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Die Welt · 1911-08-18 · 33 (18.8.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
33 (18.8.1911)
Date
1911-08-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Hier können wir die Frage nicht entscheiden, überlassen Sie es den Landesföderationen das zu regulieren, und drängen Sie uns nicht etwas auf, was nicht unserer Ueberzeugung entspricht. (Beifall.) Dort in Erez Israel ist es eine andere Frage, dort kann es Umgangssprache sein. (Beifall.) Konzentriert Eure Tätigkeit auf Erez Israel, konzentriert sie dorthin, wo die Präge entschieden ist; bringt aber keine Kultur fragen in die Politik! Vertieft den Zionismus 1 Macht ihn wissenschaftlich! Macht Forschungen, macht Statistiken, nehmt heraus die Wissenschaft aus der Assimilation, die das Judentum verdorben hat! Schaffen Sie klares Material — dann wird der Zionismus gewiss davon profitieren. Da könnt Ihr kulturelle Entwicklung treiben im Grossen. Aber beschränkt Euch darauf! Und noch eins : wir brauchen die jüdische nationale Jugend. Sorgt dafür, dass jüdische Gelehrsamkeit und jüdischer Geist aufwächst. Schafft Stipendien für jüdische Wissenschaft, dem werden wir mit ganzem Herzen zustimmen. Gewiss könnt Ihr uns majorisieren. Gewiss könnt Ihr Eure Resolution fassen. Ihr seid hier in der Majorität, aber die Majorität der jüdischen Masse seid Ihr nicht. Wollt Ihr, dass die zionistische Organisation die breite Masse des Volkes umfassen soll, dann gebraucht Mittel, die es den anderen möglich machen, mit Euch zu arbeiten. Ich richte an Euch den Appell: gebraucht nicht Gewalt, nicht Eure zufällige Majorität; das ist schädlich für die zionistische Organisation. Ich glaube, das ist die Rache für Czernovitz. (Unruhe.) Vorsitzender Ussischkin : Erinnern Sie nicht an Czernowitz; das ist nicht Sache des Kongresses. C h a s a n o w i t s c h : W^ir beantragen folgende Resolution : Der Kongress erklärt, dass die kulturelle Tätigkeit in den Ländern des Golufch eine autonome Angelegenheit der Föderationen und Landesorganisationen ist, und überlässt es denselben, ihr Verhältnis zu den verschiedenen Organisationen zu regeln. (Zuruf: dasselbe will der Misrachi!) Gewiss, genau so wie die Misrachi-Resolution. Es tut mir ja leid, dass wir mit den Misrachi zusammen stimmen sollen. (Heiterkeit.) Die Antisemiten wünschen ja auch, dass wir nach Zion gehen und wir stimmen also mit ihnen überein. (Grosse Unruhe bei den Misrachisten. Rufe : Beleidigung 1) Vorsitzender Ussischkin : Er hat ja nur ein drastisches Beispiel geben wollen. Chasano witsch : Ich habe die grösste Hochachtung vor den Misrachisten, wenn sie die jüdische Kultur fördern oder auf dem nationalen kongress arbeiten. Noch mehr : meine Ueberzeugung ist : unter den orthodoxen Gesinnungsgenossen sind manchmal mehr nationale ^Elemente als unter den Juden, die sich national nennen. i(Beifall.) Das beweist, alle Wege gehen zusammen zur Regeneration, das beweist, dass die Lebensmöglichkeiten der Organisationen berücksichtigt werden müssen und man nicht die eine Organisation verletzen und zurückstossen darf. Soweit die (hebräische Kultur innere Wahrheit hat, wird sie auf anderem Wege als durch Zwang zu ihrem Ziele kommen. (Beifall und Zischen.) Vorsitzender Ussischkin verliest folgende mit 78 Unterschriften versehene Erklärung, die soeben eingegangen ist. Sie lautet : Wir unterzeichnete Delegierten protestieren entschieden dagegen, dass alle Drucksachen, die hier verteilt werden, der Bericht und andere, nur in deutscher Sprache verteilt werden und nicht in hebräischer Sprache. (Lebhafter Beifall.) Feldstein gibt die Erklärung ab, dass er diese Sitzung des Kongresses, die zum erstenmal ganz in hebräischer Sprache vom Präsidium geleitet worden sei, in das Goldene Buch des JST. F. eintrage. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender Ussischkin : Wir müssen zur Abstimmung kommen. Vier Generalredner haben gesprochen. Es sind verschiedene Anträge gestellt, jeder beantragt, seinen Vorschlag voranzustellen. Dazu müssten wir eine besondere Sitzung haben und hierzu fehlt uns die Zeit. Deshalb schlage ich vor, eine Kommission zu wählen, der die Referenten angehören, die vier General redner und alle'Antragsteller. Vielleicht wird diese Kommission uns morgen eine gemeinsame Vorlage machen können. Ausserdem ist verlängt worden, dass noch ein Redner über Palästina das Wort nehmen soll: vorgeschlagen wird dafür Rabbiner Reines und Rabinowitsch. Wir haben sehr wenig Zeit und die brennendste Frage ist noch nicht gelöst. Das muss man alles in Betracht ziehen. Ich beantrage, nur noch Sokolow das Sehl usswort zu geben; die Kommission