Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
- Date
- 1911-08-14
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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852 D'IEXZELT No. 4 No. 4 seres Volkslebens ist. Am ersten Kongresstage haben wir die Lichtbilder gesehen, die uns unser Freund Dr. H. Loewe vorgeführt hat, und aus ihnen ersahen wir, was für grosse Fortsehritte die Entwicklung des palästinensischen Bodens gemacht hat. Am zweiten Tage sahen wir im Stadtkasino die Zeichen des neuen pulsierenden jüdischen Lebens im Lande unserer Väter. Unsere Brüder und Schwestern aus Palästina sangen hebräische Lieder, die voll waren mit dem Erdgeruch Erez Israels, und wir freuten uns, und Tränen der Freude füllten unsere Augen. Am Freitag hatten wir die Kulturdebatte, und wir sahen, dass alle Fraktionen, dass die Misrachisten wie die Poale Zion eine friedliche Diskussion gehabt haben. Und wenn auch nur noch der leiseste Zweifel bestanden hätte, ob der Misrachi Sinn für die Kultur frage gehabt hätte, so war dieser Zweifel durch diese Versammlung vom Samstag beseitigt. Sie haben durch die Bildung ihres Kulturvereins gezeigt, dass sie auch ein Verständnis für die hebräische Kultur haben. Die Misrachisten wollen die jüdischen Kultur in ihrem Sinne fördern, die Histadruth in ihrem, aber jetzt sind wir darüber einig, dass die Kultur frage die bedeutendste ist im jüdischen Leben. Es ist selbstverständlich, dass die Entwicklung unserer Sprache für die Entwicklung des Bestrebens, wieder ein Volk in unserem Lande zu sein nichtig ist. So fanden wir es auch in den früheren Jahrhunderten. Sie waren überzeugt, dass ihr Volkstum nur an dem Ufer wieder aufblühen kann, handelt, darnach amd gründet von neuem das 'jüdische Volk. Aber wir müssen einen wichtigen Punkt im Auge behalten. Es ist nicht nur wichtig, dass wir die moderne hebräische Sprache pflegen und eine moderne hebräische Literatur gründen, sondern wir jnüssen uns dessen hewusst. werden, dass wir unsere alte Literatur nicht mehr verstehen. Ob orthodox oder Reform, wir dringen nicht mehr in die Wahrheiten und Schönheiten unserer Bibel ein; wir können den Geist unserer Gesetzgebung, Propheten und Seher nicht voll und ganz erfassen. Wieso? Weil wir uns von unserem Lande zu sehr entfernt haben. Das Verständnis der Bibel ist mit dein Verständnis für das Land verbunden. Wir müssen unser Altertum wieder gewinnen, müssen wieder zum Bibelvolke werden und das ist nur möglich im Lande unserer Väter. (Lebhafter Beifall.) Dr. Sah Daiches beantragt: Der Kongress möge beschließen, dass in jeder Stadt, wo zionistische Vereine vorhanden sind, diese darnach streben sollen, hebräisch sprechende Vereine zu gründen und insbesondere die Jugend dazu zu veranlassen, das Hebräische als Umgangssprache zu benutzen und zugleich auch die Kenntnis der alten und neuen hebräischen, wie auch talmudischen Literatur zu pflegen. Der Redner führt in der Begründung aus, dass in dem Augenblick, wo die hebräische Sprache Umgangssprache sei, man nicht anehr werde sagen können, dass jeder, der hebräisch spricht, auch unsere Literatur und Geschichte kennen muss. Der Redner gibt seiner Freude Ausdruck, dass Sokoloff in seinem Referat zugegeben habe, dass die Bibel das Fundament der hebräischen Kultur sei und dass die rabbinische Literatur das IJeberleben der hebräischen Sprache bis auf den heutigen Tag ermöglicht habe. Sokoloff habe aber nicht die Konsequenz aus seiner eigenen Behauptung gezogen und habe sich mit dem Sprechen des Hebräischen begnügt. Was hebräische Schulen anbetrifft, so lässt sich das leicht im Osten verwirklichen, wo kein Schulzwang besteht und die Juden ihre eigenen Schulen gründen. Aber in den Ländern des Westens, wo wir alle gezwungen sind, unsere Kinder in die allgemeinen Schulen zu schicken, lassen sieh die Vorschläge Sokoloffs leider nicht verwirklichen. Daher halte ich die von mir vorgeschlagenen Mittel zur Verbreitung der jüdischen Literatur in den Ländern des Westens für das einzig Wirksame. Dr. Grone mann (deutsch): Ich beantrage die Wahl von Geiieralrednern. Ausserdem beantrage ich, dass in deutscher Sprache übersetzt wird. Der Kongress ist nicht lediglich eine Demonstration, es' handelt sich um ernste Dinge. Der halbe Kongress ist nicht anwesend. Eine Diskussion ist nur möglich, wenn auch diejenigen, die anderer Meinung sind, die Rede verstanden haben! (Zustimmung und Widerspruch.) Vorsitzender Ussischkin : Ich persönlich bin gegen den Antrag Gronemann. Die hebräische^Sprache ist nicht blosse Demonstration. Wir wollen hier über unsere. Sprache in -unserer Sprache reden. Chasanowitz (Jargon): Es handelt sich hier um eine Menge der wichtigsten Fragen, über die die Poale Zion ihre Meinung aussprechen muss. Es ist eine Lebensfrage für die zionistische Organisation. Deshalb bitte ich um Ablehnung des Antrags. Vorsitzender-IT ssischkin ersucht um Ablehnung der Redezeitbeschränkung.? Die Abstimmung ergibt den B.eschluss, vier Generalredner mit je zehn Minuten Redezeit noch zu Wort kommen zu lassen. Es tritt für ihre Wahl eine viertelstündige Pause ein. . Vorsitzender Ussischkin eröffnet die Sitzung um 7!