Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
- Date
- 1911-08-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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eine Selbstverständlichkeit, dass all dies hebräisch geschrieben sein rnusste. Die Sprache der Nation musste jedem jüdischen Beginnen die Weihe erteilen. Und wie lebte diese Sprache! Bald war sie erhaben, feierlich und majestätisch, bald — frei, leicht und sachlich; bald ergoss sie sich wie ein Lavastrom in Strafpredigten und zuckte blitzesprühend" ihr Schwert, bald girrte sie mit liebevoller Anmut wie eine Taube; sie hatte eine Kraftfülle — ohne rohe Gewählt, Schönheit ohne Schminke, Ruhe ohne Müdigkeit, hohes Alter ohne Palten und Kindlichkeit ohne Kinderei. Sie zeigte, dass sie alles vermöge, eine unversiegliche Quelle von Kraft und Lust, für jedes Gebiet geeignet, für jedes Zeitalter passend, dem Heiligen dienend und das Alltägliche umfassend, klar deutend und farbenreich, zart und blühend in junger Liebe in Schir-Haschirim, herzerschütternd und wehklagend mit Jeremjahu. Die urewigen Wege der Vorsehung erforschend mit Jjob, in unvergleichlicher, keuscher, naturreiner Bescheidenheit erzählend mit Ruth! Andere Zeiten kamen, schlaff hingen die Harfen an den Trauerweiden an den Bächen Babylons. Die Lewiim wollten das Lied Gottes auf fremdem Boden nicht mehr anstimmen — sie stimmten es aber doch an! War ja der Aufschrei dieser Weigerung selbst einer der gewaltigsten Psalmen, der das Blut in den Adern erstarren lässt! Die Sprache trieb die herrlichsten Blüten weiter. Schon war das Land der Zerstörung nahe, als die Sprache in der Mischnah mit riesigem Reichtum und sinnesklarer Genauigkeit erstand, um späterhin das wunderbare „Meer des Talmuds", das alle Küsten der Wohnsitze unseres Geistes umspülte und befruchtete, trotz gemischter Idiome, zu durchleuchten. Und wie erblühte diese Sprache wieder im goldenen Zeitalter der Juden Spaniens! Nie hatte in der Weltgeschichte eine solche Renaissance einer Sprache stattgefunden. Sind in tausend Jahren nach Homer, Ovidius und Cicero neue Homer, Ovidius und Cicero erstanden? Aber mehr als tausend Jahre nach Jeschajahu, Jirmijahu und Jechezkel sind neue, gottbegnadete Seher erstanden, die Halewi, die Gabirol, die Ibn Esra — weil der Genius unserer Sprache nicht gestorben ist. Aber nicht nur ein dichterisches Blühen war es, es war auch ein Leben. Die Kette unserer nationalen Sprache zog sich ununterbrochen, sie unifasste alle Wissenschaften und Künste, sie behandelte alle Fragen der Gewerbe, alle Angelegenheiten des menschlichen Lebens — alles wurde in dieser Sprache geschrieben, sie begleitete uns auf allen Lebenswegen, sie ging mit uns durch das Tal der Todesschatten und siegreich trat sie von den Folterkammern aller Inquisitionen und Zensuren heraus. Und wissen Sie, welche weltgeschichtliche Verdienste unsere nationale Sprache hat? Nicht nur, dass sie der Welt die Bibel gegeben, sie hat auch die Sprachen der Völker veredelt und bereichert. Durch die Übersetzung unserer hebräischen Bibel hat Luther die Sprache seines Volkes in deren packender populärer Handhabung zu einem nie vorher geahnten Fortschritt gebracht, und von der englischen Sprache bezeugt Addison, dass sie unermessliche Verbesserungen und Beiträge dem Eindringen der Hebraismen durch die Ubersetzung der Heiligen Schrift zu verdanken habe.