soll dann noch heute Abend tagen und morgen uns Vorschläge machen. Dr. Seh mar ja Lewin übersetzt. Der Vorschlag des Vorsitzenden wird angenommen. Sokolow verzichtet auf das Schlusswort. Da eine Kommission eingesetzt ist, so hätte ein Schi uss wort jetzt keinen Zweck. Wir werden in der Kommission berichten. Sehl uss der Sitzung 9y4 Uhr. Fünfter Tag. Neunte Sitzung. Montag, den 14. August, Vormittags 10 Uhr. Vorsitzender Dr. Bo den he im er" eröffnet die Sitzung um IOV4 Uhr und erteilt dem Sekretär Dr. Hosenblüth das Wort zu geschäftlichen Mitteilungen. Der Sekretär verliest zahlreiche telegraphische Begrüssungen, von denen besonders die aus Prossnitz in grosser Zahl eingelaufenen mit lebhaftem Beifall aufgenommen werden. Vorsitzender Dr. Bo de'n heim er : Das Wort hat Frl. Professor Mirjam Schach zur Erstattung ihres Referates über die zionistische Frauenarbeit. Referentin Frl. Schach: Mir ist eine sehr ehrenvolle., aber bedenkliche Aufgabe erteilt worden, und ich bitte Sie um Ibachsicht. Ein Bericht über zionistische Frauenarbeit müsste sachgemäss an das Bestehende anknüpfen, ein Bild von dem entwerfen, was bereits geschaffen ist und nach Beleuchtung der Mängel und Vorzüge zum Ausbau übergehen. Leider muss dieser Teil des Vortrags ausfallen. Erstens ist von den Frauen bisher sehr wenig geleistet worden, und. was geschehen ist, ist unübersichtlich und zersplittert. Weshalb ist so wenig geschehen, auch wenig im Verhältnis zu unserer Zahl? An dem Zionismus lag es nicht, denn der vereinigt alle Bedingungen, ein gesundes, edles Frauengemüt bis in die tiefsten Tiefen zu ergreifen und gefangen zu halten. Auch an den Führern des nationalen Ideals lag es nicht, Herzl und seine Freunde haben uns weder vergessen noch verkannt. Man hat uns nicht die Arbeit zumuten wollen. Man hat gesagt, unsere Frauen haben von jeher im Judentum eine so untergeordnete Rolle gespielt, dass sie sich nicht so leicht zur Höhe der nationalen Aufgabe zu erheben vermögen. Welche geringe Kenntnis der jüdischen Geschichte gehört dazu! Eine ununterbrochene Kette von hohen Frauenbildern geht durch die ganze Bibel und jüdische Geschichte. Eine Frau hat eine ganze Stadt vom Untergange gerettet — ihr Name wird nicht genannt, sie heisst einfach „eine kluge Frau"; ist denn das ein Wunder bei uns : eine kluge Frau? Und auch die Durchschnittsfrau hat bei uns tausendmal mehr geleistet, als man von ihr gefordert haben könnte. Es heisst: unsere Frauen haben wenig Mizwaus; aber wer aus der warmen Quelle des (eigenen warmen Herzens schöpft, der braucht keine Vorschriften. Was die Frau dem Mann von jeher gewesen ist, das zeigt uns die herrliche Sitte, dass der Mann, wenn er am Freitag abend von der Synagoge kommt, noch ehe er Kiduscli macht, sein jüdisches Haus und sein jüdisches Weib segnet. Auf nichts konnte der Mann trauen, als auf die nimmer wankende Treue seines Weibes; und das hat genügt, jene wunderbare Reinheit und Hoheit in das jüdische Familienleben einzuführen. Die Frau wurzelt ja noch tiefer, ausschliesslicher im Judentum als der Mann, sie kommt nicht mit der Aussenwelt in Berührung, empfängt nicht die Eindrücke einer fremden Kultur. Die Frau hat das Judentum mit ihrem Gefühl liehevoll und ganz erfasst. Und so geht die brennende Fackel der jüdischen Tradition von Mutter zu Mutter. Bis eine andere Zeit kam : wo den Töchtern Israels die Augen geöffnet wurden zu fremder Kultur, fremder Schönheit. Sie zogen hinaus in die Fremde, und niemand gab ihnen mit, was ihnen die Rückkehr zeigen könnte; niemand fragte sich, wird sie wiederkehren, und wie wird sie wiederkehren? Das hat sich bitter gerächt. Das Jüdische wurden ihnen entfremdet; „ich wurde zu Hüterinnen fremder Gärten gemacht und so ist mein eigener Garten verwahrlost.4' Alles Jüdische geriet da ins Wanken, nicht nur durch den harten Druck des Ostens, sondern vielmehr durch den sanften Druck des Milieus. Um das kämpfende Israel ist mir nicht bange, aber um das schläfrige, um das eingehüllte Israel ist mir bange. i(BeifalL) Wenn nun in einer Zeit des Bangens und Schwankens der Zionismus kam, der grosse Ruf der Gemüter, da ist es kaum verständlich, wie es möglich war, dass unsere Frauen und Mädchen sich nicht mit hellem Jauchzen um seine Fahne scharten. Es ist kaum fassbar, dass die grosse Mehrzahl 'der jüdischen Frauen fern geblieben ist, und dass auch die wenigen, die bei uns sind, sich nicht aufgeschwungen haben zu einer Verinnerlichung und Vertiefung ihrer nationalen Ueberzeugung. Wir wurden von Herzl und seinen Freunden nicht vergessen und nicht verkannt, aber wir wurden auch nicht erkannt. Ge-

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