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Die Welt · 1911-08-14 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
Date
1911-08-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 4 DIE^ELT 847 Sprache unablässig an seiner Wiedergeburt in den kommenden Geschlechtern aus der Geisteskraft der früheren. Die hebräische Sprache schöpfte aus. der unbewussten Tiefe unseres Volkes, oder vielmehr unser Volk erschöpfte sein Wesen und die geistige A_rbeit in der Veredelung der Gefühle und der Aufklärung des Verstandes, seine ganze Weltansicht in der ihm ureigenen Sprache. So oft unser Volk seine Sprache aufgegeben hat, ist ihm der wahre Quell seines Seins abgeschnitten worden. Seit Jahrtausenden ist Hebräisch das Band, gewesen, welches neben der Religion uns noch zusammenhielt. Ja, nicht allein, zusammenhielt, nein, als Form, in der die Werke unserer grossen Dichter und Weisen Gestalt annahmen, die Seele der Nation immer zu neuem Leben entzündete. Die Restauration des Volkes unter Esra und Nechemi» begann mit der Wiederbelebung der hebräischen Sprachedie Rettungstat R. Joelen an Ben Sakkais für die Erhaltung des Volkstums nach dem Verlust der politischen Selbständigkeit war bekanntlich die Gründung einer Schule für jüdisches Wissen; die Wahrung de:r reinen Sprache unter den Judäern galt für unsere Weisen als eine Gewähr für die Erhaltung der Lehre, wie auch andererseits die Verwahrlosung der Sprache unter den Galiläern als ein böses Zeichen. Nur das nationale Wort hatte die erlösende Kraft. Auch die ptolemäiscke Grosstat, die griechische Septuaginta-Uebersetzung, hatte den Weisen Judäas Angst eingeflösst. Sie behielten auch Recht. Für unser Volkstum haben all diese XJebersetzungen — man zählt sie heute schon zu Hunierten — nichts geleistet. Das "Verständnis der Schriftdenkmäler, zumal der prophetischen, aus ihrem zeitgeschichtlichen Zusammenhange heraus, ist noch heute imstande, ja allein imstande, die Gottesgedanken, die mahnenden und strafenden, wie die tröstenden und erbauenden, welche durch den. Mund der Propheten unseren Ahnen vermittelt wurden, in aller Kraft auch für unsere Gegenwart wirksam werden zu lassen, aber nur in der Ursprache. Wie der Stil für den einzelnen Menschen, so ist die Sprache für das Gesamtvolk bezeichnend. Die hebräische Sprache besitzt alle Eigentümlichkeiten des jüdischen Volkes. Sie besitzt für abstrakte Vorstellungen eine erstaunliche Mannigfaltigkeit und Abwechslung der Ausdrücke und malernden und nuancierenden Sprachformen. Sie hat Wortes und Stämme, welche eine Menge von Bedeutungen, seLbst entgegengesetzte, vereinigen, sodass nicht ohne G-rund manche Wurzeln mit den orientalischen Feigenbäumen verglichen werden, die ihre Aeste wieder in -die Erde senken und aus einem Baum einen Wald von Bäumen bilden. Die subjektive Richtung des jüdischen Geisteslebens bedingt auch die aussergewöhnliche Freiheit der Zeitfolge, die so gewöhnlich durch Vergebenwärtigung von Vergangenem in die Präsentische bezw. Zukünftige übergeht. Die statuarische Materie d«er Mitlauter und das unbestimmte der Vokale mit der erst späteren Einführung der Punktation ist ganz g«mäu von demselben Prinzip beherrscht, das in dem Unterschiede zwischen dem geschriebenen und überlieferten Gesetz zur Geltung kam: Das Niederschreiben der Ueberlieferung wurde erst als Notwendigkeit gestattet, Der Hauptcharakter der Sprache besteht darin, dass sie« stets im Bilden und Fortbilden begriffen ist und mit der grössten Ungebundenheit von den festen Gesetzen sich immer neu gestaltet. Wie das jüdische Volk verstellt sie mit