Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
- Date
- 1911-08-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Delegierter Trietsch: Ich werde also nicht verlesen, sondern frei sprechen. Es bleibt für die Türkei fast nur das jüdische Element. Denn die Türkei hat berechtigte Bedenken gegen eine Einwanderung aus europäischen Staaten, die in der Türkei auch Grossmachtsstandpunkte vertreten, vertreten haben oder in der Zukunft vertreten werden, die sich gegen die Türkei wenden. Die jüdische Einwanderung nach der Türkei ist ein ausserordentlich notwendiger Faktor in der Ergänzung der türkischen Volkselernente. In diesem Sinne ist es "notwendig zu untersuchen, ob die jüdische Einwanderung, die heute nach der Türkei so klein, nach dem Westen so gross ist, sich in diesen Proportionen nicht in ganz kurzer Zeit wird wesentlich umgestalten können, ob wir nicht in wenigen Jahren eine nach Zehntausenden zählende Auswanderung nach der Türkei haben können. (Zwischenruf: Der rote Zettel!) Nicht nur in der Türkei, sondern auch in Nordamerika gibt es einen roten Zettel. In Nordamerika bleibt dfer Immigrant auch eine Zeit lang unter der Kontrolle der Einwanderungsbehörden. Der rote Zettel ist nichts weiter als ein Papier/ das bestimmt, dass Angehörige anderer Nationalitäten oder anderer Staaten nicht in allzu grosser Zahl in das Land kommen und Schwierigkeiten machen können. Es ist ein grosser Fehler, dass wir die jüdische Einwanderung nach Palästina unter dem Gesichtswinkel der Agrikultur betrachten« Ich bin kein Gegner der jüdischen Landwirtschaft in Palästina, aber ich verweise auf das grosse Missverhältnis in den Kosten. Es ist hier in letzter Zeit auf eine Anfrage erwidert worden, eine Ansiedlung von anspruchslosen jungen Leuten werde doch 5000 Francs per Familie kosten. Die Antwort ist unrichtig. Wir können eine jüdische landwirtschaftliche Siedlung herbeiführen mit der Kostendifferenz zwischen der Auswanderung nach Nordamerika und nach dem Orient. Nach Nordamerika braucht eine Familie 1000.—, nach Palästina 200 M. Die Differenz von 800 M genügt, um dort eine landwirtschaftliche Siedlung sehr grossen Masstabes herbeizuführen. Das ist schon ein Stück unseres Problems,. Aber noch viel grössere Chancen hat die industrielle Kolonisation. Die Türkei hat mit Aegypten ungefähr 40 Millionen Einwohner, und 40 Millionen, wie primitiv sie auch sein mögen, haben ein Industriebedürfnis, das gross genug ist, um heute schon viele Hunderttausende und im Laufe weniger Jahre vielleicht 10 Millionen zu beschäftigen. Ich will nur beiläufig erwähnen, dass neulich ein vorzüglicher Fachmann, Herr Auhagen, hier in Basel auseinandergesetzt hat, dass 15 Olivenbäume schon genügen, um eine Familie dort zu erhalten. Ich stelle also folgenden Antrag : Der Kongress beschliesse die Schaffung eines zionistischen Emigrationskomitees mit dem Sitze in Berlin und mit folgenden Zwecken : Sammlung informativer Materialien über alle Möglichkeiten jüdischer Einwanderung nach Palästina und anderen (vorzugsweise den nächstgelegenen) Gebieten des osmanischen Eeiches. Verbreitung dieser Information. Realisierung (resp. Beihilfe zur Realisierung) der gefundenen Möglichkeiten. Ich gebe nun ein Mittel an, um Ihre Einnahmen um ein Drittel zu verbessern. Bestimmen Sie den nächsten Kongress auf Neujahr 1913. Dann haben Sie in ein und einem halben Jahr 2 Jahressammiungen von Schekeln und dergleichen. Bestimmen Sie dann den 12. Kongress wieder in D/o Jahren und kehren Sie dann zu der jährlichen Kongressperiode zurück, die uns an und für sich eine grössere Jahreseinnahme gibt. Weiter beantrage ich die Ablösung des Schekel durch einmalige Zahlung. Vizepräsident Dr. Bodenheimer: Die Ablösung des Schekels gehört zur Finanz frage, ich bitte hier von der Emigrationsfrage zu sprechen. Delegier!er Trietsch : Man kann den Schekel dadurch ablösen, dass man z.B. bei unserer Bank eine grössere Summe einzahlt. Dr. Bodenheimer: Ich bitte zum Schluss zu kommen. (Beifall.) Delegierter Trietsch: Durch die so geschaffenen Mittel haben Sie reichlich die Möglichkeit, auch die geringen Kosten eines Emigrationsamtes zu decken, das uns von Anfang an not getan hätte. (Beifall.) Dr. Bodenheimer: Es ist der Antrag eingegangen, die Redezeit auf 5 Minuten zu beschränken. Ich lasse darüber abstimmen. Wer dafür ist, bitte die Hand zu erheben. (Nach einer Pause): Der Antrag ist angenommen. Der Vorsitzende macht einige geschäftliche Mitteilungen: Um 3 Uhr nachmittags tagt der Palästinaausschuss im Saale des A. C. Der Missrachi versammelt sich sofort nach Schluss der Sitzung neben dem Permanenzausschuss. Montag um 3!