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Die Welt · 1911-08-18 · 33 (18.8.1911) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 21)
Language
German
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No. 33. DIE^ELT 877 Das naturhistorische Museum in Palästina. Voon .1. Aharoni. Tortrag, gehalten am 14. August zu Basel. Mit der Rückkehr des jüdischen Volkes zur väterlichen Scholle begann auch dessen RücMelir zur nationalen Kultur. Die hebräische Sprache lebt heute im Nniiide eines grossen Teiles der jungen Generation, der Prägerin unserer Hoffnung in der Zukunft, Das Erziehungssystem entwickelt sich im Einklang mit der Anpassung an die speziellen Erfordernisse des Landes in ungeahnter "Weise vorwärts. Und vielleicht sind auch schon Anfänge der Entarickelung einer palästinensiscli'fcii Kunst bei einigen indigenen jungen Palästinensern zu verzeichnen. Und alle Anstalten, die Jung-JTuda im Lande seiner Väter dazu getroffen und angelegt hat, trugen insgesamt den Charakter des natürlich und notwendig Bestell bilden und sind deshalb ebenso wetterfest wie das jüdische Volk selbst. Aber zugleich mit dem Fortschritt unserer Sprache und unseres Erziehungssystems wirkt noch ein anderes grosses Ideal bahnbrechend, das sich in der Parole „Rückkehr zur Natur" äussert, worunter ich ausser der Rückkehr zu dem natürlichen Leben noch die buchstäbl iche Rückkehr zur Natur und ihr-er Erkenntnis verstehe. Und bei einer Anzahl der besten Söhne unseres Volkes spezialisiert sich noch dieser Satz: als Rückkehr zu der Natur des Landes unserer Väter, der wir 2ÜG0 Jahre gegen unsern Willen ent rissen waren und drückt somit ein ganz bestimmtes, genau begrenztes Ziel aus. An den Fingern einen1 Hand sind die Leute herzuzählen, die dieses Ideal in volle Wirklichkeit umzusetzen bestrebt sin«l und gewisse Vorbereitungen dazu getroffen haben, die Erkenntnis unserer Natur zum Gemeingut des Volkes zu machen. Und der Zukunft ]»leibt es vorbehalten, zu ifeigen, dass dieses Beginnen vollkommen zeit- und naturgemäss ist, Zugleich damit festigt sich auch die Ueberzeugung, das snun die Zeit gekommen sei, wo wir selbst Hand ans Werk legen müssen, wo wir aufhöre» sollen, unter fremder Vormund s-cbaft stehende Mündel zu sein, und dass wir bei gutem Willen imstande sind, die Natur des Landes selbst zu erforschen. Von dliesem Standpunkte aus entstand das jüdische N atu r historisc h e Museum in Jerusalem, und zwar im allerletzten, dringen listen, aber noch nicht ganz verlorenen Momente. Wir können den Strömt der Zeit nicht aufhalten, die Zunahme der menschlichen Absiedlungen bedingt notwendigerweise die Ahnahme der Tierwelt. So ist es überall und auch in Palästina. Nun steht aber die Ausiottung unserer Tierwelt in gar lc&iuem Verhältnis zur menschlichen Besiedlung des Landes, weil die Bevölkerung weder durch Gos^tze noch durch Aufklärung angeMlten wird, dieselbe zu schützen, Ein drastisches ßeispie;! haben wir in der völligen Ausrottung unseres Karmel-Rehes. eines herrlichen Tieres, das schon im Hohen Lied besungen wird und noch vor ein paar Jahren im hunderten von Exemplaren das ewig-grüne Knieholz des Itornelgebirges belebte. Nun haWn die deutschen Kolonisten in Hai fa den Bestand so gelichtet, dass ich über einen Monat vergebens; nach einem einzigen Exemplare für unser Museum suchte. Ein Metzger soll in einem Jahre über hundert dieser herrlichen Wesen wie gewöhnliche Kämmet zuriu Essen verkauft haben. — Und las ist ganz selbstverständlich: (iLe Deutschen haben genug daran, die Natur Deutschlands zu schützen, Palästinas Natur aber haben die Juden zu wahren! In allen Landesmuseen der zivilisierten Länder hat man lieute wenigstens einen Ueberblic lc über die Tiere, welche die betretenden Länder vor X Jahren bwölkert haben, während wir heute Gefahr laufen, dass nach wenigen Generationen die schönsten spezifisch palästinensischen Lebewesen von Palästina iind somit vom ganzen Erdenrunde verschwinden, ohne dass wir auch nur das Andenken an sie festhalten können. Und das wäre doch wenigstens vom rein-kulturellen Standpunkte aus sehr zu bedauern, denn darin stimmen alle Gelehrten überein, dass unsere Tnuna eine der allerinteressantesten ist. Tatsächlich hat kein Lan«L gleicher Grösse soviel spezifische, nur ihm allein eigentümliche:Tiere aufzuweisen, wie gerade T.iüästina, wo alle Lebewesen die mannigfaltigsten ihnen zusagendem Bedingungen vorfinden. Darunter befindet sich auch ein sogenanntes fabelhaftes Tier, das die geturnte wissenschaftliche Welt in Iiöchstes. Staunen versetzen würde, aber zuerst muss ich der Welt; den greifbaren Beweis seiner Ed Stenz liefern. Die Existenz eines Strausses. Nun müssen wir zu dieser Angelegenheit Stellung nehmen als Juden, als Volk des Buches der Bücher. Von altersher hat die biblische Naturgeschichte alle kultivierten Völker interessiert. Das erhellt aus den zahlreichen alten und neuen