Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
- Date
- 1911-08-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE ÄELT \r 843 No. 4 ihm grosse Organisationen, jüdische Gemeinden u. s. w. sich beteiligen werden, aiuf jeden Fall als zionistische Organisation sich vertreten zu lassen. Unsere Parolen sollen dabei sein : a. A11 g e m e i n-j ü d i s c h e 0 r g ain i s i e r u n g u n d Regelung der Auswanderung. b. Konzentration, nicht Zerstreuung. c. Ausforschung aller Arbeitsmöglichkeiten im Orient. Motzkin (fortfahrend): Wir haben auch in dieser Hinsicht nicht das getan, was wir wirklich zu tun imstande sind. Jeder Schritt, der dazu feiträgt, den Auswanderungsstrom möglichst nach denn Orient hinzulenken — unter dem Orient verstellen wir ein ganz bestimmtes Gebiet — jeder dieser Sei ritte ist zweifellos ein Machtfaktor für die Zukunft, zun Erreichung der wirklichen Lösung der Judenfrage. Aber wir haben noch nicht alles das getan, was wir tum. sollen und da wir hier mit den anderen zusammenarbeiten können, die uns so oft sagen: „Gebt uns reale Arbeit", so wollen wir mitarbeiten. Es ist eine unserer Aufgaben, gerade da bestimmte Forderungen zu stellen, "Wir wollen uns vorbereiten, nicht nur zu fordern, dass man erst das Orientgebiet erforsche, sondern wir sülllten mit einem ganzen Komplex von Material über den Orient hinkommen und fordern, dass sie ebenso verpflichtet sind, für diese Arbeit zu wirken, wie für die Arbeiten, die unser Judentum nur pulverisieren und atomisieren. Diese Arbeit wird in vollstem Sinne zionistisch sein. Diese Frage muss von einer grossen Tribüne aus und im INTamen der grossen jüdischen Massen gelöst werden (lebhafter Beifall), und da dürfen wir nicht mit solchem Indifferentismus dieser Angelegenheit gegenüberstehen. (Lebhafter Beifall). Vizepräsident Stand: Das Wort ha1 Herr Trietsch. Delegierter Trietscli: Die Emigrationsreferate, die wir ebem gehört haben, hat Herr Wolf fsöhn in seiner Eröffnungsrede angekündigt. Er sagte, die Einwanderungsfrage stehe zum erstenmal vor dem Kongress, obwohl sie eigentlich nicht unser« Sache sei. Ich werde versuchen, zu beweisen, dass die rliLswanderungsfrage wohl unsere Sache ist, mehr als alle anderem, die die zionistische Organisation in ihr Programm aufgenommen hat. Sie ist wichtiger als Charter, Diplomatenpolitik usw., s-ogar wichtiger für uns als Palästina als Hauptzweck. Denn nicht der Tiefstand Palästinas hat uns bewogen, die zionistische Bewegung aufzubauen, sondern der Zustand unseres Volkes» Das ist eine solche Selbstverständlichkeit, dass wir unseren Programmformuiierungen eine Fassung gegeben haben, die es fast übersehen lässt, weil es so selbstverständlich ist. Ich habe mich gefreut, von Dr. Norcl.au auf diesem Kongress Dinge, zu hören, die sachlich durchaus mit unserer modernen Auffassung vom Zionismus übereinstimmen, besonders auch in der Emigrationsfrage. Dr. Nordau s.ag-te : Für die Leiden des jüdischen Volkes gibt es nur das Heilmittel der Auswanderung und unser Heilmittel ist, dass die Auswanderung nicht in die Zerstreuung, sondern in die Sammiiimg gehen soll. „Ich sehe nur noch ein Land, das seine Grenzen gegen die Masseneinwanderung der verfolgten Juden und ihre bäuerliche Ansiedlimg nicht grundsätzlich versperrt hatt: die Türkei." Das wird mit zu den Grundlagen dessen gehören, vt as ich weiter sagen will. Der Redner bemängelt es, dass die Referate nicht vom Grossen A.-C. verteilt wurden, denn dann hätte man auch andere eingeladen, auf dem Kongress über dlLese Präge zu referieren. Die erstatteten Referate waren niclrt einem zionistischen Kongress entsprechend. In beziig auf die Terteilung von Referaten durch das E. A. C. nach Gunst oder Ungunst hat es Ihr grosser Führer anders gehalten. (Unruhe, stürmische Zurufe : Ihr?) Präsident Wolffsohn: Lochern welau lau! .