/2 Uhr Nachmittag Versammlung des Verbandes jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina im Saale gegenüber der Post. Der Organisationsausschuss versammelt sich heute Abend nach Schluss der Sitzung neben dem A. C. Der Ausschluss konnte bisher nicht zusammentreten, weil eine grosse Anzahl seiner Mitglieder im Permanenzausschuss sitzt, der fortdauernd tagt. Ich bitte alle Herren, die sich bereits zum Organisationsstatut als Redner gemeldet haben, behufs Abkürzung der Debatten ihre speziellen Wünsche dem Referenten Herrn Dr. Margulies oder mir zu übergeben. Die Delegierten des I. Kongresses, die zugleich Delegierte des X. Kongresses sind, werden gebeten, sich heute um 3 Uhr Nachmittag im kleinen Kongressaal zum Zwecke einer photographischen Aufnahme einzufinden. Diese Delegierten sind: Dr. Max Nord au, David Wolffsohn, Dr. Bodenheimer, Adolf Stand, I. L. Goldberg, Dr. Salz, Pineles, Färbst ein, Ben Ami, Dr. Heinrich Löwe, Prof. Belkowsky, Ussischkin, Motzkin, Sokolow, Trietsch, Jaffe, Littmann Rosenthal und H. Y or k-Stei ner. Ich bitte die folgenden Redner, sich strikte an die Diskussion der von Dr. Katzenelsöhn vorgeschlagenen Thesen zu halten. Dann werden wir bald fertig sein und Nachmittag das Referat von Herrn Sokolow über die hebräische Sprache anhören. Ich lasse nochmals die Thesen des Herrn Dr. Katzenelsohn verlesen. (Sekretär Dr. Rosenblüth verliest die Thesen.) Die Rednerliste umfasst 17 Redner. Es wird beantragt, die Rednerliste zu schliessen. Ich lasse abstimmen. Der Antrag ist angenommen, die Rednerliste ist geschlossen. Das Wort hat Herr Wolffsohn. Präsident Wolffsohn : (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Geehrter Kongress! Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass der Kongress bereits einen Tag verloren hat. Wir haben uns Freitag den ganzen Tag mit verschiedenen Dingen aufgehalten und sind nicht vorwärts gekommen. Für heute war der Bericht über die Emigrationsfrage, das Referat des Herrn Sokolow über die hebräische Sprache und der Bericht über die Frauenorganisation von Frl. Schach angesetzt gewesen. Ich fürchte, dass wir uns heute mit der Emigrationsfrage zu lange aufhalten werden. Dann würden wir einen zweiten Tag für die hebräische Sprache und Frauenoraanisation und einen dritten Tag für Organisation - Statut und Geschäftsordnung benötigen, da der Kongress in der ersten Sitzung -es abgelehnt hat, die neue Geschäftsordnung anzunehmen. Da Sie doch nicht abreisen wollen, ohne die neue Leitung gewählt zu haben, und da wir für die neue Leitung auch Mittel schaffen müssen, so wäre es vielleicht nötig, dass Sie sich für die nötigsten Dinge darauf einrichten, bis Freitag abend hier zu bleiben (Heiterkeit und Beifall.) Es besteht die Gefahr, dass der Kongress mitten in der Arbeit stecken bleibt, und weiter, dass eine grosse Anzahl von Delegierten, besonders aus den fernen Ländern, abreisen müssen. Es kann geschehen, dass wir hier auf dem Kongress ohne Delegierte bleiben. Es liegen Ihnen nun genaue Resolutionen vor. Stimmen Sie doch darüber ab, damit am Nachmittag Herr Sokolow sein Referat erstatten kann, das wir doch alle hören wollen. Sorgen Sie weiter dafür, dass Frl. Prof. Schach hier ihr Referat erstattet, dann werden wir morgen wenigstens einen halben Tag für die Organisationsfrage zur Verfügung haben. Dies stelle ich als Antrag. (Lebhafter langanhaltender Beifall.) Vorsitzender Dr. Bodenheimer: Ich fasse den Antrag des Herrn Wolffsohn als Antrag auf Schluss der Debatte auf. Ich bitte die Herren Delegierten, die Plätze einzunehmen. Wer für den Antrag Wolffsohn ist, möge die Hand erheben. (Nach einer Pause): Der Antrag ist a n g e n o m m e n. Wir kommen nun zur Abstimmung über die vorliegenden Thesen.