Kongreß, und man sagt dies alles so zagend und unbestimmt wie einer, der sich wohl bewußt ist, eine schwierige und verwickelte Frage ungenügend bjantwortet zu haben. Viele können sich mit einer derartigen Antwort nicht zufrieden geben und forschen immer weiter: Was hat uns der Kongreß letzten Endes doch gebracht? Diejenigen, die heute noch eine derartige Frage aufwerfen, beweisen damit, daß ihr Verständnis für die Bedeutung des Zionismus noch so primitiv ist, als befänden wir uns noch immer im Kindesalter der zionistischen Bewegung. Damals gab es viele unter uns, die die ganze zionistische Gegenwarts^rbelt nur als einen Übergang zu einer, in kürzester Zeit anbrechenden neuen Epoche ansahen. Heute hat unsere Bewegung, jedoch schon die Kinderschuhe ausgezogen, und ihre Anhänger haben längst begriffen, daß es sinnlos ist, mit der Uhr in der Hand dazustehen, daß es vielmehr unser aller Pflicht