Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 3 (13.8.1911)
- Date
- 1911-08-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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828 DIE3^ELT TSo. 3 Volke die Religion mit dem Volkstum aufs engste verknüpft ist, so ist dies ganz besonders bei den Juden der Fall, bei denen doch die Religion seit vielen Jahrhunderten die Hauptrolle spielt, wo sie doch das einzige Moment der Erhaltung im jüdischen Leben war. Doch findet er, dass man solche Fragen nicht durch Beschlüsse und Resolutionen zur Klarung bringen kann. Er begreift sehr gut die Empfindungen und sogar auch die Entrüstung hier auf der rechten Seite in manchen Fällen, doch warnt er vor einer Taktik der Störung, der Vernichtung; wer arbeiten will, soll suchen, seinen Einfluss auszuüben. Redner wendet sich an die Misrachi: AVenn Ihr einer Einfluss auszuüben imstande seid, so tut es doch! Wenn wir aber vor uns Menschen sehen, die alles für ihr Ideal aufopfern, die mit Begeisterung nach Palästina gehen und dort arbeiten und die nicht im Sinne des Misrachi und des orthodoxen Judentums handeln, so wäre es unwürdig der jüdischen Religion, wenn wir solcher Instrumente nötig hätten, um diese Strömung zu unterdrücken. Man kann nur erziehen, Einfluss ausüben, belehren. Und was die Erziehung anbetrifft, sagt er: Seit zweihundert Jahren des Jischuw — wo sind die grossen Rabbiner, wo sind die hellen Geister in Israel? Ist es denn nicht eine Schande, dass, wenn man im Orient einen Grossrabbiner nötig hat, man ihn importieren muss? Und wenn junge Kräfte gekommen sind und eine Schule gründeten, so taten sie es selbstverständlich in ihrem Geiste. Gewiss sind ah dieser Schule gewisse Mängel, man kann gegen sie auftreten, auch Redner tue es; aber eins steht fest: die jungen Kräfte, die diese Schule gegründet haben, suchen die Wahrheit, sie sind auf dem Wege zur Wahrheit. (Stürmischer Beifall.) Wenn die Misrachisten kommen werden und eine eigene Schule gründen, wie es die Gründer der Tachkemoni-Schule getan haben, werde er der erste in ihren Reihen sein. Ussischkin ruft nicht nur den Misrachi, sondern auch der linken Seite zu: nur auf dem Wege des Schaffens kann etwas geschehen, aber auf dem Wege der Zerstörung kann nichts geschehen! (Stürmischer Beifall.) Dr. Schemarja Lewin gibt die deutsche Uebersetzung. Vorsitzender Dr. Tschlenow richtet eine Bitte an den Kongress. Das Präsidium ist selbstverständlich von der Wichtigkeit der Frage und dieser Debatte ü herzeugt. Sie ist kein Neuling auf unseren Kongressen, wir kennen sie schon seit Beginn der zionistischen Bewegung. Und da will ich Ihnen ein Wort in Erinnerung bringen, das unser grosser Führer schon damals als Antwort auf Wünsche in der Richtung der jetzigen misrachistischen Wünsche gegeben hat. Er hat nämlich feierlich erklärt, dass der Zionismus nichts unternimmt, was das religiöse Gewissen verletzt. Und auf dieser Grundlage — ich denke, wir können es alle bestätigen — steht der Zionismus bis jetzt, wird er immer stehen. Der Zionismus steht fest auf diesem Prinzip, erstens, weil er es will, und zweitens, weil er es muss. Wir haben in unseren Reihen verschiedene Richtungen. Sie können das sehr prägnant auch in diesem Saale jetzt sehen. WTir wollen aber alle als eine geeinigte Organisation arbeiten (Beifall) und das ist nur dann möglich, wenn diese verschiedenen Richtungen uns nicht stören, wenn wir uns als Brüder fühlen, um gemeinschaftlich der allgemeinen Sache zu dienen. (Beifall). Aber wir müssen auch an diesem Prinzip festhalten, weil sogar diejenigen, die von den Misrachisten vielleicht als nicht ganz religionstreu betrachtet werden, es ganz genau wissen, was für eine nationalisierende und vereinigende Kraft unsere Religion besitzt. (Beifall). Mit der Thora sind wir aus Palästina weggegangen, und mit dieser Thora wenden wir zurückkommen. (Lebhafter Beifall). Aber um sie zu ihrer alten moralischen Kraft zu bringen, müssen wir als erste Bedingung das beobachten, dass wir volle Toleranz zwischen uns üben (Beifall). Wir dienen alle dem Zionismus, die religiöse Ueberzeugurig ist Sache jedes Einzelnen (Beifall). Was die Leitung, unsere Zentralorganisatiou