Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 33 (18.8.1911)
- Date
- 1911-08-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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wiss, in der ersten Zeit des Zionismus hatte man grosse Sorgen und wenig Müsse, sich um die Frauen zu kümmern; man suchte nicht den Weg zu der Frauen Herzen. Aber mitbestimmend war damals auch der Umstand-, dass man glaubte, auf dem kürzesten, dem politischen We^e Grosses zu erreichen. Lächeln Sie nicht, es hätte auch so kommen können, und Sie wären dann die ersten, die das vorausgesehen hätten. Wären die schönen Erfolge eingetreten, die Frauen wären mitgegangen. Aber die Siege, die der Zionismus feierte, wiu-en nicht romantisch, die auf den ersten Blick anerkannt und erfasst werden. Aber eins hat der Zionismus versäumt. Wenn wir Frauen,,was jalselten vorkommt, auch wirklich dasselbe denken wie der Mann, so denken wir es doch nach anderen Modalitäten. Von wenig löblichen — oder unlöblichen — Ausnahmen abgesehen, müssen wir zugeben, dass selbst der klarste und fassbarste Gedanke, den wir klar ergriffen haben, noch lange nicht unser eigener Gedanken ist, bis er durch den Schmelztiegel des Gefühls gegangen ist. Was hat da der Zionismus getan? Herzl sagte : was könnten die Frauen für den Zionismus sein — fast alles! Was sind sie? — fast nichts! Der Zionismus hätte alles tun mimen, um sich zu versichern, dass er seine Rechnung nicht ohne — die Wirtin machte. Er hätte sich sagen müssen, dass die Frauen, die schon im Zionismus sind, wieder zu einer lebendigen Werbekraft werden, nach aussen und nach innen: der Zionismiis hat es nicht getan. Wir gehen einen schwierigen und dornig« 11 Weg; aber gerade darum muss man dafür sorgen, dass der Grrundsteia des Judentums, die Familie, unangetastet bleibt. Was haben die zionistisch^ Männer, die unsere Informatoren sein sollten, getan, dass wir mittun? Nicht weil unsere Pflichten nicht genau umschrieben waren, sondern weil wir sie nicht gekannt haben, haben triff sie nicht erfüllt. Was sind denn die Pflichten der Frauen um unsere nationale Bewegung? Sind das spezielle Pflichten, oder können wir unser bestes geben, auch wenn wir einfach mit den NCännern zusammen arbeiten? Es ist gewiss symbolisch, dass dei Mann laut Kidusch macht und die Frau leise ihr Amen dazu sagt; aber sie hat doch den sabbatlichen Tisch herzurichten, vielleicht selbst mit verdient —- da kann der Mann sechsmal Kidlisch machen, sie sind Jauze. (Heiterkeit.) Aber wie soll «die Frau den sabbatlichen Tisch hermchten, wenn kein Sabbat mehr ist? (Beifall.) Ja, das ist aber unsere eigene Schuld, wenn, wir keinen Sabbat mehr haben. Herzl hat gesagt: der Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum, vor der Rückkehr ins Juelenland. (Beifall.) Die Rückkehr zum Judentum ist uns streng geboten. An die Rückkehr der 11 Millionen Juden zum Jude iland ist in absehbarer Zeit nicht zu denken, deshalb ist es von grundlegender Bedeutung, dass die Frau sich ihrer I3flicht Iwnvusst ist. Dass wir ein gutes Stück Wegs mit Ihnen zusammen gehen können, wissen wir und wir sind es gegangen. Aber es ist ein grosser Unterschied, ob man in einer Familie Mutter »der Tante ist. Die Tante ist da, um das Kind zu verwöhnen, udi sich lieb Kind zu machen, und die Mutter hat die grosse