Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-08-14 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
Date
1911-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316465--54911-3348718
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 4 WEDELT 841 Wir müssen ihm erst Auskünfte geben, was für Verhältnisse dort sind. Es ist eine grosse Schuld, dass dafür bisher so wenig getan worden ist. Und drittens ein ebenso wiclrtiger Punkt: die Nationalisierung oder, wie ich mich lieber ausdrücken will, die Frage der Entnationalisierung der Emigration. Alle Gelehrten, Kapp, Say u.s.w. konstatieren: Die Auswanderung ist ein Grab für die Nationalität. Der Deutsche, der auswandert, ist kein Deutscli er mehr. Say sagt, die Millionen Auswanderer sind wie ei n Heer ausgerüstet, und wie sie über die Grenze kommen, werfen sie ihre Gewehre hin und zerstreuen sich. Nun gottlob, so ist es bei uns Juden nicht. Die Jud*en, die nach Amerika gehen, tUiben Juden ebenso wie früher. (Beifall). Aber das Moment der Auswanderung» ist ein Moment des schwankenden Sinnes, ist allen Einflüssen zugänglich. Wir in Libau haben gesehen, wie die Emigranten still in der Ecke sasen und weinten; wirfiiaben sie aber auch mit der blau-weissen Fahne gesehen, die Hatikwah singen. (Beifall), Hier ist ein Gebiet, das nicht gross genug ist, und diese Aufgabe liegt bei Euch, Zionisten: Sorgt dafür, dass überall einer ist, ein Bruder, der ihm aus der Not hilft. Das wird mehr zur Na tionalisierung der Emigration beitragen als alles andere. Das ist eine Pflicht, die gar nicht ernst genug genommen werden kann. Dr. Katzenelsohn beantragt folgende Resolution: „Der X. Zionistenkongress konstatiert, dass die bislierigen Versuche zur Regelung der jüdischen Emigration bei weitem ungenügend und nicht einheitlich sind. Er appelliert in erster Linie an das jüdische Volk und an die Organisationen, die sich an -diesem Werk betätigen, um eine grosszügige einheitliche Organisationsari) &it? die dem Ernst der Frage entspricht zu inaugurieren. Der Kongress fordert insbesondere von den Zionisten und den zionistischen Organen: 1. Eine ernste Mitwirkung an dieser wichtigen Gegenwartsarbeit und Erhaltung des Auswanderereleinents für das nationale Judentum. 2. Eine Förderung der Emigration nach dem nahen Orient, insbesondere nach Palästina und Syri-en." Es sind Hunderttausende von Menschen, die nach Hilfe schreien. Ein solcher Ruf von dieser Tribüne, wto wahr« Sympathie zum Ausdmck kommt, wird nicht fehl gehen. Wir müssen uns alle vereinigen, die amerikanischen Brüder und die europäischen, um zu schaffen, was möglich ist. Den amerikanischen Brüdern rufe ich zu: Ihr seid verpflichtet, für den Emigranten von heute zu arbeiten, denn Ihr seid selbst Emigranten von gestern. (Beifall.) Und Euch, meine Freunde, den russischen Brüdern, sage ich: Ihr seid noeh mehr verpflichtet zu arbeiten, denn Ihr seid Emigranten von morgen! (Stürmischer Beifall.) Vorsitzender Dr. Tschlenow teilt mit, dass die Ausstellung des N.