betrifft, so glaube ich das volle Recht zu der Erklärung zu haben, dass wir die Worte Herzl's als das Testament betrachten, das wir stets erfüllen werden. Und in dieser für uns einzig möglichen Richtung denke ich, dass es vielleicht nicht notwendig und jedenfalls nicht im Interesse der weiteren Führung unserer Verhandlungen ist, wenn wir statt einer Debatte über den N. F. und die Banken hier eine spezielle Religionsdebatte führen. (Zustimmung). Wir haben heide Richtungen sich aussprechen lassen. Nun bitte ich Sie aber, wollen Sie nunmehr den Gegenständen Ihre Aufmerksamkeit Avidmen, die auf der Tagesordnung stehen. (Beifall). Dr. Zweig: Ich folge der Aufforderung und kehre von der Kulturdebatte zur jN\ F.-Debatte zurück. Mit Freuden ergreife ich die Gelegenheit, dem NT. F.-Hauptbureau und seinem Leiter Dr. Boden heimer meinen und meiner Freunde wärmsten Dank und freudige Anerkennung auszusprechen. (Beifall). Denn diese wohlwollende Leitung nimmt Anregungen, von avo sie immer kommen, freundlich entgegen, prüft sie objektiv, und wenn sie sie bewährt gefunden hat* streut sie sie lebenspendend nach allen Seiten hin aus. Eine solche Anregung, für welche sich die Landesstelle Oesterreich seit langen Jahren mit allem Nachdruck eingesetzt hat, geht dahin, die Zersplitterung der Spendenzwecke zu beseitigen, und in die ganzen Sammlungen ein gewisses System zu bringen. Wir haben deshalb vorgeschlagen, die N.F.-Organisation zu einer allgemein zionistischen Finanzinstitution auszugestalten. Mit grosser Freude stelle ich aus dem Bericht des A.-G. fest, dass das Haupthureau dieser Anregung geneigt ist. Ich bedaure nur, dass es über die Erwägungen und Erhebungen noch nicht hinausgekommen ist und bin erstaunt darüber, denn aus dem Bericht ist zu ersehen, dass das Haupthureau die grossen Vorteile wohl anerkennt: planmässige Arbeit, Verteilung der Lasten. Dass es noch zu keinem Beschlüsse gekommen ist, erklärt sich wohl aus dem Widerstaod, der auf dem Selhständigkeitsgefühl unserer jungen Institutionen beruht. Auch der N.F. ist von Schuld nicht ganz freizusprechen; als Mutter sollte er die jungen Institutionen mit seinem Herzblut ernähren. Aber gerade von Köln sind die Sammlungen für die P. L. D.G. verboten worden; nicht aus rein sachlichen Gründen, sondern mit wegen des bedauerlichen Gegensatzes zwischen Köln und Berlin. Es klingt wie ein Hilferuf, wenn das Hauptbureau am Schlüsse des Berichtes sagt, es wolle für seine Beschlüsse die Ansicht massgebender Mitarbeiter einholen. Wer ist ein massgebenclerer Mitarbeiter als der Kongress? Daher stelle ich folgenden Antrag: „Der Kongress spricht sich dafür aus, dass die Sammelstellen des J.N.F. zu allgemeinen zionistischen Finanzstellen ausgebildet werden, welche für alle zentralen zionistischen Institutionen die Propaganda und das Inkasso zu besorgen haben. Diese Arbeit soll nach einem bestimmten Arbeitsplan geleistet werden, der jedem Sammelzweck seine Sammelmittel und Sammelzeiten zuweist." Der Redner spricht siek sodann zugunsten einer Besteuerung des N. F. aus. Man dürfe die neue, so lang ersehnte Leitung nicht ohne Mittel lassen. (Lebhafter Beifall). Schluss der Vormittagssitzung 1 Uhr mittags. um Sechste Sitzung Freitag, den 11. August, Nachmittags 4 Uhr. Vorsitzender Dr. Tschlenow eröffnet die Sitzung 4 Uhr und erteilt dem Sekretär Dr. Rosenblüth das Wort zu einigen Mitteilungen : Herr Finkelstein trägt Dr. Nordau, Dr. A, Marmorek und Jean Fischer in das goldene Buch ein. — Die freiwilligen Schalterbeamten des X. Kongresses tragen Herrn und Frau Professor Orn.stein ein. Der Vorsitzende teilt mit, dass Dr. Felix Theilh a b e r - München, zur Zeit in Jena, der Verwaltung des N. F. einen Scheck auf M 1000 übersandt hat, als erste Anzahlung auf eine Stiftung für Arbeiterw ohlfahrt in Palästina. Er beabsichtigt; diesen Betrag nach und nach auf M 10000 zu erhöhen. Die Verwaltung dieser Stiftung überlässt er der Verwaltung des N. F. s (Lebhafter Beifall.) Fortsetzung der Debatte über den Bankbericht. Es wird beschlossen, zum Bericht des Nationalfonds noch vier Generalredner zum Wort kommen zu lassen, mit einer Redezeit von 15 Minuten. Inzwischen beginnt die Debatte über den Bankbericht.