/4 Uhr von neuem. Die Verhandlung wird auch weiterhin hebräisch geführt, doch von nun an ins Deutsche übersetzt. Erster Generalredner ist Delegierter Berlin (Syrkin übersetzt): Im Namen des 'Misrachi spreche ich unsere Freude darüber aus, dass nach fünfzehnjähriger Arbeit jetzt endlich der Kongress zur Anerkennung der Wichtigkeit unserer nationalen Sprache gekommen ist. Eine zweite freudige Tatsache ist, dass dank der opferwilligen Bemühungen von Chaim 0 ah a n - Charkow das Grundkapital für die T ac hkemoni - Schule auf 125000 iYlk. gestiegen ist. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, dass alle anderen guten Gesinnungsgenossen mit gutem Beispiel folgen. Der Redner wendet sich dann dem Referate Sokolows zu. Jeder gute Zionist wird mit dessen Vorschlag einverstanden sein, in der zionistischen Zentrale eine Kulturabteilung zu gründen. Aber bei dem jetzigen Zustande ist die Möglichkeit der Durchführung nicht vorhanden; denn wir haben keine homogenen geistigen Forderungen Diese geistigen Forderangen sind ein Einfluss verschiedener Atmosphären, in denen sich die Zionisten alier Lander befinden. Wir kommen aus 22 Ländern und stehen unter verschiedenen Einflüssen. Daher ist es nicht möglich, eine allgemeine Direktive in dieser Beziehung festzusetzen Eine besondere Kulturahteilung müsste in verschiedene Unterabteilungen geteilt werden, und dabei mü-sten die (xegensätze hervortreten. D s zeigte sich schon beim ersten Erziehungsversuch. Es bleibe ganz dahingestellt, wer von den Vertretern der verschiedenen Richtungen recht oder unrecht hat — das ist Sache des Gefühls und dieses hangt auch von dem Einfluss der Athmosphare ab, in der man lebt. Bei allem Verlangen nach Vereinigung, nicht nur in materiellen, kolonisatorischen Fragen, sondern auch in geistiger Beziehung, finden die Misrachi keine Möglichkeit, ein solches Institut zu schaffen, das für alle gleich wäre. "Wohl könnte die Major tat das beschliessen; solche Sachen des Gewissens und Gefühls aber müssen der Kompetenz einer Majorität entzogen werden. Darum hoffen wir, dass die Majorität keinen Zwang ausüben wird. Redner schlägt im Anschluss daran folgende Resolution vor : „Der Kongress macht es zur Pfticbt, aller Zionisten, für die hebräische Sprache und alte und neue Literatur zu wirken. Diese Arbeit soll von den Föderationen nach ihren Anschauungen geleistet werden, die darüber dem Kongress berichten." Del. Syrkin spricht sodann als zweiter Generalredner: Dr. Schmarja Lewin übersetzt: Sokolow's Referat bezweckt, die theoretische Kulturfrage der konkreten Verwirklichung entgegenzuführen. Die Zeiten haben sich zum Schlechten geändert. Bisher blieb unsere Jugend in unserem Lager mit ihrem inneren Riss. Nun ist aber der individuelle Riss zu einem nationalen geworden. Alles können wir ertragen, selbst Pogrome, nicht aber die Seelenzerstörung. Mit Leichtsinn verlassen sie das Lager. Die Taufzeugnisse erhalten sie von den mit Judenblut befleckten Händen. Was wird daraus werden? An uns liegt es, einzugreifen. Wir haben keine Tribüne, von der aus unser Schmerzensschrei laut werden kann, ausser der unserigen, der Tribüne des Kongresses. Soll der Zionismus eine Macht werden, so muss er die Kulturarbeit aufnehmen. Sie muss einen nicht geringeren Platz einnehmen als die Palästinaarbeit. Es muss deshalb ein E. A. C, ein mit ausreichenden Mitteln ausgestattetes Kulturressort gebildet werden. Wir sind zu Rechnern und Krämern geworden. Wir haben Institutionen, aber keine Bewegung. So darf es nicht weiter gehen. Nur das Einbeziehen der Kulturarbeit kann dem abhelfen. Es sprechen soilann als Gen >ralredn*r die Delegierten Zlatopolsky und Chazanowitsch. Bei Schluss des Berichtes — 9 Uhr abends — dauert die Sitzung noch fort. Die Sitzung wurde um 91/4 Uhr geschlossen. Nächste Sitzung Montag, den 14. August, 10 Uhr Vormittag. Zur gefl. Beachtung! Die Landsmannschaften, Föderationen etc., welche in Gruppen photographisch aufgenommen zu werden wünschen, wollen sich im Kongressbureau melden.