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Die Welt · 1911-08-14 · [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
[Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
Date
1911-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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viel zu grosser Strenge und zu schematisch vor, aber eö wird dort absolut kein1 Unterschied gemacht zwischen Juden und Nichtjuden. Wir brauchen nicht zu befürchten, dass man uns diese Zufluchtsstätte in Amerika auch noch verschliesst. Ich blicke sehr ruhig in dieser Beziehung in die Zukunft. So gross die jüdische Einwanderung in Amerika ist, so ist sie doch nicht gross im Verhältnis znr dortigen Gesamteinwanderung. Dort gilt das stolze Wort von Mac Kiuley: in Amerika sucht nicht der Mann die Arbeit, sondern die Arbeit den Mann. Roosevelt in seiner Botschaft an den 59. Kongress sagt, dass die Union nicht zu viel Einwarnlerer an ernten Leuten haben kann. Und Carnegie erklärte : „Wir entziehen den europäischen Ländern das beste Blut. Jeder Arbeiter bereichert unser Land; mögen sich die europäischen Länder um diese Frage kümmern. Wir brauchen esnichtzti tun". Ein Einwanderer hat nach amerikanischen Begriffen einen gewissen Kapitalwert. Aber es gibt noch etwas Wichtigeres als das: die Moral Ich werde nie glauben, dass das freie Amerika imstande ist, Leute, die aus einem brennenden Hause fliehen, zurückzustossen. In einem Lande, an dessen Eingang die Frau steht mit der Fackel in der Rechten und mit der Aufschrift: Freiheit regiert das Land — da habe ich keine Befürchtungen. Aber was mich bedrückt und bestürzt, das ist die Plan- und Systemlosigkeit, mit der unsere Emigration vor sich geht. In Italien hat die Regierung ein Budget von Millionen. In Neapel genügen dreiundzwanzig Beamte nicht, um die Auswanderung zu beobachten und zu regein. Ich will nicht sprechen von Ungarn und Belgien, wo sehr viel geleistet wird und zwar bei einer Emigration, die ohne Schwierigkeiten vor sich geht, ohne die Schwierigkeiten der Pässe, ohne all das, was der russische Auswanderer durchmachen muss, bis er überhaupt die Möglichkeit hat auszuwandern. Und eine Auswanderung wie die jüdische, die grösste unter allen, unter den abnormalsten Verhältnissen, die man sich denken kann, wenn wir da fragen, was geschehen ist, so kommen.wir zum Schluss: geschehen ist wenig, fast gar nichts! Als ich in Libau alle die Leiden zu sehen und zu hören bekam, da fiel mir die Richtigkeit des Satzes ein: Weinet nicht über den Toten, weinet über den Auswanderer! Was ist bei uns geschehen zur Abhilfe dieser grossen elementaren Not? Bis vor zehn Jahren, wo die Frankfurter Konferenz stattfand, überhaupt nichts. In Frankfurt hat man die Aufgabe unter die verschiedenen Organisationen verteilt. In Deutschland sollte der Hilfs verein der Deutschen Juden es übernehmen, in Russland das Zentralkomitee derlca, in Oesterreich die Alliance usw. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat sehr viel Herz und viel Seele der Sache entgegengebracht. (Beifall) Früher war geplant, dass der Hilfsverein die Zentrale sein und die Sondervereine mit ihm zusammenarbeiten sollten. Das ist leider nicht geschehen. Die anderen Vereine arbeiten für sich, und das ist der Hauptfehler. Er bewirkt, dass das, was geschieht, uneinheitlich und unorganisiert ist. Das Zentralkomitee der Ica in Russland hat mit den wenigen Mittein, die ihm zur Verfügung gestellt sind, doch einen Apparat geschaffen, der in einigen Punkten ganz Gutes leistet, aber eben nur im Verhältnis zu den Mitteln; sage und schreibe 50 000 Rubel im Jahr, bei