(Beifall.) Trietsch: Aber, meine Herren, wir Ixben zwei Parteien am Kongress, die politischen vund die praktischen Zionisten, vielleicht auch no«ci andere Strömungen. Alle diese stimmen darin überein, da$:s Herzl Ihr grosser Führer war. (Lärm und Zwischenrufe.) Vizepräsident S tand : Ich. bitte um Ruhe. Hoher Kongress! Ich möchte Herrn Trietsch auf eines aufmerksam machen : Herr Trietsch hat im Rmlimen seiner sachlichen Ausführungen selbstverständlich jede Freiheit. - Ich möchte ihn aber bitten (Zwischenrufe), ich möchte ihn dringend aufmerksam machen, dass er das, was ums das Allerheiligste ist, sicher nicht anrührt. (Stürmischer Beifall.) Ausserhalb dieses Rahmens werde ich ihn nicht unterbrachen. Trietsch: Mi kann doch nicht darauf verzichten, dazu ein paar Worte zra sagen. Was liegt denn darin Unpassendes, wenn ich konstatiere, dass alle Parteien darin übereinstimmen, dass Herzl ihr grosser Führer war? Theodor Herzl, mit dem ich so schwerwiegende Differenzen hatte, hat es doch für richtig gehalten, im Winter 1902/03 sich mit mir wegen einees Emigrationsamtes in Verbindung zu setzen. Es schwebten damals Verhandlungen nicht in dem Sinne, wie das heute geplant zu werden scheint, einer Anteilnahme an der allgemeinen EmigratiionsbewTegung, sondern in dem Sinne, von zionistischer Seite e4n Emigrationsamt der Sammlung gegenüber den auf der anderen Seite bestehenden Zerstreuungstendenzen zu schaffen, gegenüber Tendenzen, denen wir vom allgemein menschlichen und allgemein jüdischen Gesichtspunkt Sympathie und Mitarbeit nie versagen können, die aber sofort im Gegensatz stehen zu der eigentlichen zionistischen Auffassung. Herr Dr. Karxenelsohn hat uns sehr viel über Amerika und auch einiges "Iber Palästina gesagt. Aber wenn Sie nicht in diesem Momenße, sondern später einmal im Kongressprotokoll sehen werden., welchen Raum Amerika in diesem Referat einnimmt, und welchen Raum Palästina und dessen Möglichkeiten der allernächsten Zukunft, so finden Sie vom zionistischen Standpunkt aus eüi krasses Miss Verhältnis. Das ist selbstverständlich. Herr I):r.. Katzenelsohn hat in Libau Gelegenheit gehabt, sich mit der Emigrations frage zu befassen. Aber von dort geht die Emigration nach Amerika, nicht nach Palästina. Wir sind aber auf dein Zionistenkongress, und da sollte man doch mehr an Palästina« denken. Herr Dr. Kataneisohn hat uns hier mit rührender Ausführlichkeit auseinandergesetzt, was das Recht der Juden in Amerika ist. Er hat als Politiker auf die Freiheit Amerikas gepocht. Hat ihm nicht dieTreiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit Frankreichs eine Lektion gegeben? Seit wann ist es Mode auf diesem politischen Kongress von Moral in der Politik zu sprechen? Er ging noch weiter. ZEr verlangte eine Vorbereitung der Auswanderer. Sehr gut Fiir das neue Land. Aber er sprach von den Augen und von dci' Sprache, und das zeigt klar, dass da Amerika gemeint war, denn nach Palästina kann man einwandern ohne eine allzu scharfe Augenkontrolle und mit jüdisch-deutsch allein. Herr Motzkin hat in scharfen und klaren Worten ausgedrückt, dass die zionistische Lösung der Frage nur eine theoretische ist, einstweilen, da wir nicht über die Mittel der gesamten Judenheit verfügen. Wir werden niemals über die Mittel der gesamten Judenheit verfügen, und was er sagte, ist auch deshalb falsch, weil wir die Palästinaarbeit als eine Arbeit der gesamten Judenheil betrachten. Er hat also das Miss Verständnis begangen, dies zionistische Bewegung als eine Palästinasache und nicht in weitaus überwiegender Weise als eine Sache des jüdischen Volikes aufzufassen. Wir Avollen keine Antithese zwischen Volk umL Land 1 Herr Motzkin sagte, wir müssen uns an den Palliativmitteln beteiligen, weil er «der Ansicht ist, dass die zionistische Lösung der Emigrationsfraige nicht in naher Zukunft liegt und heute keinen grossen Umfang hat und haben kann. Ich habe keinen Auftrag zu einem Referat erhalten, aber bevor ich wusste, dass diese Frage hier "besprochen werden soll, habe ich eine kleine Arbeit über Palästina und die neue Türkei geschrieben und daraus möchte ich Il»nen einiges vorlesen. Redner verliest das Manuskript eines Artikels ,,I)ie neue Türkei als Ziel ostjüdischer Auswanderung", in weichem er über die osteuropäische Einwanderung und die jüdische Kolonisation spricht. Die neuere Einwanderung in Palästina habe gezeigt, dass die Kolonisation mehr eine städtische als eine landwirtschaftliche s&i. Es sei dies dieselbe Erscheinung, wie in Argentinien und ±i Nordamerika. Die städtische Kolonisation umfasse in der Hauptsache die kaufmännischen Berufe, das Handwerk, beispielsweise die Klempnerei, und industrielle Beschäftigungen. Allsi der Redner sich den zollpolitischen Verhältnissen in der Türkei zuwendet, wird er vom Vorsitzenden Dr. Bodenheimer melmmals unterbrochen, der ihn auffordert, nicht zu verlesen.