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Die Welt · 1911-08-25 · 34 (25.8.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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894 ÖIE^ELT Mo? iO. die Bedeutung und die Zukunft des Zionismus, nach seiner Ansicht sei die zionistische Bewegung noch nicht genügend entwickelt, als daß man ihn jetzt schon richtig abschätzen könnte. «Die zionistische Bewegung», fuhr er fort, «kann von Deutschland nur ermutigt werden, da sie seine Avantgarde im Orient sein wird. Die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina halte ich für schimärisch, und zwar aus zweifachen Gründen: Erstens sehe ich nicht, daß die Türkei auf ihre Kosten die Schaffung eines neuen Staates unterschreiben wird. Und dann wissen wir Katholiken ja sehr wohl, daß für uns die Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina mit Jerusalem als Hauptstadt und dem wiederaufgebauten Tempel nach unsern Evangelien etwas ganz Unmögliches ist.» (La Presse Associee.)" Da wären denn alle Niederträchtigkeiten wieder einmal hübsch beisammen: Denunziation an die Türkei wegen der sogenannten Selbständigkeitsgelüste und angeblicher Konspirationen mit dem Ausland und zugleich Appell an den altchristlichen Fanatismus. Aber Dr. Nordau hat recht, das zieht hier nicht mehr. Die jüdischen Blätter haben (mit selbstverständlicher Ausnahme des „Tiempo") alle mit Aufmerksamkeit und Sympathie den Kongreß verfolgt. Der Kongreß und seine Ergebnisse liegen noch zu nahe hinter uns, als daß die türkische öffentliche Meinung schon Muße gehabt hätte, zu ihm Stellung zu nehmen. Die Kommentare, positive und vielleicht auch negative, sind wohl erst zu erwarten. Schon heute sind wir aber in der Lage, auf Grund guter Informationen zu erklären, daß die Reden Wolffsohns und Nordaus sowie insbesondere das Sympathietelegramm an den Qroßwesir und die Spende von 5000 Frs. für die Abgebrannten von Stambul einen ganz ausgezeichneten Eindruck auf die maßgebenden politischen und literarischen Kreise der türkischen Hauptstadt gemacht haben. Auf die hiesigen Juden, die nach Galuth-Art gewöhnt sind, immer nach oben zu lugen, hat am nachhaltigsten die Tatsache gewirkt, daß der Großwesir dem Präsidenten des Kongresses in einem offiziellen Telegramme seinen Dank ausgesprochen hat. Der „Jeune Türe" publizierte mit Beziehung auf die Depesche von der Eröffnung des Kongresses einen Leitartikel unter der Überschrift „Pour la Turquie", der nach Besprechung der in der Rede Wolffsohns festgestellten Fortschritte der zionistischen Bewegung und nach Zitierung der wichtigsten auf die Türkei sich beziehenden Stellen folgende interessante Betrachtung anschließt: „Es gibt eine Bewegung, die im Begriff ist, eine Weltbewegung zu werden. Ein großer Teil der Judenheit nimmt an ihr teil. Diese Bewegung erzeugt einen Strom von Sympathie für uns in der ganzen Welt. Warum sollten wir aus dieser in ihrem Grundwesen ottomanophilen Bewegung nicht Nutzen ziehen? Warum sollten wir nicht das Problem der Wiederbevölkerung des Reiches mit Hilfe dieser Elemente lösen, die uns mit so viel Sympathie begegnen? Ist es nicht die Pflicht der Regierungsstellen, alle Bewegungen für und wider die Türkei zu studieren und zu verwerten? Wir könnten am Ende großen Vorteil davon ziehen, wenn wir Bewegungen solcher Art in die eigene Hand nehmen oder doch einen Teil an ihrer Leitung nehmen würden. Arbeiten wir, arbeiten wir unverzüglich in diesem Sinne, wenn uns daran liegt, uns Gegengewichte gegen so viele uns feindliche Bewegungen zu schaffen." Die „Aurore" beschäftigt sich im Leitartikel ihrer Nummer vom 15. August mit der Eröffnungsrede des Herrn Wolff söhn auf dem X. Kongreß, insbesondere mit seinen Erklärungen über das Verhältnis des Zionismus zur konstitutionellen Türkei. Der Artikel stellt fest, daß die loyale Kundgebung