Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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No. 33 DI EHIELT 871 Dr. Tschlenow: (mit Beifall begrüsst): Geeluter Kongress! Unser Meister Dr. Nordau hat in seiner Rede am ersten Tage des Kongresses uns erklärt, dass, obwohl wir jetzt einen Jubelkongress haben, wir doch sehr wenig Veranlassung zum Jubilieren haben. Und er hat vollkommen recht, ¥ & an wir von der Lage unseres Volkes reden. Wenn wir al«er unsere Bewegung im Laufe dieser kurzen Periode vom ersten Kongress bis zu diesem Jubelkongress betrachten, so können wir sagen: Wohl nicht mit Jubel, so doch mit Befriedigung können wir dem Vergangenen folgen. Hier auf diesem Bild — Dr. Tschlenow weist auf das Bild Herzls ander Wand zu Häupten der Estrade — sehen Sie unsern Führer, als er um zum Zusammenschluss unserer Kräfte zusammenberufen hat., um gemeinsam ein Ende dem Elend des jüdischen Volkes im machen. Mit Prophetenblick übersieht er den Weg, der vom der Diaspora bis zur Heimat führt, und mit prophetischem -luge sieht er alles das, was auf dem noch wüsten Lande in kurzer Zeit wieder blühen wird. Aber wie viele waren damals vor 14 Jahren, die ihm gefolgt sind, die das verstanden habem, was er mit seinem Prophetenauge dort klar gesehen hat! Das war ein kleines Häuflein, und wir haben in unserem Httimatlande noch ganz kleine Anfänge. Wenn wir nun das beitrachten, was für eine starke und kräftige und einige Organisation wir jetzt haben, und wenn wir das ins Auge nehmen, was in unserem Lande in dieser kurzen Periode schon entstanden ist-, so wiederhole ich: Wenn nicht mite Jubel, so können wir wenigstens mit Befriedigung sagen: . Das jüdische Volk hat diese IL Jahre nicht umsonst gelebt, und die zionistische Organisation hat in diesen 14 Jahren dem jüdischen Volke einen ernster Dienst geleistet. Aber, geehrter Kongress, für uns gibt es nocHi ein Zeichen, das uns nicht nur zur Befriedigung, sondern au&li zum Jubel Veranlassung gibt. Das ist dasjenige, meine sehr .g-eehrten Damen und Herren, das wir jetzt in diesem Augenblick alle einsehen. (Zustimmung). In dieser kurzen Periode, in diesen 14 Jahren hat unsere Organisation an Stärke zugenommien. Ich will Sie an die Ugandazeit erinnern. In diesem Saal« war es, von dieser Tribüne bin ich nach den historischen Worten weggegangen und eine ganze Schaar von Delegierten ist mit mir zusammen hinausgegangen, und wir wussten nicht, ob wir zurückkehren würden; und ein Riss ist in unseren Reihen eitstanden, den wir nicht wieder vereinigen konnten. Da ist der siebente Kongress gekommen: Da haben wir uns wieder vereinigt und sind noch stärker als früher auf diese Tribüne gekommen. Und nachher war es wieder so, geehrte Damen und Herreni; wieder ist ein Riss in unsere Reihen gekommen und es hatem sich zwei gegh-erische IVager gebildet. Die einen haben als Frinzip aufgestellt: Konzentration der Macht in einer oder in wenigen Händen, und Konzentration des zionistischen Programms atiif einen oder auf wenige Punkte, hauptsächlich auf politische und agitatorische; der zweite Teil hat als Losung ausgegeben: Synthese der Kräfte, Synthesierung der besten Kräfte zur Leitung «der Macht und zur Verkörperung der Organisation, und Synth esLerung der verschiedenen Strömungen des auflebenden jüdisdien Volkes zu einer allgemeinen. Das waren die programmatischen und organisatorischen Differenzen, die in unseren Reihe n einen Riss gemacht und zwei feindliche-Xager gebildet haben. Wir können es mit Genugtuung konstatieren; Wir habeii uns in beiden Lagern bemüht, objektiv zu sein, einander zu schonen. Aber mit weissen Handschuhen geht man nicht in den Kampf; es ist nicht möglich, immer die Schonung und Objektivität zu bewahren — und ich glaube, ich brauche nicht zu erinnern an den traurigen Moment, wo wir uns in Hamburg verabschiedeten. Wir sind auseinander gegangen und wir wussten niaht, wann werden wir wieder zu einer einheitlichen Partei Zusammensein? Und nach Hamburg ist es wieder besser gekommem, Und wenn ich jetzt das alles, was hier im Laufe dieser Tage, insbesondere im Laufender letzten Augenblicke, die wir durchgemacht haben, geschem ist, wenn ich das alles überblicke, so denke ich, haben wir das Recht zu sagen, dass die Idee, die Ergebenheit in unsereZiele stärker ist als alles andere in unseren Reihen (lebhafter Beifall), dass auch diese Risse, diese gegnerischen Strömungen uns nicht gefährlich sind, solange wir alle unserem Ideal, unserem Volke und unserem Lande ergeben sind, alle oli ne Unterschied (Beifall). Und ich denke, geehrter Kongress.,- viele von Ihnen, Sie alle sind jetzt von der Angst befreit, die wir alle in Hamburg hatten; ich denke, Sie sind