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Die Welt · 1911-08-14 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
Date
1911-08-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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850 DIEÄELT No. 4 indem wir ihn umgestalten, verstümmeln und entstellen. Der Vatername ist doch für jeden anständigen Menschen, der anständiger Eltern Kind ist, auch ein Stück seiner angeborenen und angeerbten Ehre. Aber freilich die Verblendung und Hartsinnigkeit, die auf dem Boden der Gewohnheit so stark geworden, sind auch hier mächtig genug, um uns in einen Widerspruch mit uns selbst zu versetzen. Ueberwinden wir diese Schwäche, wie wir bereits andere Schwächen überwunden haben. Von sprachlicher Seite bietet wieder der Schatz alter Ortsnamen einen ungeheuren Reichtum an Stoff. Dieser Stoff ist noch gar nicht ausgebeutet worden. Ich will Ihnen eine kleine Reminiszenz mitteilen. Ich übersetzte Herzl's Alt-Neuland auf seinen Wunsch aus seinem Manuskript ins Hebräische. Schon beim Titel blieb ich stehen, Alt-Neuland — ja, die deutsche Sprache mag sich diese Zusammensetzungen leisten, die hebräische lässt es nicht zu. Ich überlegte und schrieb »Tel Abib«. Es war ein Ortsname im alten Palästina. Es ist nicht meine Erfindung, es ist ein alter Name, nur hatte man ihn vergessen. V. Man gehe in dem Streben der Sprachreinigimg nicht zu weit. Wo ein Fremdwort durch ein dem Begriff vollkommen entsprechendes hebräisches Wort ersetzt werden kann, bediene man sich des letztern. Ist das Fremdwort jedoch eingebürgert und allgemein verständlich, oder wird der demselben zugrunde liegende Begriff nicht vollständig wiedergegeben, so ist es ein falscher Eifer, das letztere zu bevorzugen. Wir wollen uns nicht isolieren. Kein Volk, wenigstens kein Kulturvolk, scheidet sich streng von den andern und setzt geistigen Berührungen Grenzpfähle entgegen, wie man dies bei den Waren und Erzeugnissen des Bodens tut. Sobald sich aber Völker äusserlich nähern, so erfahren auch ihre Sprachen eine notwendige Wechselwirkung. Die Wissenschaften, Künste und Gewerbe bedürfen technischer Ausdrücke, die einen scharfbegrenzten, voraus verabredeten Begriff unverändert festhalten sollen. Versucht man eine forcierte Übersetzung, so klingt sie hölzern und lächerlich. Man darf daher auch nach dieser Richtung nicht übertreiben und das Kind mit dem Bade ausschütten. VI. AVer einen Baum zu künstlichen Formen zuschneidet, vergeht sich gegen die Natur; wer seine Auswüchse wegnimmt, kommt ihr zur Hilfe. Was unserer Nationalsprache von Einzelnen aulgedrängt worden ist, ohne dass es ihren Bedürfnissen dient, dürfen wir versuchen wieder zu beseitigen. Wir haben die Sprache als geliehenes Pfund von unserm ganzen Volk überliefert erhalten, sie ist nicht freies Eigentum der Einzelnen. Wir alle haben sie zu treuer Hut und Förderung geliehen überkommen, und wir sollen sie wie alte gute Sitte, wie die greifbaren Denkmale grosser Taten der Nachwelt unverletzt und rein bewahren. Die Sprache zu fördern ist freilich nur Sache auserwählter Geister, aber schirmen und hegen können sie alle. Wir dürfen aber unsere Aufgabe nicht darin erblicken, nur den Buchstaben zu hüten. Wir wissen ja alle: Die Sprache ist im Fluss und gar manches, was früher geschrieben werden durfte, wird kein Mensch mehr als mustergültig halten wollen. VII. Während vielfach allgemein behauptet wird, die Presse allein trage an der Sprachverderbnis Schuld, muss doch betont werden, dass die Zeitungen wesentlich mitgewirkt haben, dass an Stelle des alten, schwerfälligen Gelehrtenhebräisch ein leichterer, glatterer Stil getreten ist. Allerdings sündigen die Zeitungen vielfach gegen die Sprachreinheit, indes die Schnelligkeit, mit der die Zeitungen hergestellt werden müssen, darf nicht ausser Acht gelassen werden, man dart an die Tagespresse nicht den Massstab legen, wie an Werke, die für längere Dauer berechnet sind. Nichtsdestoweniger ist es Pflicht, auch die Presse nach dieser Richtung zu beeinflussen. VIII. Wir haben viele Probleme, die durch Gesamtarbeit gelöst werden müssen. Wir haben beispielsweise eine überaus elende Schreibung für Fremdwörter, die durchgreifender Regeln entbehrt und voll ist von Widersprüchen, — eine Schreibung, die in sehr vielen Fällen der Sprache nicht gerecht wird. Wir erfreuen uns nicht einer allgemein gültigen Aussprache, lieber zahllose Fragen der Formen und Satzlehre herrscht Uneinigkeit: Dem einen gilt dies, dem andern das für richtig. Für tausende von Begriffen fehlen uns noch Bezeichnungen. Eine Sprache, in der noch so viel unfest und unfertig ist, eine Sprache mit so ungefügem, unsicherem Wortstoff kann uns noch nicht national befriedigen. Wir haben Schriftsteller und Dichter und ihre Leistungen sind unser Stolz mit Recht. Gewiss, das Genie lehrt jede Sprache schön reden. Aber wenn eine solche Sprache nicht emporgetragen wird durch allgemeinen Geist, hohe Gesinnung und Gefühl für edle Form, werden ihre Unvollkommenheiten gar zu störend. Auf Grund der dargelegten Prinzipien stelle ich den Antrag: »Der Kongress möge die Initiative ergreifen zur Gründling eines allgemein hebräischen Sprachvereins und einer Sprachakademie. Der allgemeine hebräische Sprachverein soll geschaffen werden um: 1. Die Erhaltung und Wiederherstellung des echten Geistes und eigentümlichen Wesens der hebräischen Sprache zu fördern, und 2. auf diese Weise das nationale Bewusstsein im jüdischen Volke zu kräftigen. Der Verein soll das jüdische sprachliche Gewissen im Volke schärfen und wecken, damit wir dahin gelangen möchten, dass jeder Jude im berechtigten Stolze auf seine nationale Sprache eine Ehre daran setze, hebräisch zu reden und zu schreiben, — hebräisch, möglichst rein und möglichst gut. Dieser Verein soll keine gelehrten sprachwissenschaftlichen Zwecke verfolgen, sondern er soll arbeiten im Dienst des jüdischen Volksgedankens, um zu erreichen, dass möglichst überall im Judentum das Hebräische zur Geltung komme und mit Schicklichkeit gehandhabt werde. Neben dem Schulverein soll dieser Sprachverein die allgemeine Popularisierungstätigkeit entwickeln. Ich will kurz den Unterschied skizzieren. Dass die hebräische Sprache den Mittelpunkt des Unterrichts in den palästinensischen und zum Teil auch in jüdischen Schulen womöglich ausserhalb Palästina^ werden soll, dass Lehrende und Lernende in allen Lehrfächern sich, bemühen sollen, gut hebräisch zu sprechen und zu schreiben, dass man namentlich bei Uebersetzungen aus fremden. Sprachen streng auf echt hebräischen Ausdruck halte und dass man suche, die Eigenart des Hebräischen durch den Gegensatz

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