beschränkten Mitteln einen ungeheuren Umsatz und ein reiches Laben zu entfalten. Und sie ist auch durch und durch palästinensisch. Sie entnahm der palästinensischen Pfatur ihre Grundlaute-, so sprach Gott im Rollen des Donners, im Säuseln der Winde, im Rauscher der Palmen. Man begreift nicht, weshalb der Hebräer die westliche Himmelsrichtung „Jam" nennt, w&nn man nicht weiss, dass das Meer die Westküste PalL&tiuas umspült; fast jedes Wort ist ein Abbild palästinensischer Vorstellungen, eine Form für palästinensische Begriffe. Ohne Hebräisch sind wir gar nichts; wir sind ohne Zusammenhang mit unserer Vergangenheit, wir haben keine Entwicklung aus uns und duicli uns, wir entbehren der Eigenart, wir bleiben Nachahnur, wir tappen umher nach Stoffen, unser Eigenes bleibt für uns unbekannt und ungenützt. Woher soll bei uns das Nationalgefühl kommen? Es beruht ja auf dem Sicheinswissen mit einer grossen gleichartigen Menge, die durch ihre Vorzüge und Leistungen etwas ist unter den Völkern und schon in der Vergangenheit etwas gewesen ist. Woher soll aber dem Juden dieses Gefühl kommen, da er die Geschichte seiner Vorfahren, seine eigene Sprache und die Erzeugnisse seines eigenen Geistes so wenig kennt? Und ist es nun schicklich, dass wir dieses unschätzbare und edelste Gut des jüdischen Volkes vernachlässigen? Und doch geschah es in den meisten Kreisen im Laufe der letzten Generationen und geschieht noch jetzt. Wie das Uebel gekommen und wie das Elend gewachsen, das l&hrt die Geschichte ganz genau. Es ist der Begleiter unseres nationalen Verfalles gewesen. Aber jüdische Männer haben die Schmach immer empfunden und gekämpt und gekämpft bis auf die neueste Zeit und nun sind wir Zeugen einer Renaissance, die die kühnsten Phantasien enthusiastischer Träumer übersteigt! Noch vor vier bis fünf Jahrzehnten war der einzige Repräsentant der hebräischen Literatur der „Mechabber", der arme hausierende Pränumerantensammler für die Veröffentlichung des Manuskriptes, das er mit sich trug. Jetzt haben wir eine Literatur — ich will die Namen unserer Dichter und Denker nicht aufzählen. Sie kennen diese Namen, und wenn Sie sie niclt kennen, so macht Ihnen diese Unkenntnis keine Ehre. Wir haben eine Reihe von alten bewährten und von j angen aufstrebenden Kräften, die in jeder Literatur eben Ehrenplatz einnehmen könnten, und wir haben ein hochbegeistertes Publikum. Sie hätten unsere Versammlungen sehen sollen, die Tausende unserer Jugend, die unsere Zukunft bildet! Ich erwähne die hundert Gedenkfeier Versammlungen im Todesjahre Smclenskis, die Trauerkundgebungen für Lilienblura, Lewinsky und Schefer, das Jubiläum unseres Mendele, die imposante Harkavi-Fei&r und viele andere, wo es sich zeigte, wie das Volk wieder begonnen hat zu verstehen, wo seine Kraft liegt. Wir besitzen Verlagsgesellschaften; Ac h j as af hat Bedeutendes geleistet; Tuschijah, BibliothekaHagedolahBen-Avigdors entfaltete mit bewundernswerter Ausdauer eine vielseitige Tätigkeit, besonders auf dem Gebiete der Schul- und Lehrbücher, die Odessaer Morijah hat Gediegenes geschaffen; die moderne Literatur findet bei Safrus, Jugend- und Kinderliteraiur bei Haor, Hachinuch und kunstvolle Uebersetzungen bei Meturgeman sorgfältige Berücksichtigung. Jener Teil des Schrifttums, der dem Leben am nächsten steht, die Publizistik; entwickelt sich nicht weniger. Die Tageszeitung Haze firah hat ihrein alten Leserkreis wieder gefunden, de1 Heed Hasman kämpft augenblicklich mit Schwierig" keiten, die er ab er überwinden wird, der Haschi lo ach

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