Verantwortung' Darum "ist die Mutter viel strenger als die Tante. Wir Frauen haben im Zionismus bis jetzt eine Art Tantenstellung gehabt. Wir haben bei den Veranstaltungen das Süsse gegeben. (Heiterkeit.) Aber da es nicht immer Sabbat und Feiertag bei uns ist, da zu den heiteren Festen die sehr sauren Woche m kommen, muss man auch etwas anderes kochen als Zimmes. ^Heiterkeit.) Sonst kann man die Pflichten nicht erfüllen. Wir Frauen hätten vor allem dafür sorgen müssen, dass die Vertiefung des nationalen Gedankens durch uns in die Welt kommt. Es ist eine beschämende Stellung, wenn Sie bedenken, dass wir n*c3i 14 Jahren zionistischer Arbeit heute mit der Schicksalsfrage an das jüdische Weib herantreten müssen : gehörst du zu uns oder gehörst du zu unseren Feinden? (Zustimmung.) Denn einen Mittelweg gibt es nicht, oder wird es bald nicht mehr geben. ^lUbhafter Beifall.) Entweder die Frau wird ihr Haus zu einem jüdischen machen, oder sie wird es, absichtlich oder nicht, uajiidisch machen. ((Beifall.) Entweder die Frau wird ihre KincUr zu vollen Juden machen, oder sie werden über kurz oder lang zu Mchtjuden werden. (Beifall.) Da, wo alles gegen uns wirkt; Staat, Gesellschaft, Schule, da sollen wir denken, es wird stille stehen, und sollen uns nicht wehren? Was wird aus unseren Kindern, selbst aus unseren zionistischen Kindern? Die iliindrücke, die ein zartes Kind aufnimmt, sind später nicht durcli zionistische Versammlungen ersetzbar. Und, meine Damen, eine andere Frage : fühlen Sie nicht, dass Sie ein Verbrechen beg&ken an dem Heiligsten, was wir haben, an dem wehrlosen Kind, wenn Sie ihm sein eigenstes vorenthalten, sein Recht auf alle nationalen Güter, sein Recht auf die jüdische Poesie, auf die jüdische Sprache? — selbstverständlich verstehe ich unter „pclisch" :hebräisch. (Lebhafter Beifall.) Glauben Sie, dass Ihre Männer ganze Arbeit macli-en können ohii.esuns? Wenn wir das zionistische. Bekenntnis abgeben und an unserer Lebensführung nichts ändern, wenn das jüdische Ha u« so aussieht, wie das Assimilantenhaus, wenn unsere Kinder grnnau dieselbe Erziehung bekommen wie die Assimilantenkind er (Beifall), ausser dass wir ihnen zweimal im Jahr ein zionistisches Fest bereiten — können Sie es den Aussensteheiiden verdenkf-n, wenn sie s^gen, dass es uns nicht ernst ist? Wenn wir von der Frauenfrage sprechen, haben unsero Männer unl Brüder ein gewisses Lächeln zur Verfügung, das hall) spöttisch, halb nachsichtig ist. Bedenken sie nicht, dass die Nicht- Zionisten dasselbe Lächeln haben, wenn wir von der Gesamtarleit des Zionismus sprechen? Wir können ein schönes Judentum einrichten im Hause. Und überall müssten jüdische Schönheitsblumen bliilen und duften, dass man vor der Schwelle scliou fühlt: hier ist ein jüdisches Haus! Sie wissen gar nicht, weide Wirkung ei tu solches Haus auf einen ganzen Kreis hat. (Tewins, es gibt Leute, die dazu lächeln; machen wir doch, dass wir Miletzt lachen, Es gilt nicht nur mit Gedanken zu arbeiten, sondcm mit dem lebendigen Leben, und das ist das Alltägliche, das A 1Estündliche. Oharity begins at hörne! Fangen wir mit der Erziehungsarbeit bei uns an; machen wir unser Kiddusch — Sie werden sehen, wie gut es schmeckt! (Beifall.) Da sagen Sie: Euch fehlt ja das Geld,, die Riesensumme! Für unsere Frauensache brauchen wir