alle sicher, dass wir von hier als eine geeinigte, brüderliche Organisation zurückkehren (lebhafter Beifall), und geehrter Kongress, ich hoffe, auf diesem Pfade wird uns unser verehrter DOavi'd Wolffsohn wie auch in vielem anderen ein Beispiel geben. (Beifall). Nicht mit Rosen war der Weg bestreut, auf dem David Wolffsohn an der Spitze unserer Organisation gearbeitet hat. Wicht wenig Verbitterung hat er im Laufe dieser letzten Jahre empfinden müssen; nicht nur diejenigen Sorgen, die in unserer Bewegung unter solch komplizierten und schwierigen Tcrhältnissen den verantwortlichen Vertreter belasten. Aber ich denke, ja, ich bin überzeugt, dass. dieser Kampf, den er in den besten Absichten, in der treuesten Ergebenheit für das führte, was ihm das wichtigste für unscire Bewegung schien,, und diese Verbitterung in ihm nunmelir geschwunden siiMl . Als Herr David Wolffsohn zur Uebeizeugung kam, dass eim Aenderung geschaffen werden müsse, ^rar er in Berlin den1 erste und der eifrigste, der zu diesen Friedensbeschlüssen beigetragen hat. (Lebhafter Beifall.) Und erst auf diesem Kongresse, am zweiten Tage hat uns Herr Wolffsosn Work gesagt, die mir stets in Erinnerung bleiJxen werden: Ob auf der höchsten Spitze oder als einer in den Reihen, — er wird »ebenso der Sache ergeben sein und ebenso für unser heiliges Ideal wirken. (Beifall.) Ich bin uberzeugt, diese Woirte werden auch Taten sein und nicht nur Herr Wolffsohn, sondern alle, die hier sind, sind jetzt durchdrungen won dieser Strömung, die unsere Bewegung weiter und weiter bringt Darum denke ich, dass wir micht nur einen Jul^lkongress, sondern einen Friedenskongress haben- (Beifall). Und, meine geehrten Damen und Herren, wir haben hier wieder eine neue Leitung. Audi ihr Weg wird nicht mit Rosen belegt sein; denn der zionistischen Organisation, dieser Sache zu dienen, wird ja keine leichte Aufgabe sein. Aber ich bin überzeugt, dass, wenn es auch in unseren Reihen maraclae gegeben hat, die vielleicht mit schwerem Herzen, aber doch dem Bedürfnis unserer Organisation Rechnung tragend, die Hand für diese neue Leitung erhoben haben, in kurzer Zeit auch sie volle 1 ufriedenheit und volles Vertrauen zur neuen Leitung haben werden. Denn icli hoffe, sie wird durch ihre Ergel) Laheit und durch ihre ernste Arbeit dieses Vertrauen von allen von uns gewinnen. Und nun, meine Herren, in diesem iMoment, wo ¥.ir von diesem Friedenskongress wieder scheiden, in diesem friedliclwn Moment, wo der Geist des Stifters des Zionismus hier in diesem Saale schwebt, wende ich mich an Emen alle mit meinem lierzlichsten Wunsch. Wir sind zwar noch lücht das ganze jüdische Volk, wir sind aber der Teil des Volkes, der zum Aufleben strebt Wir sind jetzt von inneren Reibungen uikI Kämpfen frei. Wir vollen jetzt unsere ganzen Kräfte dem Dienst unserer Sache widmen und wir wollen von hier, jeder in seine Stadt, jeder in sein-e Umgebung zu den verschiedenen Schichten unseres Volkes gehem und wollen sie zum Anschluss an unsere Arbeit und in unsere Reihen rufen. Wie in den Zeiten unserer Makkabäer wollen wir i Ii neu sagen: „Wer für Gott, der komme zu ans!" (Stürmischer Beitfail). M. Ussischkin (mit lebhaftem Reifall begrüsst) spricht hebräisch: Linen ich will einige Worte vor dem Abschied sagen. Der Held dieses Kongresses ist David Wolffsohn (Stürmische Beifallskundgebungen). Nicht deshalb, weil man ihm Ovationem brachte, sondern weil er seinen Willen beherrschte. Ein Held ist, wer sich selbst -überwindet. Wolffsohn hat im Interesse der Sache auf die LeituiLg: und seine bevorzugte Stellung verzichtet. Hätte er es gewünscht,, so wäre er jetzt noch Präsident. (Stürmischer Beifall.) Erschuf bei uns zuerst den Typus des gewesenen Präsidenten. Und ich, üiner seiner ersten Gegner, werde ihm zurufen: Gut so! Dieneue Leitung muss die Verantwortung tragen, die Delegierten dürrfen sich mit dem Frieden allein nicht begnügen, sondern müssen iibeit leisten. (Lebhafter Beifall.) Wolffsohn wird, als er, für die Ovationen dankend, sich von seinem Platze erhebt, stürmisch zugejubelt. Julius Simon spricht dem Präsidium des Kon gresses seinen Dank aus. Dank noch einmal Nordau, dass ersieh an die Spitze des Kongresses gesteilt hat, Dank unserm Boden heim er (Stürmiselier Beifall), Marmorek (Lebhafter Beifall), der heute Proben seiner Fähigkeiten gegeben und jeden von uns, der nicht stillsitzt, mit seinem Hammer festnageln möchte, Dan Je seinem Gegenstück, dem milden Tschlenow, und Ussischkin, dem die bedeutsame Aufgabe und hohe Ehre zufiel, die erste Verhandlung auf dem Kongress in hebräischer Sprache durchzuführen (Stürmischer Beifa.ll); es war ein verheissungsvoller Anfang umd an uns wird es liegen, die