Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Druck auf die wirtschaftliche Lage des ganzen Gebietes zurückwirkt. Der Älteste der Kaufmannschaft wies darauf hin, daß eine derartige Resolution zwecklos sei, weil Stolypin vor einigen Tagen Weisung gegeben habe, daß den Juden unter keinen Umständen irgendwelche Erleichterungen zu gewähren seien. Eine neue antisemitische Aktion Der Krieg, den die reaktionären Kreise gegen alles Jüdische führen, nimmt immer bedenklichere Formen an. Die Wohnrechtsrevisionen und Beschränkungen im Schulbesuch, die seit jeher eine ständige Rubrik in der Berichterstattung über das russische Judenelend bilden, scheinen neben den sonstigen Vexationen noch nicht zu genügen, weshalb man das System der Niedertretung des jüdischen Gesellschafts- und Erwerbslebens durch immer neue Maßregeln auszubauen sucht. Der neueste Akt, der zu verzeichnen ist, bezweckt die Zurückdrängung der Juden aus dem Handelsverkehr. Vor kurzem erhielt der Handelsminister a us dem Ministerpräsidium eine Zuschrift, in welcher ausgeführt wird, daß es Zeit sei, gegen die Üb erhandnahme der Juden im Getreidehandel anzukämpfen. Die Frage, wie die Juden zu verdrängen wären, soll einfach dadurch gelöst werden, daß die Banken gehalten werden, die den Juden gewährten Kredite auf ein Minimum herabzusetzen. Dieser Versuch, die Juden auch im Handelsleben einzuschränken, erschien selbst dem aus den antisemitischen Reihen hervorgegangenen Timaschew und dem Finanzminister Kokowzew so ungeheuerlich, daß sie gegen das Projekt Front zu machen suchten. Darauf wurde* in der Staatsdruckerei eine Broschüre angefertigt, die also betitelt ist: „Die jüdische Frage, Übersicht der Urteile der russischen Presse" und den Untertitel trägt: „Lieferung I, Die Juden und der Getreidehandel." Die streng geheim gehaltene Broschüre, die aus der Kanzlei des Ministerrats vorläufig nur den Ministern und ihren Gehilfen zugestellt wurde, erweist sich, da sie inzwischen doch bekannt wurde, als ein grobes antisemitisches Machwerk. Sie will eine Zusammenfassung der Preßurteile über die Judenfrage sein, aber ausnahmslos sind darin bloß die Urteile antisemitischer Blätter abgedruckt, und zwar vornehmlich solcher Organe wie des Dubrowinschen „Rußkoje Snamja", das sonst oft genug von der Regierung und ihrer Presse als ein Lügenblatt gestempelt worden ist. Abgesehen von den antisemitischen Preßstimmen enthält die Broschüre judenfeindliche Auslassungen eigener Erzeugung, die den Weisheiten der antisemitischen Presse in keiner Weise nachstehen. So heißt es in der Broschüre: „Die Juden bringen in den Getreidehandel alle Arten des Betruges hinein, die sie in den andern Handelszweigen anwenden." Noch bestimmter ist die offizielle Weisheit in den Worten formuliert: „Der Betrug in allen seinen Formen ist die unbedingte Voraussetzung des jüdischen Handels." In diesem und ähnlichem Tone ist die gefährliche Schrift durchweg gehalten. Gefährlich ist aber das Hetzbüchlein nach jeder Richtung hin. Eine solcheSpräche der Regierung muß alle Pogromgeister auf den Plan rufen. Die Phantasie der Mord- und Raubprediger fühlt sich nach solchen offiziellen Kundgebungen beflügelt, und die Propaganda der Pogrome wird sich schwerlich ohne reale Leistungen beruhigen lassen. . . Im Ministerium für Volksaufklärung wird gegenwärtig an der Vorbereitung eines Gesetzentwurfes gearbeitet, wonach für die Zulassung von Juden, die im Auslande den Doktortitel erworben haben, zu russischen Staatsprüfungen dieselbe Prozentnorm eingeführt werden soll wie für die Aufnahme von Juden in russische Universitäten. Es ist bezeichnend, daß diese Maßnahme mit der Notwendigkeit begründet wird, wohlhabende Juden, die die Mittel haben, im Auslande zu studieren, mit den Armen gleichzustellen. (g^ NACHRICHTEN Kandidaturen für das Amt des Chief Rabbi Wie der Londoner Korrespondent der „Birmingham Post" erfährt, sind die führenden Londoner jüdischen Gemeindekreise einmütig der Ansicht, daß die Stelle des verstorbenen Chief Rabbi Dr. Adler