keine Biesensummen; was wir brauchen ist Herz und Verstand, Ausdauer und "Wille, was wir brauchen, ist Gemüt und Verständnis. Wollen Sie uns diese Eigenschaften absprechen, dann möchte ich dabei sern., wenn ihre Frauen mit Ihnen abrechnen. (Heiterkeit.) Unter unseren Brüdern und Männern gibt es auch einige, die sagen: die fem soll arbeiten, gewiss, aber meine Frau lassen S»i« aus dem Spwel, die eignet sich dazu nicht! Mit welchem Redl wollen Sie der nationalen Sache die Hälfte von Ihnen, man stug-t sogar die bessere, vorenthalten? Und wenn es der Frau erst klar geworden ist, auszuweichen Motiven heraus der Mann seine Fiau verschonen will mit zionistischer Arbeit, dann wird sie sich schönstens bedanken; sie wird sagen: dein Wunsch ist mir Gebot, aber gebieten lasse ich mir nichts! (Heiterkeit.) Ich hoFfc, dass die Frauen umkehren und sich ernstlich ik Frage vorleg-en werden: wie weit können wir die Pflichten erfüllen, wie -^eit haben wir sie ertüllt? Und Sie können es — es ist nicht unbescheiden. Was kömnen wir? und hier komme ich zu einem Teile meines Programms: 1. Dass man aus jedem zionistischen Haus ein jüdisches Haus macht, nichit durch. Gewissenszwang; aber es gibt eine so ungeheure Masse -von jüdischer Schönheit, Poesie, jüdischer geschichtlicher Erinnerungen, dass Sie damit lange Zeit wirtschaften können und noch einen Sparpfennig haben. Sie sagen, man muss dazu die jüdische Sprache können. Eben darum: es ist beschämend, wenn wir auf einesm Zionistenkongress, ich will nicht saaren, nicht alio hebräisch sprechen können, aber class wir nicht hebräisch verstehem. Wenn die Frauen hebräisch könnten, so würde der Mann es lernen, und ivenn das jüdische Buch, das jülische Blatt zum Familienbuch, zum Familienblatt geworden ist, dann haben Sie ja ein Stück Judentum im Hause. Dann ein zweiter Punkt des Programms. Herzl hat die Parole ausgegeben: geht und erobert die Gemeinden! Gegangen sind wir ja, erobert haben wir noch nicht alles. Hier haben vir ein Stück Airfoeit zu tun, das uns die Henen nicht abnehmen können; deux gar manches, was den Herren nicht zugänglich i»t1 wird uns leicht, fast selbstverständlich. Napoleon wollte das Woirt „unmöglich41 aus dem französischen Wortschatz ausmerzen; vir Frauen halen es gar nichf in unseren Wortschatz aufgenommen!. Nicht bescheren, nicht nur privatim sollen Sie auftreten in den Frauenvereimesn; und überall eintreten und die Zügel aus schlaffen Händen in laasere nehmen. Ich glaube an de:n Enderlolg des Zionismus, wie ich an das Leben glaube — aber nur wenn wir Frauen mittcia. Es ist die höchste Zeit, dass wir anfangen, das Rettungswerk zu vollbringen. Die Referentin schliesst mit der Unterbreitung eines von der Frauenkonferenz gestellten Antrags. Nicht einverstanden ist die Referentin nrit der in dem Antrag enthaltenen Forderung auc~li einer materiellen Unterstützung. Der Antrag lautet mit einer vo-ii der Referent im akzeptierten redaktionellen Aenderung: „I>er Kongress hält die Zusammenfassung der zionistischen Frauen vereine und die Errichtung einer offizielle jl Zentralstelle für Frauenarbeit für dringend wünschenswert.."- Die Referentin schliesst: Der nächste Kongress wird hoffentlich eine Refierentin finden, die mit stolzem Bewusstsein von einer geleisteten JLrbeit wird berichten können. Mögen die Anfänge