-F. und anderer Institutionen in Palästinaheute abend im oberen Sitzungssaale des Kongresses eröffnet wird. (Beifall.) Kr ladet zu zahlreichem Besuch ein. Die anwesenden Aerzte — Delegierte und Gäste — haben einen Verein gebildet, dej1 zum Zweck hat, die Förderung der hygienischen Verhältnisse in Palästina. Der Verein hat drei Mitglieder gewählt, die er in den Palästina-ausschuss kooptiert halben möchte. Der Vorsitzende des Palästinaausschuss&s hat nichts dagegen. Das Wort hat nunmehr der zweite Referent Herr Motzkin: Leo Mot/kin (mit Beifall begrüsst). Als die Aufforderung an mich kam, hier aber die Auswanderung zu sprechen, war ich mir nicht ganz klar, ob es angebracht war, diese Frage auf dem Zionistenkongress zu beraten. Ich wusste von vornherein, dass sie den Zionistenkongress sehr kühl stimmen wird, dass sie ihn nicht in der Seele fassen wird und zwar aus folgendem Grunde: Die Zionisten teilen sich, wenn eine solche Frage aufgeworfen wird, in verschiedene Gruppen, die alle die Erörterung über diese Frage für ziemlich überflüssig halten. Die eine Gruppe erftlärt: die Antwort auf *iie Krage der Auswanderung haben wir längst theoretisch erteilt: Im Zionismus, und eine Antwort haben wir nicht. Andere Zionisten sagen folgendes: Wir haben zwar die Antwort auf das Aiiswanderungsproble.ni in vollem Masse nicht erteilt, aber wir haben überhaupt keine Antwort auf diese Fragt*, Und die dritte Gruppe der Zionisten sagt: Selbst wenn wir eine Antwort hätten, selbst wenn wrir der Ansicht wären, dass wir mit dem Auswanderungsproblem uns zu befassen hätten, genau so wie die anderen, so wäre das eine Verschwendung an Kraft, die wir uns einstweilen nicht leisten können. Ja, wenn wir wirklich schon das gesamte Judentum in uns vereinigten, dann hätten wir die Pflicht, alle Aufgaben des Judentums zu erledigen; solange wir aber nur einen kleinen Teil des Judentums repräsentieren, sollten wir uns mit unseren nächsten Aufgaben begnügen und nicht darüber hinausgehen. Dieser Komplex von Auffassungen bewirkt est dass nur ein Bruchteil der Zionisten in Wirklichkeit für diese Frage nicht nur aJs Menschen, sondern auch als Zionisten Interesse hat, Und da ich das wusste und da ich selbst zum Teil zu dies er Gruppe gehöre, so war es mir sehr schwer, diese Aufgabe zu übernehmen. Wenn ich es trotzdem tue, so tat Lch es nur deshalb: Ich sagte mir, es geht nicht an, dass der Zionismus über eine Lebensfrage des Judentums hinweggeht oder mit den verschiedenartigsten Ansichten und Aeusserungen, Stimmungen und Gedanken sich dazu stellt. Die Zionisten sollen sich klar machen, wie sie sicli dazu zu stellen haben. Es geht nicht an, eine Auswanderung, die den Zuwachs übersteigt, als quantite negligeable zu betrachten. Zu welchen Resultaten wir auch gelangen, jedes klare Resultat ist besser als eine gänzliche Nicht-Stellungnahme. Daher kürz meine Anschauungen. Wir können hier ohnedies mir die allgemeinen Prinzipien feststellen. Drei Fragen sind zu stellen : 1. Haben wir uns überhaupt an den Auswanderuugsarbeiten zu beteiligen? 2. Haben wir es als Zionisten zu tun? 3. Haben wir an einer allgemein-jüdischen Organisierung dieser Arbeiten mitzuarbeiten? Meine Antworten lauten: ad 1 : Die Antwort haben wir längst erteilt. Das Auswanderungsproblem ist nur ein Teil der allgemeinen Judennot, ilir präzisester Ausdruck; und die Behebung der Judennot kann nur durch den Zionismus geschehen, durch die Konzentrierung der Juden im Judenlande. Die Antwoit ist aber nur eine theoretische, solange wir nicht Ober die gesamten Machtmittel der Juden verfügen, solange uns nicht die Mittel gegeben sind, um eine wirklich grosse Auswanderung der Juden nach dem Judenlande zu bewerkstelligen; und da wir uns

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.