im Interesse der britischen Judenheit unbedingt schon in nächster Zeit neubesetzt werden müsse. Als aussichtsreichste Kandidaten kommen der Chacham der spanischen und portugiesischen Gemeinde in London, Dr. Moses Gaster, und der Dajjan Hyamson in Betracht. Vor wenigen Tagen wurde das Testament des verstorbenen Chief Rabbi bekannt gemacht. Dr. Adler hinterließ etwa 13000 Pfund in bar, hiervon etwa 800 Pfund für verschiedene jüdische Wohltätigkeitsanstalten. Die Jeschibah Ez-Chaim und das Schaarei Zedek- Hospital in Jerusalem erhalten je 50 Pfund. Die große Bibliothek des Chief Rabbi wird zwischen seinen Verwandten und einigen hiesigen jüdischen Anstalten verteilt werden. Das Ritualmordmärchen Im Dorfe Irsiawitza bei Przeworsk in Galizien drangen vor einigenTagen mehrere mit Knütteln undStöcken bewaffneteBauern in das Haus des dortigen jüdischen Krämers Kelter, demolierten die gesamte Einrichtung, warfen die Waren durchs Fenster hinaus und schleppten Kelter und dessen Frau, die sich im Keller versteckt hatten, auf die Straße, wo sie von der ihrer harrenden aufgeregten Bauernschaft blutig geschlagen wurden. Die Gendarmerie nahm mehrere Verhaftungen vor. Wie festgestellt wurde, kam es zu diesen bedauerlichen Ausschreitungen infolge einer angeblichen Ritualmordaffäre, von welcher ein zwölfjähriges Bäuernmädchen zu erzählen wußte, deren Angaben bei der Bauernschaft des Dorfes Glauben fanden. Das Bauernmädchen erzählte nämlich, daß es in aller Frühe in den Laden des Juden Kelter getreten sei, um Einkäufe zu machen. Sie habe mit eigenen Augen gesehen, wie Kelter im anstoßenden Nebenzimmer einem auf dem Tische anscheinend leblos liegenden, kaum zweijährigen Bauernkinde Blut aus der rechten Halsseite abzapfte. Diese Erzählung verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das ganze Dorf. Die aufgeregte Bauernschaft rottete sich zusammen, von den entlegensten Dorfenden kamen die Bauern mit Weib und Kind vor das Haus des Kelter, und als dieser aus Furcht vor der drohenden Haltung der Menge seinen Laden schloß, fand das Blutmärchen immer stärkeren Glauben, und führte schließlich zu den erwähnten blutigen Exzessen. Eine Untersuchung wurde eingeleitet. Die Zeitung „Viktorul", ein führendes Organ der rumänischen liberalen Partei, veröffentlicht in ihrer Nummer vom 29. Juli die Nachricht, ein Bukarester Jude namens Fink eis tein habe einen Christenknaben in sein Haus gelockt und ihm Blut abgezapft, um „sich desselben zu Zwecken des mosaischen Ritus zu bedienen". Das Blatt fügt hinzu, daß es nicht mehr sagen könne, um den Fortgang der Untersuchung nicht zu stören. Es habe aber das Vertrauen, daß „die Justiz ihre Pflicht erfüllen, und daß das Scheusal von einem Angeklagten die wohlverdiente Strafe erhalten" werde. Es ist bezeichnend, daß das Organ der liberalen Partei, das notorisch von dem Chef dieser Partei, dem früheren Ministerpräsidenten Bratianu, inspiriert wird, sich zur Verbreitung des Ritualmordmärchens hergibt. Das Blatt verfolgt mit der Verbreitung derartiger Schändlichkeiten offenbar den Zweck, durch Hetzereien gegen die Juden der gegenwärtigen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Und um dieses Ziel zu erreichen, schrickt das „liberale" Blatt und schrecken seine Inspiratoren nicht davor zurück, die niedrigsten Instinkte des unwissenden Pöbels wachzurufen und eventuell ein kleines Pogrömchen anzuzetteln. Der ungarische Ministerpräsident gegen den Antisemitismus Am 15. August vormittags suchte der Sztropköer jüdische Tischler Moses T k a c s im Abgeordnetenhause den jüdischen Reichstagsabgeordneten Paul Farkas auf und brachte die folgende Klage vor: Tkacs wohnt seit dreizehn Jahren in Sztropkö, an der galizischen Grenze, wo er eine Tischlerwerkstätte hat und Steuerzahler ist. Trotzdem wurde er mit mehrern Sztropköer jüdischen Familien zusammen vom Oberstuhlrichter ausgewiesen. Während Tkacs in Budapest weilte, um gegen diesen Bescheid zu rekurrieren, wurde seine Familie über die Grenze abgeschoben, so daß er von