einer Emigration von hunderttausend Menschen! Was die Alliance anlangt, so habe ich bei der vorjährigen Konferenz in Libau sehr viel klagen hören, dass bei der Kommission in Myslowitz sehr viel gesündigt wird, dass die Hilfe unverzeihlich gering ist oder ganz fehlt. Was bis jetzt geschieht, ist beschämend wenig. Man kann nicht eine so ernste Sache wie die Emigration, bei der das Schicksal von hunderttausend Menschen auf dem Spiel steht, in dieser Weise behandeln; man kann den Kampf nicht mit Kindergewehren führen, das ist lacherlich$&s<das ist unwürdig. Hier ist ein grosses Arbeitsgebiet. Ich bin natürlich absolut nicht dafür, dass man den Emigranten Unterstützung, bare Hilfe gibt; das würde ich. für das grösste Unglück halten. Aber die Regelung der Emigration selbst in bezug auf das nicht Vorauszusehende, die Krankheiten, die .Passschwierigkeiten, die Schwierigkeiten mit den Agenten usw., einfach auf das, was dem Emigranten unterwegs geschieht — schon das alles erfordert einen sehr grossen Apparat. Und doch ist das nur ein ganz kleiner Teil von dem, was zu geschehen hat. Viel mehr muss geschehen, um den Emigranten von vorherein auf sein zukünftiges Leben vorzubereiten, in bezug auf Sprachkenntnis, Gesundheit der Augen usw., den Arbeitsnachweis, was und wie er zu arbeiten hat, wohin er gehen soll. Noch mehr muss geschehen, wenn er bereits im Lande der Immigration ist, dass er die Möglichkeit hat, sich richtig anzusetzen an der Stelle, an die er hingehört, und sich nicht ausbeuten zu lassen. Es sind wohl einige Versuche einer systematischeren Emigration gemacht worden. Aber das ist so unbedeutend, dass es kaum lohnt, es vorzutragen. Und da habe ich an Euch, an die Zionisten eine ganze Reihe von Wünschen zu stellen, und das ist die Hauptveranlassung meines Vortrags. Vor allem, und das ist selbstverständlich, verlange ich von Euch, dass Ihr Schulter an Schulter überall dort Euch an der Arbeit beteiligt, wo organisiert wird, ganz egal, welche Organisation es ist. Wo man Eure Hilfe will, cla sollt Ihr mitarbeiten, und es geschieht ja auch. Als im vorigen Jahre in Libau eine Konferenz der Ica war, und ich mir die Vertreter ansah, stellte es sich heraus, dass es lauter Gesinnungsgenossen waren. (Beifall). Ja, wenn Sie das Geheimnis nicht weiter verraten, will ich Ihnen mitteilen, dass diese Konferenz der Ica in das Goldene Buch eingetragen ist, und die Mitglieder des Zentralkomitees der Ica haben auch dafür gezeichnet. (Beifall). Das beweist am besten, wie Arbeit einigt, wo Meinungen trennen. Auch die zweite Forderung, die ich stelle, scheint mir selbstverständlich zu sein; aber Selbstverständlichkeiten müssen wiederholt werden, so lange man sich nicht nach ihnen richtet. In den statistischen Tafeln figuriert die Auswanderung nach Palästina und Syrien mit ganz beschämend kleinen Zahlen, jährlich nur ein paar tausend Menschen, und selbst in den Jahren 1906 und 1907, wo der Auswanderungsstrom so stark war, nur 3400 und 1700. Man wird sagen, das kommt daher, weil der Auswanderer in Syrien die ökonomischen Verhältnisse nicht findet. Ich kann Ihnen erMären, dass ich dort in Syrien gefragt worden bin nach russischen Schneidern u.s.w.; es ist eine grosse Nachfrage. Nicht aus ökonomischen Gründen geht der Emigrant nicht hin, er geht nach Amerika, weil er dort bereits Bruder oder Vater oder sonst einen Verwandten hat, der ihn mit den Verhältnissen bekannt macht und der ihn dorthin zieht. Jemanden, der ihn nach Syrien oder Palästina ziehen würde, hat er nicht. Und dessen Aufgabe müssen wir übernehmen.

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