*) Bekanntlich waren es he- *) Our language has received innummerable elegancies and improvements from that infusion of Hebraisms which are derived to it out of the Poetical Passages of the Holy Writ. (Addison, Spect. No. 405). bräische Studien, die die B,ef ormation angebahnt haben **) und diese Stadt Basel, in der wir heute tagen und die für die Geschichte des Zionismus eine so grosse Bedeutung hat, war eben der Lern- und Lehrort, in dem die Pellicanus, Münster und Buxtorf im 16. und 17. Jahrhundert von den QuelLen unserer Saadja Gaon, Juda Chijug, Jona ben Gannach, Jarchi, Menachem b. Saruk, die Kimchiden, Abraham und Moses Ibn Esra schöpften und neues Licht in der christlichen Welt verbreiteten. Wir lächelten, als man uns fragte: Wo ist euer Schrifttum? Möge man doch die Bücher- und Handschriftenverzeichnisse der grossen Bibliotheken durchblättern! Wo ist ein Volk vorhanden, das eine so alte und reichhaltige Literatur besässe, wie das unsrige? Und diese Literatur und diese Sprache waren ja nicht für eine Priesterkaste oder Gelehrtenzunft bestimmt und diese Bücher und Schriften waren ja nicht ein Monopol für Klostermönche, sondern Gemeingut. Volksvermögen! Kein Volk in der Welt hat es so tief verstanden wie das unsrige, welche Bedeutung die Sprache für die Erhaltung und die Entwicklung der Nationalität hat. Ja, was macht denn eigentlich eine Nation aus? Sind nicht ausser der Abstammung Sitte und Sprache ihre Merkmale? Die Sprache ist eine Hochburg des Volkstums. Nur jenes Volk, welches den Wert seiner Sprache zu schätzen weiss, kann wahrhaft national fühlen und handeln. Wer für die Sprache kämpft, der kämpft damit auch für die Nation, und wenn erst einmal dem Volke die Wertschätzung seiner Sprache ins Herz gepflanzt worden ist, so dass es sie heilig hält gleich dem kostbarsten Kleinode, dann ist auch ein; grosser Teil seines Kampfes hierdurch beendet, dann wird das Volk seines inneren Wertes bewusst, dann erst wird ihm jenes Gefühl zuteil, welches nationale Kraft verleiht und unvergängliche Taten schafft. Bezeichnen wir ja mit dem Wort „national" nicht allein die im Wesen eines Volkes, seiner Gesamtheit nach ursprünglich eingeborenen oder allmählich entwickelten Eigenschaften, welche es von anderen Nationen unterscheiden, sondern auch in bezug auf den einzelnen Volksangehörigen das Gefühl dieser Eigenschaften und das Bewusstsein von ihrem Werte, sowie endlich nicht minder das Bestreben, diese Eigenschaften ihrer ursprünglichen und edleren Art gemäss zu pflegen und weiter zu entwickeln. Eine gebildete Nationalsprache ist ein von den edelsten Geistern und Herzen errungenes Eigentum; jeder Hess in ihr, jeder pflanzte in sie zur Aufbewahrung und Fortwirkung seine besten Gefühle und Gedanken, ein Frucht- und Blumengarten, in dem die Hände der Nation gearbeitet haben, seitdem diese da war. Und wrenn Herder behauptet, die Sprache einer Nation sei ein Spiegel ihrer Geschichte, ihrer Taten, Freuden und Leiden, so frage ich : von welcher Sprache kann man dies mit mehr Recht behaupten, als von der hebräischen? Was unserem Stamm, unserem Volke im Lauf seiner Entwicklung begegnet ist, welchen Bestand an Sitte und Lebenserfahrung es aus den Ursitzen auf die Weltbühne des Völkerlebens mitgebracht hat, wie es damit hauszuhalten verstand und aus eigener, freier Kraft den Besitz erhöhte, wie es sich fremden Einflüssen gegenüber verhielt, das alles erzählt uns nur die hebräische Sprache. Sie ist die lebendige Geschichte unseres Volkes. In seiner Sprache lebt es die Vergangenheit und Zukunft zugleich, es schafft durch die **) The Reformation has been often called a Hebraising Revival (M. Arnold. Cult and An. IV (1882) 143.