des Herrn Wolffsohn nicht etwa durch die Beschuldigungen veranlaßt worden sei, die unlängst in der türkischen Kammer gegen die zionistische Organisation erhoben wurden. Schon vor zwei Jahren, lange bevor der bekannte VerJteumdungsfeldzug gegen den Zionismus in Konstantinöpel eingesetzt hatte, gab der Präsident der zionistischen Organisation auf dem 9. Kongreß in Hamburg eine gleichlautende Erklärung ab, wonach die Gesetze des ottomanischen Reiches die Richtschnur für alle Unternehmungen des Zionismus bilden und* dieser in den verfassungsmäßigen Einrichtungen der Türkei die Bürgschaften der persönlichen und nationalen Sicherheit, wie sie das zionistische Programm fordert, erblicke. Aus den beiden inhaltlich genau übereinstimmenden Erklärungen gehe hervor, daß der Zionismus nach dieser Richtung hin feste, unverrückbare Grundsätze befolgt und daß seine Absichten gegenüber der Türkei von allem Anfang an durchaus loyal und einwandfrei waren. Hierbei sei zu beachten, daß die Rede des Herrn Wolffsohn keineswegs als die Meinungsäußerung eines einzelnen gelten könne. Sie ist vielmehr, wie> die einmütige Zustimmung des Kongresses beweist, eine authentische Interpretation des zionistischen Programms und brachte die innerste Überzeugung sämtlicher Kongreßdelegierten zum Ausdruck. «Es ist also die Vertretung der gesamten zionistischen Judenheit aller Länder und Erdteile, die auf dem Kongreß zu Basel ihren. unabänderlichen Entschluß Kundgetan hat, an dem Ideal der Wiederaufrichtung des Judentums unter dem Schutze der gastlichen Türkei auch fernerhin wie in der Vergangenheit festzuhalten. Eine geschlossene Organisation vieler zehntausender geistig und sittlich hochstehender jüdischer Männer, die die Elite des Judentums bilden, hat also feierlich ihr unbedingtes Vertrauen zu den politischen Einrichtungen des ottornanischen Reiches ausgesprochen und sich ruckhaltlos bereit erklärt, nicht bloß an dem Fortschritt und an der Wohlfahrt der Türkei mitzuarbeiten, sondern ihre Kräfte auch der Sicherung der Integrität des Reiches zu weihen. Wahrlich, es gibt im Auslande recht wenig Völker und Gesellschaftskreise, deren Sympathien für die Türkei so ernst und aufrichtig sind." Ein Interview mit Max Nordau Der Berichterstatter der „Times" auf dem Baseler Kongreß hatte eine Unterredung mit Max Nordau, der sich über die Fortschritte der zionistischen Bewegung wie folgt äußerte: „ ... Wir wissen, daß die jüdische Jugend mit uns ist, das heranwachsende Geschlecht, das vor zehn Jahren noch nicht wußte, welchem Meäl es im Leben nachstreben sollte. Wir betrachten dies als einen großen moralischen Sieg, dessen Bedeutung man freilich nicht leicht abschätzen kann. Wie hoch ein junger zionistischer Jude unserer Tage über einem jungen Juden aus der Zeit vor zehn Jahren steht, — dies kann man nicht in Ziffern ausdrücken; aber Tatsache ist es, daß er höher steht. Was die Anhängerzahl des Zionismus betrifft, so ist sie fortwährenden Schwankungen unterworfen. In diesem Jahre hatten wir über 82 000 Schekelzahler. Es hat nun freilich schon Jahre gegeben,, in denen 150 000 Schekel eingegangen waren, doch dies war zu einer Zeit, als die Lage der russischen Juden noch nicht so trostlos war wie jetzt. Der Rückgang in den Beiträgen der russischen Juden ist nicht allein dem Umstände zuzuschreiben, daß die 6 Millionen Juden in Rußland buchstäblich von der Hand in den Mund leben, vielmehr liegt der Grund hierfür darin, daß es den russischen Zionisten unmöglich ist, Versammlungen abzuhalten oder sich in irgendeiner Art zu organisieren. Voriges Jahr wurden den russischen Zionisten von den Behörden alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt. Diese behandelten unsere Gesinnungsgenossen wie Revolutionäre und betrachteten zionistische Versammlungen als

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