Werken, die über diesen Gegenstand geschrieben worden sind. Dass deren Verfasser immer auf falschen Spuren wandeln, ist nur allzubegreiflich, weil es absurd im höchstem Masse ist, sich an die Deutung der biblischen Titmannen heranzuwagen, ohne die genaue Kenntnis der Fauna Palästinas und der hebräischen und arabischen Sprache. Aber diese Autoren2*3igten doch wenigstens den guten Willen zum edlen Werke, während wir, deren schönstes Gut aus der Blütezeit unseres Volkes dock clie Bibel ist, uns absolut nicht bemühen, das Andenken an die Vertreter einer der wichtigsten Abteilungen darin zu erhalten. Wie bedauerte es ein protestantischer Professor des ainerikaniscfcum Colleges in Beirut, als ich ihm vom totalen Verschwinden des Karmel-Rehes, dieses prachtvollen biblischen Tieres erzählte. . . , Wahrlich uns ziemte es, die noch überlebenden Zeugen unserer rn Iimvollen Vergangenheit etwas mehr zu würdigen, als die Protestanten! Nur eine Erklärung gibt es für diese ftn sich so merkwürdige Tatsache: dass uns während des zweitausend jährigen Fernbleibens vom väterlichen Boden dessen erhabene lc l>ende Natur entfremdet wurde. Aber bei unserer gegenwärtigen Rüc Ickehr zu unserem alten Kulturlande müssen wir darein unsere Elire setzen, auch unser Scherllein zur gründlicheren Erforschung «itr Bibel beizutragen, und sei die Aufgabe noch so kompliziert. A ls grösste Unehre aber müsste es uns fortan gelten, uns auch in der Erforschung der Naturgeschichte unserer Bibel von andern Nationen gängeln zu lassen. Ferner, man spricht heute so viel üker die Abfassung hebräischer Lehrbücher für unsere Dorfuiaü Mittelschulen in Palästina, ein Bedürfnis, das täglich immer stürmischer an unsere Lehrer herantritt. Nun frage ich: ist es möglich, naturgeschichtliche Bücher, wie Zoologie, Mineralogie und dergleichen ohne Nomenklatur zu schallen, und ist eine abstrakte Nomenklatur, wie sie leider bisher bei uns üblich war, oli ne Kenntnis der damit wirklich zu bezeichnenden Objekte, zu billigen? Mir scheint es eine der wichtigsten Ursachen zu sein, weshalb vir noch innner keine guten hebräischen Lehrbücher für Naturgeschichte haben. Denn abgesehen von der Kenntnis unserer Naturdie den meisten Lehrern abgeht, würde es ein jeder Lehrer als gegen sein Gewissen erachten, lateinische Namen für in der Bibe l und der postbiblischen Literatur ganz bestimmt vorhandene lieliioische Namen zu gebrauchen. So existieren zum Beispiel Tiere und existieren auch Namen für sie, nur weiss man nicht, welche Nunen für welche Tiere passen. Diesem Uebelstand aber kann ein Museum, dessen Objekte ausser den lateinischen noch arabische und hebräische Namen tragen, viel abhelfen. Aber wo sollen die Lehrer die Vorbilder für ihren naturgeschichtlichen Unterricht sehen, um das Sclhsterlernte auch ihre Schüler zu lehren, wenn die paar hier existierenden christlichen Sammlungen den Juden direkt abgesperrt sind, weil deren Begründer nur allzu guten Grund dazu haben, den Juden keinen Einblick in ihre sonstigen Handlungen zu gewähren. Und so ist es denn Tatsache, dass unser Volk in Palästina aller Belehrung und allen Genusses, die ein Museum seinen Besuchern bietet, gänzlich entbehren muss. Der nicht zu ermessende praktische W7ert eines Museums wird wohl auch jedem einleuchten. Keinem gebildeten Agronomen fällt es heute ein, in seiner Tätigkeit m reüssieren, ohne die Schädlinge der seiner Obhut anvertrauten Bilanzen genau zu kennen. Und einen mehr oder weniger vollständige» Ueherblick über derartige Schädlinge und ihre Feinde, wie Schmetterlinge und Ichneumoniden, in allen ihren Entwicklungsstadiwi, kann doch nur eine wohlgeordnete Sammlung derselben bieten, Und Palästina hat unter vielen andern spezifischen Insekten noch eine ganze Reihe nur ihm allein eigentümlicher Schädlinge von Kulturpflanzen aus allen Klassen der Kerbtiere, die kein anderes Land besitzt und Jässt sich deren Kenntnis nicht aus europäischen Lehrbüchern, sondern nur aus direkter Anschauung dieser Kerfe mit ihren Raupen, Maden, Gehäusen und Frassstücken entnehmen. Und wie viel Parasiten haben hier viele Bäume und andere Nutzp Itanzen, von deren Existenz weder die Kolonisten,* noch vielleicht die ganze wissenschaftliche Welt irgend eine Idee haben und demnach für deren Beseitigung gar keine Sorge tragen. Nun mochte ich noch kurz erzählen,, was schon bisher für unser Naturhistorisches Museum in Jerusalem geleistet worden ist. Nur muss ich etwas vorausschicken. Dass die Schaffung eines Naturhistoriisehen Museums in Palästina, eines Museums, das seines Namens würdig ist, nicht gerade zu den leichtesten Dingen gehört, beweist uns die Tatsache, dass bei all dem Rieseninteresse, das alle in Palästina wirkenden Nationen für die Natur desselben haben, noch fciune einzige von ihnen, ein solches angelegt hat, obgleich sowoliL Franzosen als auch

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